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Wahrheit liegt im Auge des Betrachters. Pinocchio

Wahrheit liegt im Auge des Betrachters.

Ein Versuch, dem Phänomen Wahrheit auf den Grund zu gehen.

Thomas von Aquin meinte kühn: „Veritas est simplex“, die Wahrheit ist einfach. Um diese Erkenntnis kann man ihn aus heutiger Sicht nur beneiden, denn befasst man sich mit Wahrheit als Phänomen, Wert oder als semantischem Begriff, hat man schnell den Eindruck, jede Informationsquelle führt nicht zu Klarheit, sondern zu immer größeren Widersprüchen. Unzählige schlaue und weniger schlaue Köpfe fühlten sich dazu berufen, die Wahrheit zu definieren, und jeder von ihnen sagt etwas anderes.

Die klassische Wahrheitsdefinition

In der klassischen Wahrheitsdefinition bezeichnen Wissenschaftler die Wahrheit als Beziehung zwischen einer Aussage und der Wirklichkeit. Womit sie allerdings umgehend vor dem nächsten Definitionsproblem stehen, denn die Wirklichkeit ist nicht unbedingt einfacher zu definieren.
Dem Anspruch auf Wahrheit wird mit allerlei Kriterien zu Leibe gerückt, die sich letztlich doch widersprechen oder unzureichend scheinen. Das liegt daran, dass der Begriff der Wahrheit zu den philosophischen Grundbegriffen gehört, die man nicht definieren kann, ohne sie vorauszusetzen. Wir haben es also mit einem äußerst komplexen Phänomen zu tun. Zyniker beobachten, dass eine Wahrheit immer nur so lange gilt, bis Nachforschungen etwas Neues, Widersprüchliches herausgefunden haben. Der deutsche Physiker Max Born sieht die Sache radikal: „Ideen, wie absolute Gewissheit, absolute Genauigkeit, endgültige Wahrheit und so fort, sind Erfindungen der Einbildung und haben in der Wissenschaft nichts zu suchen.“
Auch Nietzsche betrachtet die Wahrheit als ein Provisorium, als unwiderlegbare Irrtümer, mit denen wir uns zwischenzeitlich abfinden. Wahrheit ist also keine statische Sache, sondern hat, wie alles Leben, das Potential zu Vergänglichkeit. Davon war auch Mahatma Gandhi überzeugt: „Ich bin der Wahrheit verpflichtet, wie ich sie jeden Tag erkenne, und nicht der Beständigkeit.“

Die Guten sagen die Wahrheit, die Bösen lügen.

Dieses Urteil ist in unserem moralischen Wertesystem tief verwurzelt; ungeachtet der Ansichten mancher Denkväter unserer Kultur, wie zum Beispiel der eines Platon oder eines Sokrates, die der Lüge durchaus einen pragmatischen Wert abgewinnen konnten. „Du sollst nicht falsch aussagen gegen deinen Nächsten“ lautet schließlich eines der zehn Gebote der in Mitteleuropa vorherrschenden Staatsreligion, und Jesus verkündete laut Bibel: „Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme“. Auf die Spitze getrieben hat es wie so oft Immanuel Kant, der es sogar für ein Verbrechen hielt, zu lügen, um jemanden das Leben zu retten.
Die moderne Forschung nimmt zunehmend einen anderen Standpunkt ein. Anthropologen betrachten die Fähigkeit des Menschen zu lügen als etwas Positives. Dass man mit einer Lüge ein Menschenleben retten kann, spricht für diesen Ansatz. Dennoch nennen die meisten Menschen Ehrlichkeit als einen der erstrebenswertesten Charakterzüge.

„Sie schwören, dass Sie nach bestem Wissen die reine Wahrheit gesagt und nichts verschwiegen haben.“
„Ich schwöre es.“

Die Wahrheit steht in engem Zusammenhang mit anderen Werten in unserer Gesellschaft. Bei einer Gerichtsverhandlung kann nur das Streben nach Wahrheit zu Gerechtigkeit führen. In den meisten Fällen geht es um eindeutig festzulegende Tatsachen: Entweder hat A mit der beschlagnahmten Tatwaffe B erschossen, oder nicht. Schwieriger wird es bei Fragen, die sich nicht so eindeutig klären lassen, wenn beispielsweise die Aussage „A hat B provoziert“ zu beweisen ist.
Außerhalb des Gerichtssaals steht die Wahrheit in Konkurrenz mit anderen Werten, wie dem der Höflichkeit oder des Taktgefühles. Allen Werten gleichzeitig gerecht zu werden, gelingt selten, und so gestaltet es sich als schwierige Aufgabe, moralisch über eine bewusst ausgesprochene Unwahrheit zu urteilen. Musste die Wahrheit auf Kosten der Rücksichtnahme oder zugunsten der Verlogenheit zurückstecken?
In den meisten Situationen des täglichen Lebens wird die Wahrheit einer Aussage vorausgesetzt. Wenn ich den Schaffner frage, wann mein Zug ankommt, gehe ich logischerweise davon aus, dass er mir nicht bewusst eine falsche Zeit sagen wird. Wenn ich hingegen meinen eben zu spät gekommenen Freund frage, wann sein Zug angekommen ist, werde ich damit rechnen, dass er eine falsche Zeit als Ausrede vorgibt, um zu vermeiden, dass ich sauer bin.
Es scheint, als hätte die Wahrheit erst dann einen Wert, wenn die Verlockung besteht, zu lügen. Mehr noch: Sie wird erst als solche wahrgenommen, wenn sie sich im Umfeld von möglichen oder tatsächlichen Lügen befindet.

Wenn alle Menschen immer die Wahrheit sagten, wäre das die Hölle auf Erden.
(Jean Gabin, französischer Schauspieler, 1904 — 1976)

Gängige Phrasen wie „die traurige Wahrheit“ oder „der Wahrheit ins Auge blicken müssen“ deuten eine interessante Eigenschaft des Phänomens Wahrheit an: Wahrheit, die als solche erkannt und benannt wird, hat die Tendenz, unerfreulich zu sein.
„Hast Du mir die Wahrheit gesagt?“ fragen wir, wenn wir vermuten, dass es unangenehme Dinge zu wissen gäbe, die man uns verschwiegen hat.
„Pessimist ist jemand, der vorzeitig die Wahrheit erzählt“, meinte Cyrano de Bergerac. Trotz ihres hohen moralischen Wertes hat die Wahrheit oft einen schlechten Ruf.

Dass manche Menschen trotz angeblicher Wertschätzung von Ehrlichkeit nicht immer an der Wahrheit interessiert sind, lässt sich auch an der häufigen Tatsachenverdrehung von Journalisten beobachten. Eine Aussage des deutschen Aphoristikers Georg Christian Lichtenberg aus dem 18. Jahrhundert zeigt, dass das kein neues Problem ist: „Vom Wahrsagen lässt sich's wohl leben in der Welt, nicht aber vom Wahrheitssagen.“
Nicht zuletzt durch die Presse wird etwas häufig dann für wahr gehalten, wenn es viele Leute glauben. Menschen, die mit einer bahnbrechenden oder kritischen Erkenntnis an die Öffentlichkeit gehen, werden entweder nicht ernst genommen oder aus dem Weg geräumt. Davon unabhängig ist jedoch der Wahrheitsanspruch ihrer Erkenntnis: „Die Wahrheit hat nichts zu tun mit der Zahl der Leute, die von ihr überzeugt sind.“ (Paul Claudel, französischer Schriftsteller, 1868 — 1955)

In Vino Veritas
(„Im Wein liegt die Wahrheit“, römisches Sprichwort)

Manche Wahrheiten halten wir tief verschlossen, vielleicht sogar vor uns selbst. Wahrscheinlich, weil eine Offenbarung Probleme mit sich bringen würde (da haben wir es wieder, das schlechte Image der Wahrheit) und wir uns dadurch mit unseren Problemen ernsthaft auseinandersetzen müssten. Oder auch weil wir anderen damit einen zu intimen Einblick in unsere Seele erlauben würden. Solche Wahrheiten finden nicht selten unter dem Einfluss von Alkohol oder anderen Rauschzuständen ihren Weg ans Tages- oder Mondlicht. „You only tell me you love me when you're drunk“ heißt es im gleichnamigen Song der Pet Shop Boys.
Andere „tiefe Wahrheiten“ sind zunächst unzugänglich, weil sie nicht augenscheinlich erkennbar und nur schwer zu entschlüsseln sind. Davon weiß jeder ein Lied zu singen, der sich mit Gedichtinterpretation befasst. Hier nützt auch Alkohol meistens nicht allzuviel.

The truth is what you make of it

Philosophen neigen dazu, Wahrheiten nur fern von statistisch belegbaren Daten zu sehen: "Niemand ist weiter von der Wahrheit entfernt als der, der alle Antworten weiß. (Chuang Tsu, chin. Philosoph, 365-290 v. Chr.)
Die Wahrheit beginnt also dort, wo Zahlen und Fakten nichts mehr zu sagen haben? Demnach wäre sie etwas subjektives, das man nicht messen oder belegen kann. Diese Subjektivität würde bedeuten, dass jeder Mensch seine eigene Wahrheit definiert. Es gibt also immer soviele Wahrheiten, wie Personen in eine Geschichte verwickelt sind. „Wenn es nur eine einzige Wahrheit gäbe, könnte man nicht hundert Bilder über das selbe Thema malen.“ (Pablo Picasso)
Wie läßt sich das mit der hohen Wertschätzung der „ultimativen Wahrheit“ vereinbaren? „Vertrauen Sie denen, die nach der Wahrheit suchen, und misstrauen Sie denen, die sie gefunden haben“, rät uns der französische Schriftsteller André Gide. Eine noch radikalere Stellung beziehen Oasis und nennen ihr aktuelles Album Don't Believe The Truth. Hat nicht die Wahrheit selbst, sondern das Streben nach ihr den größten Wert?

Fassen wir zusammen: Wahrheit kann man nicht definieren, ohne sie vorauszusetzen; Wahrheit ist ein Grundwert unserer Gesellschaft; Wahrheit lässt sich nicht objektiv feststellen; Wahrheit wird in den meisten Fällen als selbstverständlich vorausgesetzt; Wahrheit lässt sich nicht messen; Wahrheit ist nicht das, was die Menschen glauben; und es gibt nicht nur eine Wahrheit.
Kennt sich noch irgendjemand aus?
Vielleicht ist es beruhigend, dem antiken Denker Xenophanes zu glauben, der behauptete: „Sichere Wahrheit erkannte kein Mensch und wird keiner erkennen.“

Katharina Litschauer


Kommentare



buttom schrieb am 29.10.2008 um 10:01 Uhr:

Ich finde deinen Text super! Wahrheit als solches zu erkennen, das eine derart wichtige Rolle in unserem Leben spielt und dennoch nicht definierbar ist. Es ist eine schöne Geistreise ins Paradox dieser dualen Welt, wenn man nicht unbedingt seinen Verstand befriedigen will, sondern sich hineinbegiebt in die Akzeptanz, das „sowohl — als auch“ anzunehmen.
Vielleicht gibt es sowohle eine Wahrheit, als auch eine für jeden Menschen individuelle Wirklichkit!? Vielleicht ist die Wahrheit das, was uns ausmacht und meine Wirklichkeit das, was ich daraus mache.
Ist also die Wirklichkeit nur ein mageres Bild der alles umfassenden Wahrheit? Etwa eine Illusion? Ein von mir in meinem Kopf zusammengereimtes Konstrukt geistiger Prozesse? Oder darf ich mich glücklich schätzen, der Erschaffer meiner Wirklichkeit zu sein? „Mein eigen Glückes Schmied?“ oder ist auch mein freier Wille nur eine Illusion, der nie existiert hat, weil ich seit Anbeginn meiner Zeit den chemischen Prozessen in meinem Kopf ausgliefert bin, die mir zwischendurch vorgaukeln, meine eigenen Gedaken zu sein? Gibt es denn dieFreiheit der Gedanken überhaupt oder machen Gedanken unweigerlich unfrei? Sind Gedanken mit ihren individuellen Auslegungen über die Wahrheit, die — stammend aus unserem rationalgenialen Verstand — nicht fähig sind paradoxes, widersprüchliches in sich zu vereinen, einfach nur Begrenzungen und Beschneidungen der Wahrheit?
Wenn das so ist, wie kann ich aufhören zu denken? Ist es möglich, nicht zu denken? Kann ich durch nicht denken die Wahrheit erspühren? Kann ich sowohl einen Zustand des „Nichtdenkens“ erreichen, als auch meinen Verstand verwenden?
„Niemand ist weiter von der Wahrheit entfernt, als der, der alle Antworten kennt.“ Das ist wahrscheinlic der tollste Satz, den ich seit Jahren gelesen habe. Für mich bedeutet er, je mehr ich mit meinem Verstand weiß und zu erklären versuche,desto weiter entferne ich mich von der Wahrheit. „Ich weiß, dass ich nicht(s) weiß.“ war die Erkenntnis von So[…]

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