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Schön. Praktisch. Magisch. Schuhe

Schön. Praktisch. Magisch.

Schöne Schuhe sind wie Architektur, die man bewundern kann, ohne darin wohnen zu müssen.

Anfangs findet Dorothy die Schuhe nur schön. Die Hexe des Nordens überreicht ihr die glitzernden, rubinroten Schuhe. Dorothy macht sich auf den Weg und folgt der gelben Backsteinstraße bis in die Smaragdenstadt. Die Schuhe schützen sie auf ihren Abenteuern, helfen ihr, die Hexe des Westens zu besiegen. Am Ende erfährt Dorothy das Geheimnis der roten Schuhe: Mit ihrer Hilfe kann man jeden Ort erreichen, zu dem man sich hinwünscht. So schlägt Dorothy dreimal die Hacken zusammen und kehrt zurück nach Kansas.

Vor 26000 Jahren begannen Menschen, Schuhe zu tragen. Seitdem sind die Knochen der kleinen Zehen weniger kräftig gebaut — eine Folge davon, dass sie in stützendem Schuhwerk stecken.

Schuhe also. Vielleicht hast du dir nie Gedanken über Schuhe gemacht. Vielleicht stehst du jeden Tag gegen 7:15 Uhr auf, putzt die Zähne, trinkst einen Tee und ziehst im Flur deine Schuhe an. Vielleicht denkst du, Schuhe sind Alltag. Bringen dich von A nach B. Schützen deine Sohlen vor Glasscherben. Im wachen Zustand deines Lebens sind Schuhe immer dabei. Als Haus-, Straßen-, Sport-, orthopädische Schuhe. Als Badeschlappen, Moonboots, Sandalen, Lederstiefel, Pantoletten, Mokassins, Slipper, Pumps. Schuhe sind Alltag. Schuhe verkaufen Träume. Schuhe sind Fetischobjekte. Sind trivial. Schuhe sind besungener, beschriebener, abgefilmter Teil der Popkultur. Mit Schuhen verdienen Menschen ihr Geld. Menschen sammeln Schuhe, machen Kunst aus Schuhen, widmen Schuhen ihr gesamtes Leben.

An den holländischen Stränden werden mehr linke als rechte Schuhe angespült. In Schottland ist es genau umgekehrt. Das hat eine Untersuchung niederländischer Biologen ergeben. Wie das Institut für Wald- und Naturforschung in Wageningen am Freitag mitteilte, fanden die Wissenschaftler auf der holländischen Nordseeinsel Texel 68 linke und 39 rechte Schuhe. An den schottischen Shetlandinseln dagegen sammelten sich 63 linke und 93 rechte Schuhe ein.

Schuhe sind Bestandteil von Mythen. Ihnen werden wie in „Der Siebenmeilenstiefel“ Zauberkräfte zugeschrieben. Der kleine Muck kann dank seiner Zauberpantoffeln mühelos weite Strecken in kürzerster Zeit zurücklegen. Stiefel verleihen dem gestiefelten Kater menschliche Züge. Der Nikolaus füllt Schuhe mit Süßigkeiten. In Aschenputtel, dem bekanntesten aller Schuhgeschichten, steht der Schuh für den grundlegenden Unterschied zwischen dem zierlichen, mädchenhaften Aschenputtel und ihren bösen Stiefschwestern. Damit greift das Märchen ein asiatisches Schönheitsideal auf: Kleinkindern wurden früher die Füße zusammengebunden, da mit verkrüppelten Füßen später ein übertragenes Weglaufen von den Eltern und später vom Ehemann erschwert wurde. In den Märchen von heute steht der kleine 50 Cent vor einem Schuhladen und wünscht sich nichts sehnlicher als die Sneakers im Schaufenster. Dafür dealt, schießt und rappt er, bis er sein Ziel schließlich verwirklicht hat.

Ein Mensch geht täglich 6000 Schritte zu Fuß, also im Laufe seines Lebens viermal um die Erde.

Schuhe provozieren Klischees. Trotz Imelda Marcos, der ehemaligen First Lady der Philippinen, die über 1000 Paar Schuhe besaß, trotz Sarah Jessica Parker, trotz all der in entsprechenden Büchern beschriebenen Männer, die besser einparken können, besitzen 55 Prozent der Frauen weniger als 25 Paar Schuhe. Kein Kinofilm, der ohne den obligatorischen Kameraschwenk vom Schuh hinauf zum Gesicht auskommt. Nancy Sinatra sang „These Boots Are Made For Walking“ und setzte damit ein feministisches Manifest. Die Ärzte verschenkten Schuhe aus Beton. Schuhe bestimmen den Rhythmus eines Tänzers. Cameron Diaz sagt „Schöne Schuhe seien wie Architektur, die man bewundern kann, ohne darin wohnen zu müssen.“ Schuhe sind immer Bestandteil der Kulturgeschichte gewesen, Bestandteil der Mode, kurzlebig in Stil, Spiegelbild ihres Trägers.

1991 spülte die Kuroshioströmung Turnschuhe von Nike an die Pazifikküste. Trotz langem Aufenthalt im Salzwasser ließen sich die Schuhe noch tragen. Das einzige Problem war: Die Schuhe kamen einzeln an. Erst als ein Küstenbewohner per E-Mail und Telefon eine Tauschbörse einrichtete, kam zusammen, was zusammengehörte: linke und rechte, grosse und kleine.

Durch ihre permanente Präsenz sagen Schuhe viel über ihren Träger aus. Sie sind eine dauerhafte Information über seine Rolle, seine Beziehung, seiner Meinung zur Gesellschaft. Du trägst Doc Martens, du trägst Birkenstocksandalen, du trägst High Heels auf einer Baustelle. Deine Schuhe sind geputzt, tragen voller Stolz den Dreck des letzten Jahres, sind selbst genäht, sind mit grellen Farben bemalt. Du trägst keine Schuhe, sondern gehst immer barfuss. Du trägst solange ein Pflaster über deiner Ferse, bis die teuer gekauften Schuhe endlich passen. Manche Schuhe ziehst du nur einmal in deinem Leben an. Du machst dir zuviel Gedanken über die Farbe deiner Schnürsenkel. Mutti putzt deine Schuhe. Bevor du in dein und in anderer Zuhause gehst, ziehst du deine Schuhe aus. Vielleicht denkst du nie an Schuhe. Vielleicht solltest du.

Stefan Petermann


Kommentare



Gerd schrieb am 09.02.2006 um 23:43 Uhr:

Mensch…Schuhe…doofes Schuhthema…mensch auch…hoffentlich gehts in der nächsten Justmag nicht um Unterwäsche…


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