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Der Mann, der Hitler das Fahrgeld schenkte.

Der Mann, der Hitler das Fahrgeld schenkte.

Jörg Lanz von Liebenfels hielt sich für den Erfinder des Nationalsozialismus.

1909 ging der böseste Mensch der Welt zum verrücktesten Menschen der Welt. Der erste hieß Adolf Hitler, der zweite Jörg Lanz von Liebenfels. Liebenfels war der Herausgeber der Ostara-Hefte , eine Art Lebenshilfe für den rassebewussten Arier. „Sind Sie blond? Sind Sie ein Mann? Dann lesen Sie die 'Ostara'.“ Mit solchen Sprüchen lockte der Wiener die Herrenmenschen. Die angeblich wahre Geschichte, die Liebenfels nach dem 2. Weltkrieg jedem Journalisten auf die Nase band, ging etwa so: Eines Tages kam Adolf Hitler, der gerade in Wien wohnte, in dessen Büro. Hitler war ein begeisterter Leser der Ostara-Hefte, ihm fehlten jedoch einige Ausgaben und deshalb kam er zu ihm. Weil Hitler auf Liebenfels einen so armseligen Eindruck machte, schenkte Liebenfels ihm die Hefte und gab ihm außerdem noch zwei Kronen für die Fahrt nach Hause. Dafür würde sich Hitler 19 Jahre später revanchieren. Auf seine Weise.

Jörg Lanz von Liebenfels gehört zu den obskuren Randfiguren der Geschichte. Zu denen, die ihren Platz noch nicht gefunden haben. 1874 wird er in Wien als Joseph Adolf Lanz geboren. Kindheit und Jugend liegen im Ungewissen. Mit 19 Jahren tritt er dem Zisterzienserorden des Stiftes Heiligenkreuz im Wienerwald bei. Sieben Jahre später tritt er bereits wieder aus. Wegen „steigender Nervosität“, sagt er, das Klosterverzeichnis vermerkt hingegen mürrisch: „Der Lüge der Welt ergeben und von fleischlicher Liebe erfasst warf er am 27. April 1899 das Mönchsgewand und die Priesterwürde, vielleicht auch sowohl den katholischen als auch den christlichen Glauben von sich und fiel schändlich ab.“ Beide verschweigen die Geschichte mit dem Grabstein. Die handelt davon, wie die Mönche ihr Kloster renovieren und dabei einen Grabstein ausheben. Auf der Rückseite entdecken sie einen Mann, der mit dem Fuß einen Affen niederdrückt. Liebenfels hingegen entdeckt sein Lebensziel: Er hält den Mann für einen Tempelritter, dessen Aufgabe es war, den Affenmenschen niederzuhalten. Liebenfels verlässt das Kloster, möglicherweise auch wegen einer Frau, und entwickelt seine Idee: Die Welt besteht aus Asingen (von den germanischen Asengöttern) und den Tschandalen, den Mischlingen und Affenmenschen. Die Asinge sind die blonden Germanen, die Tschandalen Schwarze, Asiaten, Südeuropäer. Die Asinge sind die Herren, die unterentwickelten Tschandalen nicht mehr als Haustiere, die sich entweder unterwerfen oder auswandern müssten. Seine Vorstellungen reichten gar bis zur Ausrottung. Da aber die blonde Frau dazu neigt, wegen der größeren Manneskraft den Tschandalen zu verfallen, konnten sich diese hochzüchten und gefährden nun die Rassenreinheit und damit Machtstellung der Blonden. Lanz fordert deshalb, dass sich die Blonden nur untereinander fortpflanzen, um die Reinheit der eigenen Rasse zu sichern. „Unser Vieh haben wir durch Viehzuchtzölle vor Rassenentartung und Verseuchung geschützt, die Menschen aber geben wir noch schutzlos der Verseuchung und Blutverpanschung der geilen Tschandalas des Ostens und Südens schutzlos preis“, schreibt er. Ihm schweben „Reinzuchtkolonien“ vor, in denen die „Zuchtmütter“ den Bestand der Asinge sichern. Wenig mitfühlend erklärt er: „Die Zuchtmütter müßten in strengster Abgeschiedenheit leben, damit keine Versuchung zum Ehebruch gegeben ist. Gewiß wird damit von der Zuchtmutter viel verlangt! Aber diesen Schmerzensweg muß das Weib zurückgehen, nachdem es den jahrtausendelangen Weg der bacchantischesten Wollust getaumelt ist.“ Sein Frauenhass ist groß, die Frauenbewegung hält er für Unfug, die Frau ist Besitz des Mannes. Einmal warnte er: „Sind wir ehrlich, so drohen heute dem jungen Manne von keiner Seite so viele Gefahren als von der Seite des unerzogenen oder verzogenen deutschen Weibes.“ Im 1. Weltkrieg kommt auch Antisemitismus hinzu.

Diese Kernideen vertritt Lanz in allem, was er schreibt, so in seinem Hauptwerk Theozoologie oder die Kunde von den Sodoms-Äfflingen und dem Götter-Elektron (1906) und den Ostara-Heften (ab 1906). Denen liegen eine zeitlang sogar „Sammelgutscheine zum Rassen-Schönheitspreis“ bei. Wer genügend besitzt, erhielt ein „Rassenzertifikat“. Außerdem gründet er den Neutempler-Orden, in dem er Mannesrecht und Rassenreinheit verlangt. Er nennt sich nun Baron Dr. Adolf Georg Lanz von Liebenfels und schart reiche Mitglieder um sich, unter ihnen Reichsfreiherren, Hofkuriere, Fregattenkapitäne und Generäle. Die müssen, wenn sie genügend Geld mitbringen, auch nicht den Idealen eines Blonden entsprechen. Sie sind es auch, die ihm das Geld für die Ordensburg geben, die Ruine Werfenstein, auf der er 1907 eine Fahne mit einem Hakenkreuz hisst, ein Symbol, das er sich bei seinem Mentor Guido von List abgeguckt hat. Die Anhänger sind Liebenfels treu ergeben. Der Industrielle Walthari Wölfl sagt 1927: „Dir aber, Meister Lanz-Liebenfels, danken wir das Glück, unser Leben durch Deine Lehre reich und bewußt gestalten zu können. (…) Du öffnetest durch Deine Lehren die Pforten zum irdischen Himmelreiche, Du erschlossest uns den Keim der ewigen Wahrheit.“ Ein Dr. E.R. schreibt ihm, dass er wegen der Ostara-Hefte seine halbjüdische Verlobte verlassen hätte, um eine Norwegerin zu heiraten.

Dann taucht in den 20ern plötzlich diese Bewegung auf in Deutschland. Die Leute nennen sich Nationalsozialisten und ihr Führer, dem er angeblich zwei Kronen Fahrgeld schenkte, vertritt genau die Ideen, denen auch Liebenfels anhängt. Er beansprucht geistige Urheberschaft, doch als die Nazis ihn ignorieren, beginnt er ebenfalls, sie abzulehnen. Die Verbindungen zu Hitler sind dünn, sagt auch die Forschung. In seiner Hitler-Biographie bemerkt Joachim Fest: „Die Analyse des vorliegenden Materials erlaubt nicht den Schluß, Lanz habe einen nennenswerten Einfluß auf Hitler ausgeübt.“ Brigitte Hamann stellt in ihrem Buch Hitlers Wien fest: „Die Thesen von Rassenzucht und Reinhaltung des Blutes, von edlen Ariern und minderwertigen Mischlingsrassen waren (…) um 1900 so verbreitet, daß kein Autor allein als Quelle für Hitler auszumachen ist.“ Der Tiefenpsychologe Wilfried Daim jedoch glaubt Liebenfels, als er ihn persönlich trifft. 1958 schreibt er ein Buch über ihn: Der Mann, der Hitler die Ideen gab. Vier Jahre nach Liebenfels' Tod. „Er ist wohl einer der geschichtsmächtigsten Figuren des europäischen Untergrundes“, sagt Daim. Interessanter ist sein Urteil über die Psyche Liebenfels': „Der Wirklichkeitsverlust bei Lanz bezog sich vor allem auf Sachverhalte, die seiner Ideologie widersprachen.“ Er hat sogar einige Patente angemeldet. Daim lässt sie überprüfen. Ergebnis Das „Automatische Eisenbahnblocksystem“ und der „Scheibenrad-Propeller für Flugzeuge und Unterseeboote“ funktionieren wirklich, wenn sie auch nicht sonderlich anspruchsvoll sind.

Die Nationalsozialisten jedoch ignorierten Liebenfels nicht bloß. Als Österreich 1938 Teil des Dritten Reiches wurde, erhielt er Schreibverbot. Gut möglich, dass Hitler selbst den Befehl erteilte, weil er die Verbindung zwischen ihm und Liebenfels, und war sie auch noch so dünn, geheim halten wollte. Mit so einem Spinner wollte selbst Hitler nicht in Verbindung gebracht werden.


Weiterführende Literatur

  • Brigitte Hamann, Hitlers Wien: Lehrjahre eines Diktators, 1998
  • Peter Emil Becker, Zur Geschichte der Rassenhygiene, 1988
  • Wilfried Daim, Der Mann, der Hitler die Ideen gab, 1958

Sebastian Dalkowski


Kommentare



A.J. schrieb am 23.09.2008 um 19:59 Uhr:

Woher stammt denn die Erkenntnis, dass Lanz seine Geschichte „jedem Journalisten auf die Nase“ band? Glaubt man der Forschungsliteratur, stellen die Gespräche mit Wilfried Daim die einizige Quelle dar, in welcher Lanz von seinem angeblichen Treffen mit Hitler berichtete.
Mittlerweile scheint es ferner erwiesen zu sein, dass Lanz das Kloster Heiligenkreuz aufgrund einer Liaison mit einer Frau verließ. Den möglichen Beweis bietet eine nun aufgefundene Heiratsurkunde, welche die Eheschließung Lanz' mit einer gewissen Friederike Helene Antonie nur wenige Monate nach seinem Klosteraustritt im Jahre 1899 belegt.
(siehe Paape, Walther: Drum haben wir ein Tempelhaus gegründet: Der Neutemplerorden (Ordo Novi Templi, ONT) des Lanz von Liebenfels und sein Erzpriorat Staufen in Dietfurt bei Sigmaringen, Meßkirch 2007.)


Manfred Ach schrieb am 26.07.2008 um 00:06 Uhr:

Das „Schreibverbot“ von 1938 kann nicht stimmen! Ich bezweifle sogar, dass Lanz jemals ein Schreibverbot bekommen hat. Die Auflösung und das Verbot des ONT ist damit nicht zu verwechseln. Eine Urkunde, die tatsächlich ein Schreibverbot für Lanz beinhaltet, ist mir nicht bekannt. Sollte es so eine geben, wäre ich am Inhalt höchst interessiert.

eMail: post@m-ach.de

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