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1000 Jahre in Mürwik.

1000 Jahre in Mürwik.

Wie Karl Dönitz das Ende der Nazis verwaltete.

Am Ende sitzen die letzten Führungskräfte des Dritten Deutschen Reichs in Mürwik, einem Vorort von Flensburg und verwalten, von niemanden legitimiert, das Ende des tausendjährigen Reichs. Sieben Kilometer groß ist die Enklave, einem zur „Offenen Stadt“ ausgerufenen Ort. Kontakt zur Bevölkerung kann nur über einen Radiosender hergestellt werden. Auf dem Gelände einer Marineschule erteilt Reichspräsident Dönitz Befehle, während die Alliierten nach und nach seinen Führungsstab verhaften. Drei Wochen lang führt er ein Deutschland, was längst nicht mehr existiert.

Wenige Wochen zuvor hat Adolf Hitler in seinem politischen Testament den in Norddeutschland weilenden Dönitz zum Reichspräsidenten bestimmt und damit zu seinem Nachfolger. Hitler sagt: „Ich könnte in die Berge gehen oder zu Dönitz nach Flensburg. 14 Tage später wäre ich genauso weit wie heute. […] Man muss Mut haben, die Konsequenzen zu ziehen — ich mache Schluss.“ Hitler zieht die Konsequenzen und begeht am 30. April gemeinsam mit seiner frisch angetrauten Ehefrau Eva Braun Selbstmord.

Dönitz ist zu diesem Zeitpunkt 53 Jahre alt und Oberbefehlshaber der Kriegsmarine. Sein besonderer Aufgabenbereich ist die U-Boot-Flotte. Einen Tag nach Hitlers Selbstmord erhält Dönitz von Martin Bormann ein Telegramm mit der Mitteilung: „Testament in Kraft.“ In einer darauf folgenden Rundfunkansprache wird Hitlers Tod vermeldet: dass „unser Führer … bis zum letzten Atemzug gegen den Bolschewismus kämpfend, für Deutschland gefallen ist“. Dönitz erklärt es im Radio zu seiner dringendsten Aufgabe, „deutsche Menschen vor der Vernichtung durch den vordringenden bolschewistischen Feind zu retten“. Die dafür notwendigen Schritte wird er erst Tage später einleiten. Die Wehrmacht weist er darauf hin, dass der auf Hitler geschworene Treueeid nun für ihn gilt. Am gleichen Tag begeht „Reichskanzler“ Goebbels Selbstmord.

Am 2. Mai kapituliert Berlin. Dönitz verfügt, dass Hamburg nicht verteidigt werden soll, und nimmt Kontakt zur britischen Armee auf, um einen Waffenstillstand für den nördlichen Teil Deutschlands zu erreichen. Am 3. Mai bezieht die deutsche Regierung Mürwik als Hauptquartier und erklärt Flensburg zur „offenen Stadt“. Der Reichssender Flensburg nimmt die Arbeit auf und überträgt eine Ansprache Albert Speers, der an die Deutschen appelliert, eine Lähmung des öffentlichen Lebens zu vermeiden. Es wird verfügt, alle Hitler-Bilder an ihrem Platz zu lassen, um zu zeigen, dass Deutschland auch nach Hitlers Tod zu seinem „Führer“ steht. Waffenstillstandsabkommen in Westeuropa werden unterzeichnet. Dönitz besetzt die Regierung um; tragende Rollen haben nun Albert Speer und Alfred Jodl inne. Der unterzeichnet am 7. Mai die endgültige deutsche Gesamtkapitulationserklärung. Spanien und die Schweiz brechen die diplomatischen Beziehungen zur Regierung Dönitz ab. In einer amtlichen Meldung verliest Reichsminister Krosigk die bedingungslose Kapitulation: „Auf dem Weg durch das Dunkel der Zukunft müssten wir uns durch drei Sterne erleuchten und führen lassen, die stets der Unterpfand echten deutschen Wesens waren: Einigkeit und Recht und Freiheit.“

Entgegen der Ankündigung Dönitz', dass die Rettung von Flüchtlingen aus den ostdeutschen Gebieten Priorität hat, stehen seine Befehle: Am 22. Januar 1945 befahl Hitler auf Dönitz' Vorschlag, sämtliche Kohlereserven der Marine für militärische Aufgaben und nicht für den Transport der Flüchtlinge aus den Ostgebieten zu nutzen. Dadurch sollte alles getan werden, um die kämpfenden Truppen zum Durchhalten zu zwingen und weiterhin die östliche Ostsee als Übungsgebiet für neue U-Boot-Typen nutzen zu können. Bis kurz vor der Kapitulation wird Kriegsmaterial in den Osten geschafft. Erst am 6. Mai räumt Dönitz der Rettung der Flüchtlinge Vorrang ein und gibt die Brennstoffreserven der U-Boote frei. Transportschiffe werden, viel zu spät, in die Gebiete geschickt. In seiner nach Kriegsende erschienenen Autobiographie wird Dönitz von einem vom Nationalsozialismus distanzierten Militär schreiben.

Der amerikanische Oberbefehlshaber und spätere Präsident Dwight D. Eisenhower leitet die Durchführung der Kapitulation ein und unterstellt Nord- sowie Süddeutschland alliierten Militärs. Die Regierung Dönitz äußert sich in einer Proklamation, die eine „grundsätzlich Abkehr von Methoden bedeutet, die von außen und von innen vielfacher Kritik begegnet sind.“ Dönitz betont, dass deutsche Soldaten weiterhin das Recht haben, Kriegsauszeichnungen zu tragen. Das goldene Ehrenzeichen das NSDAP hingegen sei abzulegen. Die Alliierten sollen die deutschen Soldaten aus der Wehrmacht entlassen.

Auf dem vor Flensburg liegenden Wohnschiff Patria finden Dönitz' Unterredungen mit dem Leiter der alliierten Kontrollkommission statt. Die dringendsten Probleme sind die Ernährungsfrage, der Geldumlauf und die Wiederankurbelung des Transportwesens. Um Zwischenfälle zu vermeiden, ordnet Dönitz die Entfernung von Bildern führender Persönlichkeiten im Dritten Reich aus Diensträumen an. Beinah täglich werden nun Mitglieder der deutschen Regierung von den Alliierten verhaftet; Staatsminister Meissner ebenso wie Reichsminister Backe und Reichsorganisationsleiter Ley. Das Alliierte Oberkommando erklärt, dass die „Organisation unter Großadmiral Dönitz keine Regierung“ darstelle und dass der gegenwärtigen deutschen Verwaltung „höchstens noch die Unterämter für einige Monate“ zu belassen seien. In der amerikanischen Besatzungszone wird eine erste provisorische Regierung unter Leitung eines früheren SPD-Mitgliedes eingesetzt. In Mürwik werden währenddessen die Verhandlungen fortgesetzt. Wichtig sind dabei die Fragen der Ernährung und des Wiederaufbaus des Verkehrs.

Am 23. Mai wird Dönitz gemeinsam mit OKW-Chef Alfred Jodl an Bord der Patria empfangen. Dort wird ihm mitgeteilt, dass die geschäftsführende Regierung und das Oberkommando der Wehrmacht auf Befehl von Eisenhower inhaftiert werden sollen. Dönitz wird nach Flensburg aufs Polizeipräsidium gebracht und dort verhaftet. Damit ist die deutsche Reichsregierung aufgelöst und die Regierungsgewalt übernehmen die alliierten Befehlshaber.

Dönitz entgeht im Oktober 1945 vor dem internationalen Gerichtshof in Nürnberg knapp der Todesstrafe. Angeklagt ist er „für das Versenken von feindlichen Handelsschiffen ohne Vorwarnung“. Er wird zu einer Haftstrafe von zehn Jahren im Gefängnis in Spandau verurteilt. Mithäftlinge sind dort unter anderen Rudolf Hess und Albert Speer. Nach 1956 lässt er sich in der Nähe von Hamburg nieder; seine Frau ist kurz zuvor verstorben und die beiden Söhne im Krieg gefallen. Am Weihnachtstag 1980 stirbt der letzte Reichspräsident des tausendjährigen Reichs.


Mehr zu diesem Thema

  • „Das III. Reich. Eine Tageschronik.“ Manfred Overesch. Weltbild Verlag 1991.
  • „Eine Welt in Waffen. Die globale Geschichte des Zweiten Weltkriegs.“ Gerhard L. Weinberg. Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart 1995.
  • „Schickt Schiffe“
  • Sonderbereich Mürwik

Stefan Petermann



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