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Klavierspielen 2.0.

Klavierspielen 2.0.

Durch youtube zum Tastengott.

Ich weiß noch, wie ich zum ersten Mal mit dem Gedanken spielte, Klavierunterricht zu nehmen. Ich war auf dieser Hausparty eines Freundes: tolle Stimmung, die Zeit verging wie im Flug. Etwa gegen Mitternacht — ich sah zufällig gerade in die Richtung — setzt sich ein Typ beiläufig ans Klavier. Dehnt sich die Finger, streicht kurz über die Tasten. Fängt an zu spielen. Und mir fällt fast die Kinnlade herunter! Was der da locker aufzockt, obwohl er sicher schon ein paar Drinks intus hat! Das muss irgendwas von Mozart sein, grüble ich, irgendwas in C-Dur oder so. Ein paar weibliche Wesen versammeln sich um das Instrument und himmeln den Pianisten an, während meine Neid-Blässe mit der weißen Tapete konkurriert.

Ich muss zugeben: Ich habe schon immer diese Sorte Junge beneidet.
„Braune-mittellange-Haare-und-melancholischer-Blick“ — Typen, die sich auf Hausparties so beiläufig, als würden sie das seit Jahren tun (was auch tatsächlich zutrifft), ans Klavier setzen und locker Rachmaninoffs drittes Klavierkonzert oder „Bad Day“ von Daniel Powter runterspielen. Der Neid animierte mich, es selbst einmal mit dem Klavier zu versuchen.

Da ich im Gegensatz zu den Klaviergöttern aber nicht das Glück hatte, den Unterricht am Instrument in die Wiege gelegt bekommen zu haben, musste ich eine Klavierlehrerin auf eigene Spesen finanzieren. Und was für Spesen! Bei dem Stundenlohn, so kommt es mir vor, müssten Klavierlehrer doch eigentlich nur zwei Monate arbeiten und den Rest des Jahres Urlaub machen können. Ich unternahm also meine ersten pianistischen Gehversuchte. Und die klangen gar nicht so schlecht! Ein halbes Jahr lang opferte ich meine Ersparnisse, bevor ich die letzte schwarze oder weiße Taste drückte und aufgab. Der Grund: Ich wollte spielen. Und nicht stundenlang Notenblätter dechiffrieren. Ich konnte einfach keine Noten lesen! Für mich waren die schwarzen Punkte und Striche ein unverständlicher Geheimcode, den ich nie verstehen würde. Jedes Stück war eine Mühsal, musste ich doch jede Note einzeln vom Blatt ablesen, sie durch mein Entschlüsselungsprogramm im Gehirn quälen und sie dann auf die Hand übersetzen, und mit etwas Pech hatte ich da schon den Zusammenhang zur vorherigen Note verloren. Diese Umstände führten vorerst zu einem Ende meiner Pianisten-Karriere.

Ein paar Jahre später begann der Siegeszug aller möglichen Web 2.0-Homepages in die Lesezeichen-Symbolleisten der Jugendlichen. „Benutzergenerierte Inhalte“ hatten Hochkonjunktur. Eher zufällig stieß ich auf ein Video bei Youtube: Jemand hatte sich beim Spielen von „A thousand miles“ von Vanessa Carlton gefilmt. Aber nicht nur beim Spielen, die Person unterbrach immer wieder und erklärte genau, welche Tasten man spielen muss. Und das ganz ohne Noten! Ich war begeistert.

Ich organisierte mir dank Ebay ein billiges Keyboard und sah mir wochenlang alle möglichen Videos an. Da gibt es nämlich eine Menge: Einfach mal „How to play“ plus den Liednamen bei Youtube eingeben: Die bekannten Stücke sind alle vertreten. Und man lernt wirklich kinderleicht: Einfach nur durch Zusehen, Pause drücken und Nachspielen.

Meine Klavierkarriere 2.0 hat begonnen! Fortsetzung folgt…

Kasanobu Serdarov



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