 Es möchte echt sein.
Keine Lieder über Liebe will ein authentischer Liebesfilm sein — um jeden Preis.
Das Dilemma ist perfekt. Da sind auf der einen Seite die Bands, die du magst, (Tomte und Kettcar), und auf der anderen Seite Deutschlands populärste Indie-Schauspielriege um Jürgen Vogel, Heike Makatsch und Florian Lukas. Und alle sind sie in einem Film versammelt! Keine Lieder über Liebe heißt die zweite abendfüllende Kinoproduktion von Lars Kraume (Viktor Vogel — Commercial Man), die am 27. Oktober in Deutschland anlaufen wird. Vorweg ging eine der stimmigsten, weil glaubwürdigsten Imagekampagnen, auf die jemals ein deutscher Film zurückblicken konnte (Hamburger Morgenpost), durch die hiesige Medienlandschaft. Was zu Beginn noch als der Tomteundkettcarfilm durch die Presse geisterte, nahm schnell präzisere Formen an. Geplant sei ein Musikfilm im Doku-Stil über die fiktive Hansen- Band, bestehend aus den Musikern Thees Uhlmann (Tomte), Marcus Wiebusch (Kettcar), Max Schröder (Olli Schulz und der Hund Marie), Felix Gebhard (Home Of The Lame) und dem Schauspieler Jürgen Vogel. Der Clou: Die Band absolvierte im Vorfeld eine dreiwöchige Clubtournee durch die norddeutsche Provinz und spielte eigens für den Film ein komplettes Album ein, das zeitgleich zum Film auf dem hauseigenen Label der mitwirkenden Bands veröffentlicht wird. Dazu Soundtrack zu sagen, wäre viel zu schade.
Und der Film? Eine kühne Idee. Mehr nicht. Die Idee zweier sich gegenseitig befruchtenden Künste ist nicht neu, man denke nur an Bandits zurück, kann aber auch dieses Mal nur als zugegeben ambitionierter Versuch gewertet werden. Dabei hat sich Lars Kraume mächtig ins Zeug gelegt und alle nur denkwürdigen Authentifizierungsstrategien aufgefahren. In Zusammenarbeit mit Jürgen Vogel wühlte man sich durch 26 CDs, um letztendlich zwei davon gut zu finden und diese dann auch später trotz anfänglicher Skepsis („Zelluloid ist nun wirklich das, was die Anderen machen.“) für das Projekt gewinnen zu können. Diese Kollaboration macht nun auch die große Stärke des Films aus. Die besten Momente sind nämlich jene, in denen die Band auf der Bühne steht.
Leider fehlt es dem Film aber an packenden Momenten. Was vielleicht auch an der vorhersehbaren Story liegen könnte. Tobias (Florian Lukas) will einen Dokumentarfilm über die aufstrebende Band seines Bruders Markus, gespielt von Jürgen Vogel, drehen. Nach der ersten Station stößt seine Freundin Ellen (Heike Makatsch) zur Gruppe und beginnt im Verlauf der Handlung eine kurze aber verhängnisvolle Affäre mit dem Bruder ihres Freundes. Es kommt selbstredend zum Eklat. Die Dreiecksverbindung gerät ungewollt immer stärker in die Schusslinie des Dokumentarfilms, dessen eigentliche Protagonisten zu Statisten verkommen und lediglich als Kulisse für das Beziehungsdrama des Trios herhalten müssen.
Zugegeben, das Klima, das auf Tour vorherrscht, wird wunderbar eingefangen. Und seit dem Film wissen wir, dass auch Groupies zum Inventar von Indiebands gehören können. Wie schön. Natürlich ist Keine Lieder über Liebe kein verklärter Blick über den Touralltag einer Rockband geworden. Ausgedehnte Besäufnisse, zugemüllte Backstageräume, verrauchte Clubs. Hier wird nichts beschönigt oder gar romantisiert. Daran krankt der Film aber auch: An dem Versuch, möglichst authentisch zu wirken. Verwackelte Bilder, mangelhafte Ausleuchtung, holprig geschnittene Szenen, das kennt man auch als sporadischer Kinogänger aus anderen Filmen zu genüge und auch durchaus fesselnder inszeniert. Woran es dem Film letztendlich mangelt, sind halbwegs geistreiche Dialoge oder dynamischere Wortwechsel. Selten hat man so sinnentleertes Wortgeplänkel in einem Film gehört, was leider einen Großteil des Gesamtfilms vereinnahmt, der andere Teil geht für intensives und bedeutungsschwangeres in die Kamera schauen drauf. Falls dass das echte Leben ist, beziehungsweise die vom Regisseur unterstellte Wahrheit, bevorzuge ich die Lüge, in diesem Fall Fiktion oder zumindest ein passabel geschriebenes Drehbuch, das laut Kraume tatsächlich existiert hat, aber (leider) nie zum Einsatz gekommen ist: „Ich habe es nie angerührt […] die Schauspieler haben vier Wochen eigentlich durchgehend improvisiert.“ Da gucke ich mir doch lieber zum dritten Mal Almost Famous an.
Keine Lieder über Liebe bietet eine Fülle an vielversprechenden Ansätzen, die aber leider nur angerissen werden. Zum Beispiel hätte der Aspekt über das Mitnehmen von Frauen, im speziellen von Freundinnen auf Tour, stärker herausgearbeitet werden können, interessant und neu genug wäre dieser Blickwinkel allemal. Schade, dass die Auseinandersetzung mit dieser heiklen Thematik leider nur auf Papier in Keine Lieder über Liebe — Ellens Tagebuch Heike Makatschs Buch zum Film (erscheint im Oktober bei KiWi) stattfindet. Ansonsten der übliche Rattenschwanz an Lobhudelei: Die Schauspieler, allen voran Jürgen Vogel, verkörpern ihre Rollen glaubwürdig und auch die mitwirkenden echten Musiker, füllen ihre zwar nur kleinen Rollen toll aus. Dennoch überwiegt die Enttäuschung. Was bleibt ist die eine Kettcar-Zeile, die mir nach der Pressevorführung im Kopf rumschwirrt: „Das Gegenteil von gut ist gut gemeint“ und zum Glück erscheint parallel zum Film ja auch diese eine tolle Sache, wofür die Bezeichnung Soundtrack viel zu schade wäre.
Katja Peglow
Kommentare
| Elppa N. Roht schrieb am 02.11.2005 um 17:05 Uhr: |
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„Woran es dem Film letztendlich mangelt, sind halbwegs geistreiche Dialoge oder dynamischere Wortwechsel“
Genau das fehlt nicht! Das was ich unter dynamischen Wortwechseln verstehe kommt im Film sehr gut zur Geltung. Allein die Möglichkeit, dass der Film an zu gezwungener Echtheit hinkt, bedeutet ja nicht dass es auch so ist. Ich kann nur sagen: Ja authentisch! Und einer der besten Filme die ich in letzter Zeit gesehen hab.
Vielleicht sollte beim nächsten Mal jemand rezensieren, der diesem Thema zumindest neutral gegenübersteht ("Von Spatzen und Tauben… -Kommentar)
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| Antwort von Katja (Redaktion) am 03.11.2005 um 21:19 Uhr: |
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Falls eine neutrale Person den Film bewerten sollte dann war ich vermutlich wirklich die falsche Wahl. Ich bin nämlich selbst Fan, der im Film mitwirkenden Bands und hatte somit hohe Erwartungen an „Keine Lieder über Liebe“, die m. E. nicht erfüllt wurden. Im übrigen lässt sich meiner Meinung nach kein Film der Welt schönreden nur weil er 'authentisch' sein will.
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