 Das Ende der Jugend.
Ein Besuch in Bayerns größtem Jugendknast.
Fabian* steht auf dem Gefängnishof und zieht zum letzten Mal an seiner Selbstgedrehten. „Ich geh mal schnell zum Aschenbecher“, ruft er dem Vizedirektor der Anstalt zu. „Na klar“, ruft dieser zurück. Der Umgangston ist freundlich. Fabian lächelt und beantwortet höflich alle Fragen. Er ist 21, macht im Gefängnis eine Ausbildung zum Koch und hat Muskeln, die einen professionellen Bodybuilder neidisch machen. Fabian ist ein netter Bursche. Und er sitzt hier wegen versuchten Mordes: Er hat jemanden zu 40 Prozent Behinderungsgrad geprügelt, aber „darüber spreche ich nicht so gerne.“
Es ist ein trüber Tag, der wolkenverhangene Himmel scheint jeden Moment in Regen auszubrechen. Will man die JVA Ebrach besuchen, fährt man durch eine Gegend, in der sich Fuchs und Hase „Gute Nacht“ sagen. Die hügelige Landstraße ist umgeben von nassen Wiesen, in denen gelegentlich ein Jägersitz thront. Die Dörfer sind klein und verschlafen, man kann sich hier schwer Dinge wie einen DSL-Anschluss vorstellen. „Staatlich anerkannter Erholungsort“ verkündet ein Schild am Ortsrand. Brave Leute wohnen hier. Unter ihnen: die Insassen von Bayerns größtem Jugendknast.
Doch das Wort „Knast“ hört hier natürlich niemand gerne. Der Prospekt, den einem die Anstaltsleiterin Renate Schöfer-Sigl in die Hand drückt, klingt nicht nach „Gefangen sein“ oder „Bestrafung“. Eher nach einem Urlaubsort. Von „Behandlung und Betreuung“ ist die Rede, von „Berufsausbildung“ und „Freizeit und Sport“. „Wir geben den Jugendlichen einen strukturierten Tagesablauf“, erklärt Schöfer-Sigl. „Draußen haben die das nie gelernt, da schlafen sie lange, gehen abends in die Disco, trinken und gifteln, haben außerdem nie einen richtigen Job gelernt. Das ist das A und O, dass deren Leben schief gelaufen ist.“
Schief gelaufen: Das bedeutet, sie haben geprügelt, gedealt oder gemordet. Im Gefängnis sollen sie wieder auf den „rechten Weg“ geführt werden, deshalb muss jeder eine Schul- oder Berufsausbildung machen. Wer das nicht kann, muss in einem der Gefängnisbetriebe einen Aushilfsjob machen. Abends geht's zum Sport. „Manchmal sind bis zu dreißig Leute im Fitnessstudio“, sagt Fabian und setzt sich kurz an eine Rückenmaschine. Der Stecker, der das Gewicht regelt, ist in der schwersten Scheibe. Der Trainingsraum ist nicht groß, aber modern. Ebenso die Basketballanlage, alles sieht aus wie in der Turnhalle eines Gymnasiums. Wären da nicht Gitter und Netze drum herum.
Serkan* hat genug gepumpt und geht wieder auf seine Zelle. Er zieht sein Hemd über die muskulösen Oberarme. An seinem Bett hängen Fotos von der Familie, Freunden, seinem Hund. An der Wand jede Menge FHM- und Playboyposter, wie in jedem anderen Zimmer. „Gerne“ dürfe man sich umsehen, meint der Junge freundlich. Auf dem Bett liegt ein handbeschriebenes DinA4-Blatt. Ob das ein Brief sei? „Nein, das sind Gedichte“, meint Serkan. Ob er die selber geschrieben habe? „Ja“, sagt der Junge und lächelt leicht verlegen. Wie kann so jemand ein Verbrecher sein?
Schöfer-Sigl führt weiter durch verschiedene Betriebe wie die Kfz-Werkstatt oder die Bäckerei. Im Innenhof blitzt ein Fotograf die Fassade mit den vergitterten Fenstern. „Fotografiert uns“, rufen ein paar Jugendliche aus den Fenstern und entblößen ihre Oberarmmuskeln. „Hey, fotografiert uns!“ Durch das Geschrei öffnen sich weitere Fenster, ein Insasse nickt den Journalisten freundlich zu. Man hat nicht das Gefühl, es hier mit gefährlichen Gangstern zu tun zu haben.
Natürlich: Man sieht, wie das Gefängnis im Idealfall laufen sollte. Doch wie es wirklich ist, das kann man nur erahnen. Als Schöfer-Sigl mal einen Moment nicht zuhört, gibt Fabian zu: „Hier läuft der gleiche Scheiß wie draußen: Ob Alkohol, Drogen oder Schlägerei — all das gibt's hier.“ Ob das nicht wieder auf die schiefe Bahn führt? Man kann es nur vermuten. Und auch Schöfer-Sigl bestätigt später, was man ahnt: „Die Rückfallquote liegt bei 70 Prozent.“ Nur drei von zehn schaffen es, sauber zu bleiben. Die restlichen sieben werden wieder prügeln, dealen oder morden.
Im Kunstatelier macht der Beamte auf ein Plakat aufmerksam, das ein Projekt namens „Wegsteine für den Jakobsweg“ beschreibt. Die Gefängnisleitung versucht zu betonen, wie sehr sich die Jugendlichen für die Gesellschaft engagieren. Neben dem Plakat lehnt ein anderes Kunstwerk, auf das der Beamte nicht aufmerksam gemacht hat. Eine zerbrochene Fensterscheibe, in deren Mitte ein Fußball gerade so inszeniert ist, als würde er eben durch das Fenster fliegen. Rote Farbe ist auf den Ball und die Scherben gekleckert, ein Küchentuch ist zu einem Galgen geformt worden und hängt über der Scheibe. Mit weißer Farbe hat der Künstler vier Worte aufgepinselt. Sie lauten: „Das Ende der Jugend.“
*Name geändert
Kasanobu Serdarov / Mike Schmalz (Fotos)
Bilder-Galerie
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