 Spring über den Hai.
Wenn Fernsehenserien ihren Höhepunkt überschreiten.
Freier Abend, Feierabend, Fernsehabend. Da saßen wir also, es lief diese Serie aus den Staaten, die auf einer Insel spielt. Es gibt viele Geheimnisse, ständig tauchen neue Charaktere auf, und die Liebesgeschichte im Dreieck ist auch nach drei Staffeln noch nicht so recht beigelegt. Mysterien machen das Grundfundament des US-Hits aus, der Metatext zwingt den Zuschauer, immer weiter dran zu bleiben: Was ist eigentlich aus dem Quotenschwarzen geworden? Was verbirgt die Ärztin vor den anderen? Überhaupt, „die anderen“?
Wie auch immer: Irgendwann kam ein Artefakt ins Spiel, gefunden in der Wüste, das erst mal noch mehr Fragen aufwarf, im gleichen Atemzug aber Erinnerungen an Jäger des verlorenen Schatzes, Die Mumie und Jumanji wach werden ließ. Das große Maschinenwerk der Geheimnisse drehte sich plötzlich noch etwas schneller, fing aber gleichzeitig an, zu stottern: Uralte Kräfte, das ewige Ägypten, Stargate, die Nazis? So langsam wurde das ein bisschen viel, und ich begann zu fragen: Ist das etwa schon der Anfang vom Ende?
The sun always shines on tv
Es ist kein Geheimnis, dass Serien irgendwann ihren Drive verlieren. Oft laufen sie einfach weiter und weiter, über Jahre, Dekaden, Staffeln und Staffeln. Gründe gibt es ja immer. Es mag am dauerhaften Erfolg der Produktion liegen. Ein Erfolg, der die Qualität der Serie überlebt hat und den steten Niedergang überdeckt. Oder daran, dass die Stars mittlerweile selbst ein gehöriges Wörtchen mitzureden haben, was Entwicklung, Fortschreibung, Verlängerung bis ins Unendliche betrifft. Dann kann es schon sein, dass sich der Verfall so sichtbar vor dem kollektiven Auge der Fernsehnation abspielt, dass auch gleich die Legende der Serie mit in den Abgrund gerissen wird. Familiensagen, Krimi- und Arztserien. Und immer wieder: Sitcoms.
Der Ursprung des Spruchs „Jump The Shark“ liegt schließlich dort; in Happy Days, hierzulande eigentlich nur ausgewiesenen Experten bekannt. Happy Days ist eine in den Staaten populäre Sitcom aus den 70er Jahren. Und es ist ganz banal: In einer späten Episode springt Fonzie über einen Hai, und er tut das in seiner Lederjacke. Die Szene ist so absurd, wie sich das hier liest, und den Quoten hat es im Endeffekt nicht viel gebracht. Aber es hat auf archetypische Weise gezeigt, was Produzenten zu versuchen bereit sind, um den Kurs nach unten irgendwie aufzuhalten.
Besonders beliebt: Methoden wie etwa „new kid in town“. Ein neuer Charakter wird eingeführt, ergänzt oft aber nicht den Cast auf sinnvolle Weise, sondern ist ein blutleerer Versuch, sich neuen Zuschauern anzubiedern, oder ältere Darsteller zu ersetzen. In Eine schrecklich nette Familie wird Marcies erster Ehemann Steve erst durch Jefferson (dessen Schauspieler übrigens ohnehin als Manifestation, als Schutzheiliger aller Springer gilt) ersetzt, und später kam ein überflüssiges neues Kind dazu, das so dermaßen unbeliebt war, dass es nach wenigen Folgen klammheimlich wieder entsorgt wurde. Das geht auch umgekehrt. In Dallas stirbt Bobby Ewing und ist nach einer Staffel, in der es den kleinen Bruder von JR nicht mehr gibt, wieder da. Alles nur ein Traum, und für viele Zuschauer mehr ein schlechter Witz.
Wenn ein dauerhafter Konflikt zwischen Protagonisten aufgelöst wird, haben die Storywriter oft ein Problem: Die toughe Angela und ihr treudoofer Hausmann finden zueinander, genauso die Nanny der gleichnamigen Sitcom und ihr Arbeitgeber. Was bleibt da noch übrig?
Auf der Website Jump The Shark fragen sich das viele. Wann und ob eine Serie einen Wendepunkt zum Schlechten hin erlebt hat, ist dort Gegenstand hitziger Debatten. Von Day One bis Never Jumped, von der Kinoverfilmung bis zu Gaststars stehen alle möglichen Gründe zur Wahl. Ach, und natürlich Ted McGinley, erwähnter Patron und Unglücksrabe in persona.
Ein universeller Begriff
Längst hat der Begriff aber auch alle anderen Aspekte abseits von Entertainment und Pop erreicht: Bush jr. marschiert im Irak ein? „He jumps the shark“. Und ein brandaktueller Vorschlag: Sollte Barack Obama seinen Marsch ins Weiße Haus kurz vor dem Ziel noch in den Sand setzen, hat er in dem Moment wohl definitiv genau das getan, „he, too, jumped the shark“.
Zurück auf den Schirm. Genau genommen wohnt „jumping the shark“ schon dem Wesen der Serie an sich inne. Einfach gesagt bedingen sich Aufstieg und Niedergang gegenseitig — was hoch geht, kommt auch wieder runter. Das ist Analyse für Anfänger. Interessanter ist: Alle Serien leben von permanenter Wiederholung. Jede Woche stirbt jemand, auf dass Monk dem Täter hinterherstottern darf. Seuchen werden ins Land geschleppt und von Dr. House und vielen vielen Kollegen in letzter Sekunde kuriert. Verzweifelte Hausfrauen haben pünktlich jeden Mittwoch ihr dunkles Geheimnis im Keller liegen, und die klassische Comedy zeigt, wie mit minimalsten Einsatz Lacher erzeugt werden. Das Prinzip ist „action und response“. Bud Bundy wird nie eine abkriegen, seine Schwester ist für immer der Blondinenwitz auf zwei Beinen. Kein Wunder, dass dieses Prinzip irgendwann in sich zusammen fällt.
So ähnlich beschreiben das auch die Macher der Website Jump The Shark selbst: so lange es die Seite geben wird, wird das Fernsehen auch weiterhin seine Werke an die Wand fahren. Ob das früher oder später passiert: diesen Teufelskreis machen wir alle mit.
Sven Job
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