 Wenn Deutschland den Superstaat wählt.
| Autor |
Juli Zeh |
| Titel |
Alles auf dem Rasen. Kein Roman |
| Verlag |
Schöffling & Co. |
| Seiten |
291 |
| Bewertung |
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„Reden ist Silber, Schreiben ist Schrott.“ Diese Weisheit ist aus der Feder einer Schriftstellerin schon eher verwunderlich. Dennoch prägt sie sich ein. Juli Zeh schreibt diesmal keinen Roman, und das kann man durchaus ernst nehmen. Alles auf dem Rasen ist eine Ansammlung von Essays, die teilweise im Spiegel, in der Brigitte oder auch in der TAZ erschienen sind. Essay klingt immer ein bisschen klug-amerikanisch, nach postmoderner Seriosität und Populärwissenschaft. Aber diese Einschätzung ist durchaus falsch.
Juli Zeh behandelt in Alles auf dem Rasen fünf Themengebiete: Politik, Gesellschaft, Recht, Schreiben und Reisen. Und in diesen fünf Themengebieten nimmt sie sich Fragen an, die man selbst nie hätte formulieren können, die aber trotzdem irgendwie auf der Seele lasten. Warum geht es mit dem Sozialstaat Deutschland bergab, obwohl wir über die Spaßgesellschaft hinaus sind? Warum reizt Pornographie nicht mehr? Warum schreibt niemand mehr politisch? Und: Ist das überhaupt alles so?
Es lässt sich schwerlich zusammenfassen, was Frau Zeh an scharfsinnigen und interessanten Beobachtungen über die Gesellschaft anführt. Immer wieder überrascht sie durch raffinierte Schlüsse und manchmal auch durch ganz banale Feststellungen. „Ihre Lieblingssätze lauteten: Geld macht nicht glücklich. Zweitens: Glück macht nicht satt.“ „Was man weder mit autoritärer noch mit antiautoritärer Erziehung vermitteln kann, ist Existenzangst.“ „Eigentum verpflichtet, und zwar zum Möbelschleppen beim nächsten Umzug.“
Egal, ob sie den Leser über den „Wochenendticket-Pöbel“ aufklärt, sich über die deutsche Eigenschaft des „Herbeijammerns“ beschwert oder Minderheiten als Gruppen definiert, die entweder schräge Trachten tragen oder „Sachen basteln, die man unter Autos befestigen kann“ — immer wieder nickt man mit dem Kopf und sagt sich: Ja, so ist es. Ohne Pathos und falsches Gutmenschentum zeigt Frau Zeh Wege aus der Unmündigkeit — nämlich durch Nachdenken. Dass man dazu kein Experte sein muss, dass man seiner eigenen Meinung vielleicht auch einfach mal vertrauen darf und dass die Welt nicht komplexer ist als früher, macht sie dem Leser durchaus glaubhaft. Trotz der Sachlichkeit der Themen sind die Texte hochgradig unterhaltsam. Und niemals platt! Juli Zeh versteht etwas von ihrem Handwerk, kein Wunder — schließlich hat sie es ja auch von der Pieke auf gelernt. Und selbst zu diesem Thema bezieht sie Stellung: Kann man Schreiben lernen?
Der letzte Themenblock schließlich verfällt dann trotz der anfänglichen Warnung ins Romanhafte. Wenn Frau Zeh über das Reisen sinniert, merkt man ihr die Erzählerin deutlich an. Und so hat diese Sammlung von allem etwas: intelligente Beobachtungen, wissenschaftliche Erkenntnisse, Unterhaltung und interessante Einblicke in Krisengebiete, wie beispielsweise Bosnien: „So ist das hier — alles geht, nichts funktioniert. Die bosnische Hölle, behauptet ein beliebter Witz, ist die schönste von allen: Entweder das Feuer ist aus, oder der Folterknecht hat verschlafen, oder alle sind bei einem Fest.“
Fazit: Es gibt vieles, was man in den letzten Jahren wirklich nicht unbedingt gelesen haben muss. Alles auf dem Rasen gehört eindeutig nicht dazu. Dieses Buch ist tatsächlich kein Roman. Es ist viel mehr.
Jasamin Ulfat
Kommentare
| kate schrieb am 14.04.2006 um 12:47 Uhr: |
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liebe jasamin, eigentlich wollte ich gestern einen kommentar zu deinem text abgeben, dieser wurde offensichtlich elektronisch gekürzt, ich versuch's jetzt noch einmal: sind die fragen im buch wirklich fragen, die man selbst nie hätte formulieren können? stellt sich nicht jeder mensch, der sich auch nur halbwegs für seine lebenswelt interessiert, irgendwann einmal diese fragen? du versprichst am anfang deiner rezension zu viel, deshalb hab ich sie auch nicht zu ende gelesen, ich werde auch das buch nicht lesen. oder ist allerwelts-philosophie tatsächlich so spannend? mit grüßen, k.
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| kate schrieb am 13.04.2006 um 21:08 Uhr: |
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>>Und in diesen fünf Themengebieten nimmt sie sich Fragen an, die man selbst nie hätte formulieren können, die aber trotzdem irgendwie auf der Seele lasten. Warum geht es mit dem Sozialstaat Deutschland bergab, obwohl wir über die Spaßgesellschaft hinaus sind? Warum reizt Pornographie nicht mehr? Warum schreibt niemand mehr politisch? Und: Ist das überhaupt alles so?
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