 Wasteland Internet.
Wenn Jugendmagazine gehen, ohne zu gehen.
Irgendwann hatten sie diese Idee, ein Online-Magazin auf die Beine zu stellen, Tobi und seine Freunde. Alle waren Feuer und Flamme, und Katharina kannte sogar jemanden, der Ahnung von HTML hatte. Drei Wochen später stand die Seite. Es war um die Jahrtausendwende. Es war die Zeit, als das Medium Internet noch elektrisierte. Es war die Zeit, als noch jeder dachte, jetzt sei alles möglich. Tobi und seine Freunde sagten: „Wir ziehen das durch.“ Irgendwann hieß es nur noch: „Ich hab' heute abend schon was vor.“ Jetzt steht auf der Startseite noch immer der Artikel über den 11. September ganz oben. Und in den News heißt es: Amazon verkauft neben Büchern nun auch Digitalkameras.
Als das Internet die Jugend eroberte, stand alles auf Start. Homepages waren wie Plattenbauten, Hauptsache schnell fertig und praktisch. Niemand dachte ans Ende. Doch es kam. Sehr oft sogar. Das Internet als Wasteland — und die Jugendmagazine mittendrin. Sie heißen Juppidu, Palisto und Yaez. Sie machen noch immer mit Platten auf, die längst Nachfolger haben. Sie besprechen Kinofilme, die es auf amazon längst für 7,99 Euro gibt. Sie schreiben, dass Mangas jetzt „in“ seien. Sie verkünden: „Mega Jam in der Uni Mensa am 28.11.“ Am 28.11.2003. Unter Redaktion steht für immer „Coming soon“ und der Satz „Ein Projekt lebt vom mitmachen“ wirkt beinahe tragisch. Das Projekt lebt nicht mehr. Das Layout wird heute gar nicht mehr hergestellt. Doch während gescheiterte Printmagazine verschwinden, werden Online-Magazine zum Online-Scheitern. Sie bleiben und das Internet wird zum Archiv der menschlichen Unzulänglichkeit.
Das Scheitern sieht so aus: Der Mensch ist gut darin, etwas zu beginnen. Am Anfang herrscht Aufbruchstimmung, das Neue, das Unbekannte motiviert, die Illusion, dass der Weg nach oben offen steht. Die Abwesenheit von Startschwierigkeiten nährt diesen Traum. Die Ideen hängen wie Kirschen an den Bäumen. Und dann kommt die Zeit, in der sich ein Magazin bewähren muss, in der die Besucherzahlen stagnieren, sich die Vorschläge wiederholen, die Treffen anstrengender werden. Plötzlich klar wird, dass Erfolg meist Zeit braucht und selbst dann nicht garantiert ist. Es ist wie mit einer Diät, die erst dann richtig beginnt, wenn der tote Punkt erreicht ist. Dann stellt sie jemand, die Frage, die allen auf dem Herzen lag: „Hat das überhaupt noch Sinn weiterzumachen?“ „Die anderen Mitglieder hatten irgendwann keine Lust mehr“, sagt Andreas Spiegler, ehemaliger Chefredakteur von No Recess. No Recess heißt „keine Unterbrechung“. 2004 lag das Magazin beim Spiegel-Onlinepreis für Schülerzeitungen vor allen anderen Bewerbern. Jetzt steht auf der Startseite noch immer „Joseph Ratzinger ist neuer Papst“. Hier geht ein Magazin, dessen Ende im Konzept des Teams nie vorgesehen war.
Es werden sicher noch mehr gehen, und sie räumen mit sorgfältig gepflegter Selbsttäuschung auf: Der Tod der Jugendmagazine ist die Gegenthese davon, dass das Internet stets aktuell ist. Das Internet verändert den Menschen, dachten alle, und vergaßen, dass der Mensch auch das Internet verändert. Der Tod der Jugendmagazine ist die Gegenthese davon, dass das Internet alles möglich macht. Es beseitigt nur ein Hindernis: die Kosten. Es beseitigt nicht: den Menschen. Der Unterschied zwischen Internetmagazin und Printmagazin ist der zwischen einem Füller von Mont Blanc und einem stumpfen Bleistift. Obwohl alles leichter ist: Schreiben muss man trotzdem noch selbst. Der Tod der Jugendmagazine ist die Gegenthese davon, dass alle Träume in Erfüllung gehen. Sie verlieren ihren Wert als Nachrichtenlieferant und werden zur Primärquelle, wie eine Moorleiche. Irgendwann werden Forscher sagen: „So haben die Menschen also 2002 gelebt, interessant.“
Er werde die Seite vorerst im Netz lassen, meint Andreas Spiegler, aber er wolle die Seite zum Ende des Jahres offline nehmen. „Ein solches Projekt werde ich nicht mehr starten“, sagt er und es klingt ein bisschen bitter.
Manchmal geht Tobi noch auf die alte Seite. Nur so. Er erinnert sich an früher. An die langen Abenden mit den anderen in seinem Zimmer. Er findet die Seite gar nicht so schlecht. War ja auch eine andere Zeit damals. Hin und wieder überlegt er, ob sie es mit dem Magazin noch mal versuchen sollten. Kostet ja nichts. Doch dann wird ihm schnell klar, dass es kein neues Magazin geben wird. Er weiß, dass es besser so ist.
Sebastian Dalkowski
Kommentare
| Horst schrieb am 18.11.2005 um 22:12 Uhr: |
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[Zusätzlich zu den eingetragenen Daten werden IP-Adresse, Hostname und Browserkennung gespeichert] Was soll das denn? Habt ihr Angst, das jemand hier was kritisches über euch veröffentlicht? Wollt ihr mich jetzt verklagen, falls ich sage, dass euer doch recht einfältiges, „NEON“-nacheiferndes und leicht langweiliges Online-Magazin als nächstes dran ist?
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| Antwort von Dennis (Webmaster) am 19.11.2005 um 03:01 Uhr: |
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In den allermeisten Fällen ist das völlig unnötig, aber für den Fall des Falles, das mal eine Rechtsverfolgung gegen den Verfasser eines Beitrages nötig sein sollte (zum Beispiel wenn hier jemand anfängt, Links auf Seiten mit Kinderpornos zu posten), dann sind zumindest Zeitpunkt und IP-Adresse sehr praktisch, um den Täter herauszufinden. Im Falle von weniger kritischen, aber etwa beleidigenden Beiträgen, bei denen ich annehmen kann, dass jemand aus dem näheren Bekanntenkreis der Verfasser ist, so helfen mir Hostname (daraus erkennt man schneller den Internet-Provider als aus der IP) und Useragent (Browser und Betriebssystem) weiter, ohne dass ich mich vertrauensvoll an irgendwelche Richter wenden muss. Nicht immer, aber oft genug, kann man daraus schließen, wer ein Posting verfasst hast. Der Durchschnitts-JUSTmag-Kritiker kann das natürlich geflissentlich ignorieren.
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| Jörg schrieb am 16.11.2005 um 23:25 Uhr: |
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Hi Sebastian, für mich klingt das alles gar nicht so schlimm. Liegt sicher alles im Auge des Betroffenen. ABer mitunter hat man etwas geleistet was eben doch noch da ist. Nicht nur eine Aktion in der Schule von der es keine Beweise mehr gibt oder eine Zeitung mit 50 Exemplaren, von denen die einzigen nicht weggeschmissenen beim Redakteur im Schrank liegen. Vielleicht kann man nach 5 Jahren noch hinschauen und 'zurück-surfen'. Und es hat die Menschen ja dennoch verändert, Ihnen Dinge klar gemacht und Erfahrungen gegeben. Und sie haben beim Erstellen der Seiten einiges kennen gelernt. und was Ihre Träume angeht, vielleicht hat gerade diese Erfahrung den einen oder anderen der Erfüllung näher gebracht? grüße, Jörg aus Leipzig.
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| Sebastian Sachse schrieb am 06.11.2005 um 14:18 Uhr: |
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Ist ja fast schon gut, dass wir unser Printmagazin nie wie geplant online gestellt haben. Puh.
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