 Der süße Stinkefinger.
| Band |
John Vanderslice |
| Album |
Emerald City |
| Plattenfirma |
Barsuk / Affairs of the Heart |
| Bewertung |
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Ein blondgelockter kleiner Junge mit einem Lächeln, das dem von Engeln gleicht. Er öffnet seinen Mund, lieblicher Gesang soll daraus erschallen, der alle Mütter der Welt verzaubern wird. Wer jedoch genau hinhört, hört ein „Fuck You“ und sieht eine kleine, zarte Hand, deren Stinkefinger sich langsam erhebt.
Der kleine Junge war einst John Vanderslice. Heute hat er Tausende von Platten verkauft, auf denen er Parolen ausruft wie Dance, Dance, Revolution. Zur Revolution rufen viele auf, Steine werden geworfen und es wird viel demonstriert. Damit ist John Vanderslice in guter Gesellschaft. Der Unterschied ist: John Vanderslice ist eigentlich friedlich. Er will nicht protestieren und dagegen sein; seine Lieder sind nicht wütend.
Auch Emerald City beginnt mit leisem, zarten Gesang und gemächlicher Gitarre (Kookaburra). Der Hörer muss genau hinhören, um Zeilen zu erhaschen wie „We crossed on the bridge and cut their women down, I climbed up on a minaret and occupied the town“ (Minaret) oder über Whistleblower und Ruinen nach dem 11. September 2001 (Tablespoon of Codeine). Da ist der kleine Junge wieder da, der nicht versteht, warum Menschen sich gegenseitig umbringen und gegeneinander kämpfen. Wahrscheinlich bricht es ihm das Herz zu sehen, wie Menschen geschlachtet werden, wie große, hungrige Augen um etwas zu Essen bitten. Es bricht ihm das Herz wie es uns allen das Herz bricht. Der kleine Junge aber entwickelt eine Wut, eine Wut gegen die Leute die so etwas zulassen und er singt. Dabei vergisst er nie die stille Verzweiflung und die unendliche Hilflosigkeit, die einen immer ergreift, wenn Ungerechtigkeit und Not so laut danach schreit, bekämpft zu werden, aber nicht laut genug, um sich tatsächlich mit Anderen zusammenzutun und zu kämpfen. Diese Verzweiflung und Hilflosigkeit klingt immer in der Stimme und den Lieder von John Vanderslice durch, immer ein bisschen melancholisch und immer ein bisschen flehend. Aber die Ungerechtigkeit und Not sind mittlerweile zu nah an ihn herangerückt, als dass er nicht dagegen kämpfen könnte. Aus den Nachrichten heraus sind sie in sein Leben eingedrungen: Seine Freundin darf nicht in die USA einreisen, weil der Visa-Antrag abgelehnt wurde. Zu oft sieht er dicke Limosinen an bettelnden Kindern vorbeifahren und Jugendliche, die ältere Damen wegen zwei Dollar ausrauben. Im richtigen Leben können wir die Nachrichten ausblenden und auf der Straße wegschauen. Auf Emerald City können wir die Texte ausblenden und ignorieren, dass schon der CD-Titel auf die grüne Zone in Bagdad verweist oder auf die ausgedachte Stadt in Wizard of Oz, die eine Parabel zu Washington und die US-Regierung ist.
Wenn wir diese Verweise und die Texte auf Emerald City ausblenden, bleiben wunderschöne, zarte und melodiöse Lieder, die einen ein wenig sehnsüchtig machen, nach sonnigen Herbsttagen, nach Liebe oder nach der unbeschwerten Kindheit. Aber John Vanderslice singt in Minaret immer wieder „I can see both sides. I can see both sides.“ Und immer wieder „I can see both sides.“
Fazit: John Vanderslice hat viel zu viel sagen, als dass wir uns von seinem wunderbaren Gesang ablenken lassen sollten.
Kerstin Petermann Tourdates
19.11. Köln (Blue Shell) 20.11. Münster (Gleis 22) 21.11. Hamburg (Prinzenbar) 22.11. Berlin (Roter Salon) 23.11. Halle (Objekt 5) 24.11. Heidelberg (Klub K) 26.11. München (Sunny Red) 27.11. Würzburg (Café Cairo) 28.11. Wien (B72) 29.11. Linz (Café Strom)
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