 „Möchtest Du Deutsch sprechen?“
Joel Gibb von den Hidden Cameras ist vor ungefähr einem Jahr nach Berlin gezogen. Wenn Ihr schon einmal in Berlin gewesen seid, dann wisst Ihr, dass Berlin eine graue, rechteckige Stadt ist. Am Alexanderplatz schwankt der Fernsehturm hinter den verschachtelten grauen Würfeln des Berolinahauses. Ab und an neigt er sich dem grau verputzten Kasten Kaufhof zu, der sich hinter eine Fassade von gleichförmig quadratischen Fenstern duckt. Über den Linden erheben sich betongraue Hausklötzer vor denen das Grün der Allee verblasst. Die beiden Baumreihen werden durch acht asphaltgraue Fahrbahnspuren getrennt.
In genau diese Stadt ist Joel Gibb also gezogen. Er kommt eigentlich aus Mississauga bei Toronto, das ebenso grau ist wie Berlin. Jetzt treffe ich ihn vor dem Konzert in Leipzig in einem alten Ballsaal. Zwischen Rängen, deren Putz abgeblättert ist und Säulen, die die Logen scheinbar nur noch mit Mühe tragen. Hier also möchte ich von Joel Gibb wissen, wieso er von einer grauen Stadt in eine andere geht.
Ich brauchte einen Tapetenwechsel, wollte etwas anderes sehen, anders leben. Ich habe ja noch nie woanders gelebt außer in Toronto. Ich wollte eine andere Stadt kennen lernen.
Und wie findest Du Berlin?
Ich mag Berlin. Es ist eine große Stadt. Da passiert viel und es liegt das Gefühl in der Luft, dass die Leute einfach ihr Ding machen. Ich habe da visuelle Kunst gemacht, einige Lieder geschrieben und gelesen. Es ist eine Chance, mal eine Auszeit von der Band zu nehmen. Aber nur eine kleine.
Wenn Joel mal ausgeht, dann gerne ins Wohnzimmer, eine kleine, gemütliche Kneipe am Prenzlauer Berg, die eingerichtet ist wie eben ein Wohnzimmer. Kleine Tische und viele Sofas machen den Raum heimelig.
Ich gehe aber nicht oft auf Partys. Ich gehe in Berlin nicht oft weg. Ich habe also keinen Club, oder so. Ich gehe aber gerne in die große Schwimmhalle in Prenzlau.
Auch in Toronto ist er nicht so oft abends weggegangen.
Ein Freund von mir hat eine Bar, The Beaver, da hängen wir dann ein bisschen rum. Das ist aber wirklich nur rumhängen.
Wie wohnst Du jetzt in Berlin?
Ich habe eigentlich gar keinen festen Wohnsitz mehr, weil wir ja gerade auf Tour sind. Ich habe also ungefähr sechs Monate dort gewohnt. Ich hatte aber eine Wohnung. Das war die Wohnung eines Freundes. Da habe ich alleine gewohnt.
Und warum hast Du die Wohnung wieder aufgegeben?
Weil ich für zwei Monate nach Toronto gefahren bin. Danach bin in Lettland und Estland gewesen, also viel gereist und getourt. Ich kann nicht nur in einer Stadt bleiben. Ich kann mich nicht irgendwo niederlassen.
Wie lebst Du dann in Toronto?
Da habe ich auch keine Wohnung. Ich wohne im Bus oder bei meinen Eltern oder meiner Schwester, manchmal auch bei Freunden. Ich komme für vielleicht einen Tag im Monat nach Hause. Wenn ich nach der nächsten Tour nach Hause komme, ist es Weihnachten. Da werde ich dann länger bleiben. Ich hatte eine Weile in New York eine Wohnung, weil ich da eine Kunstausstellung gemacht habe. Ich habe also dort für einen Monat gearbeitet und bin dann wieder nach Berlin gegangen.
Estland, Lettland und New York hat Joel also unterschlagen, als er sagte, dass er noch nie woanders gelebt hat, außer Toronto.
Da habe ich nicht gewohnt. Ich war nur eben weg von Berlin, weswegen ich auch die Wohnung aufgab. Ich war da nur zwei Monate und habe also nicht wirklich dort gelebt.
Wie sieht das dann aus, wenn Du umziehst?
Meine Sachen sind alle bei meiner Schwester. Ich nehme nicht viel mit: meine Gitarre, Anziehsachen, solche Dinge eben.
Fällt es Dir nicht schwer, Deine Familie und Freunde zurückzulassen und woanders hinzugehen?
Das ist eben etwas, das Du tun musst. Das gehört doch zum Leben dazu. Es war nicht hart. Es ist mir ziemlich leicht gefallen.
Kanntest Du schon jemanden, als Du nach Berlin gekommen bist?
Jaja. Ich hatte einen Partner da und viele Freunde.
Wen hast Du vermisst?
Meine Nichte habe ich vermisst. Sie ist drei Jahre. Einen Neffen habe ich auch. Er ist jetzt drei Monate.
Wie hast Du während der Tour Kontakt zu ihnen?
Nicht sehr viel. E-Mails, aber das ist nicht sehr persönlich.
Hattest Du irgendwelche Probleme, als Du nach Berlin gekommen bist? Mit der Sprache vielleicht?
Jaja. Als ich einmal aus meiner Wohnung rauskam, kam ein Mann angerannt, fuchtelte mit den Händen und schrie mich an. Er hatte eine Frau dabei. Er schrie mich an und zeigte immer auf die Wohnung. Ich habe keine Ahnung, was er gesagt hat. Wahrscheinlich etwas wie: Bist Du verrückt, oder so.
Deswegen macht Joel an einer Sprachschule einen Deutschkurs, spricht aber mit seinen Freunden trotzdem weiter Englisch.
Hattest Du das Gefühl, diesen Sprachkurs machen zu müssen?
Wenn Du in einem Land wohnst, solltest Du wahrscheinlich auch die Sprache ein bisschen sprechen. Wenn Du länger in einem Land bist, solltest Du die Sprache lernen.
Er freut sich über die vier Wörter, die er gestern gelernt hat und fängt an, ein wenig Deutsch zu sprechen.
Möc…hte..st Du deu…tsch spr…echen? Ich mache das erst seit zwei Wochen. Ich lerne jeden Tag ein paar Wörter, ein bisschen Grammatik. Lass mich noch einen Kurs machen und es wird besser. Die Verben sind besonders schwierig. Es gibt Verben, die klingen fast gleich und dann hängst Du noch etwas ran und es bedeutet etwas ganz anderes.
Auf…kaufe…n und kau…f…en?
Oder zum Beispiel geben und vergeben. Da möchte man als Nichtmuttersprachler nicht Deutsch lernen müssen.
Es ist eigentlich gar nicht so kompliziert. Wenn Du Englisch sprichst und ein bisschen Französisch, geht es.
Was genau Französisch mit Deutsch gemeinsam hat, ist nicht mehr aus Joel herauszubekommen, da er jetzt Hunger hat und erst einmal etwas essen möchte. Bei dem Konzert begrüßt er das Publikum mit einem charmanten „Gu…t…en Tag“.
Kerstin Petermann
Kommentare
| falk schrieb am 23.06.2008 um 13:34 Uhr: |
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…na ja. Wer „AM“ Prenzlauer Berg in Kneipen geht und seinen Interviewpartner in Prenzlau in die Schwimmhalle schickt, der kommt bestimmt aus dem verlottertem Rest des grauen, eckigen Landes und eben nicht aus seiner grauen Hauptstadt. Aber man kann ja immer noch dazu lernen, wa?
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| Mändy schrieb am 27.11.2006 um 22:52 Uhr: |
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Ganz ganz großes Kino, Kerstin. Weiter so. Ganz ehrlich.
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| Louis schrieb am 17.11.2006 um 00:15 Uhr: |
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Hm, da war ja ein Profifotograph am Werk…von wegen rote Augen zu pechschwarzen machen ;)
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