 Aus dem Leben gegriffen.
| Autor |
Jess Jochimsen |
| Titel |
Bellboy oder: Ich schulde Paul einen Sommer |
| Verlag |
dtv |
| Seiten |
237 |
| Bewertung |
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Eintrag in meinem Beichtbuch vom 11.10.2005: Habe Johanna und Mo versetzt. Natürlich nicht vorsätzlich. Ich sitze in der S-Bahn zum Hauptbahnhof und plötzlich sagt der Typ: „Nächste Haltestelle: Wilhelmsburg, Ausstieg links“. Wilhelmsburg liegt jenseits vom Hauptbahnhof. Irgendwie habe ich 20 Minuten versäumt. Gott sei Dank sind die beiden nicht sauer, als ich ihnen erzähle, dass es Lukas war, der mich mit seiner Geschichte abgelenkt hat, oder eigentlich Jess Jochimsen, der sich Lukas ausgedacht hat.
Wenn Jess Jochimsen erzählt, dann kann man schon mal Raum und Zeit vergessen, dann ist das wie ein gutes Gespräch mit einem interessanten Menschen bei einer Flasche Wein. Das liegt in erster Linie daran, dass Jochimsen nicht schreibt, sondern erzählt, so wie er das auf der Bühne auch tut: unmittelbar, komisch, natürlich, manchmal sehr derb, aber realistisch und sprachlich auf hohem Niveau. Seine Romanfiguren in Bellboy können das ebenso, sie sind überzeugend und unverfälscht. Ihre Dialoge haben nichts Konstruiertes und ihre Gedanken sind formuliert, wie sie spontan in den Sinn kommen.
„…bei meiner Schwester sprang der Anrufbeantworter an und versprühte heile Welt (…) Wie ich dieses Geschwafel hasste … 'Das ist der Anschluss einer intakten Familie. Bitte behelligen Sie uns nicht mit ihren Problemen.', 'Das ist der Anrufbeantworter der Familie Baumgarten-Küppers, wieso rufen Sie nachmittags an? Sie wissen doch, dass wir da arbeiten, wie andere anständige Leute auch. Schließlich haben wir gebaut, und irgendwer muss die Raten ja abbezahlen.', 'Hier spricht Lena Baumgarten-Küppers aus der Provinz, und das Wildeste, was ich in meinem Leben gemacht habe, ist der Doppelname.'“
Die Grundsituation in Bellboy ist einfach, aber raffiniert: Lukas versucht seine Familienvergangenheit auf dem Land zu vergessen, vor der er vor über zehn Jahren geflohen war, und wird aus heiterem Himmel konfrontiert mit der Verantwortung für seinen an Demenz erkrankten Cousin Paul, der sich so gerne erinnern würde, es aber nicht kann. Jochimsen schreckt nicht zurück vor schwierigen Themen, und trotz unzähliger satirischer Passagen hat sein Roman eine Ernsthaftigkeit, die vielen Werken der so genannten Popliteratur fehlt.
Witzige Anekdoten, ironische Kommentare zum politischen Geschehen, völlig abgedrehte Stories und tiefsinnige Gedanken vermischen sich zu einer Geschichte, so wie sie das im wirklichen Leben auch tun. Das Buch ist im Grunde ein aufmerksamer Blick auf das wirkliche Leben. Auch wenn die Hauptfiguren fiktiv sind, so haben sie doch reale Vorbilder, und die Dinge, die sie im Münchener Sommer 2003 zusammen erleben, sind wahr: Je absurder sie scheinen, desto weniger hat der Autor erfunden.
Zu sprachlicher Höchstform läuft Jochimsen vor allem dann auf, wenn es gilt, aus den als „Beichtbücher“ geführten Tagebuch-Notizen von Lukas und seinem besten Freund, dem schwulen Pfarrer und Musikfreak Stevie, zu zitieren: „Kommen wir nun zum umjubelten Auftritt unserer Kirchen-Combo“, leitete Stevie seine Ausführungen ein. „ (…) Und dann ging es auch schon los. Und zwar mit einer flotten Version des Kanons Laudato si, an der vornehmlich die Bewohner der Landstriche Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern ihre Freude gehabt haben dürften, wo die Weise etwa in Zimmerlautstärke angekommen sein müsste. Mich jedoch nagelte die Schallwelle rücklings an den Altar. Immerhin, ein Blick auf den zersplitterten Chronometer an meinem Handgelenk bewies, nur eine Minute und vierzig Sekunden hatte die Kapelle für ihr Gottlob gebraucht, so muss Punk sein.“
Fazit: Jess Jochimsen blickt gnadenlos auf Scheinheiligkeit und moralische Abgründe und erzählt darüber mit erfrischendem Witz und wortgewandtem Zynismus.
Katharina Litschauer
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