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Zuversicht trotz Ungewissheit. Die Alternative

Zuversicht trotz Ungewissheit.

Zwei neue Nachrichtensender wollen Alternative sein.

Als 2002 die Proteste gegen den sich ankündigenden Irakkrieg begannen, arbeitete Jeff Cohen für den amerikanischen Nachrichtensender MSNBC. Anstatt aber einen der Protestierenden zu interviewen, sollte er mit dem Sprecher einer Demonstration für Martha Stewart, Amerikas „berühmteste Hausfrau“ sprechen, die wegen Insiderhandel vor Gericht stand. Wie viele Leute sie denn heute seien, fragte Cohen ihn. „Acht“, antwortete dieser. Und trotzdem war diese winzige Demonstration an diesem Tag ein großes Thema bei MSNBC, die massenhaften Proteste gegen den Krieg waren es nicht.
Jeff Cohen erzählt diese kleine Begebenheit in einem Video auf der Homepage von Independent World Television (IWT), um deutlich zu machen, dass die Berichterstattung im Fernsehen mangelhaft ist. Die Journalisten fühlen sich nicht mehr dem Zuschauer verpflichtet, sondern den Besitzern der Sender, den Anlegern, den Werbepartnern, der Politik. IWT will das besser machen und verkündet: „IWT wird die Fakten liefern, ohne Beeinflussung durch Regierungen oder die Wirtschaft.“ Geplanter Start des Senders mit Sitz in Toronto ist 2007.
Bereits in diesem Frühjahr nimmt Al Jazeera International den Betrieb auf und wird damit der erste englischsprachige Nachrichtenkanal im Mittleren Osten. Wie sein Muttersender Al Jazeera wird auch die internationale Ausgabe ihren Sitz in Doha (Katar) haben. Beide wollen eine Alternative zu großen amerikanischen Sendern wie CNN und Fox sein. Ein realistisches Ziel?

IWT kann zumindest auf viele Intellektuelle zurückgreifen, die sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten in den USA als „Vorzeige-Dissidenten“ einen Namen gemacht haben. Mitglieder des 125 Köpfe umfassenden Gründungskomitees sind unter anderem Naomi Klein (No Logo), der Aktivist und Historiker Howard Zinn und Amy Goodman (Democracy Now!) und Medienkritiker wie Danny Schechter, Norman Solomon und Robert McChesney. Berühmtestes Mitglied ist der Schriftsteller Gore Vidal.
Im Zentrum von IWT steht die Nachrichtensendung IWT News Nightly, es soll Medienkritik geben, Magazine über Umwelt, die dritte Welt und Popkultur, Dokumentationen, Satire und „Citizen Journalism“. Das heißt: Nicht-Journalisten können sich mit ihren eigenen Beiträgen einbringen. Der Vorsitzende Paul Jay will aber verhindern, dass IWT zu einem bloßen Sprachrohr der Linksintellektuellen wird: „Wir wollen viele Diskussionen zwischen Liberalen, Progressiven und Konservativen haben.“ Und er weiß, dass der Inhalt allein nicht reicht, um Zuschauer zu binden: „Ich kann keine trockenen Dokumentarfilme sehen. Ich kann keine trockenen Interviews sehen. Auch ich will unterhalten werden.“ Um zu gewährleisten, dass die westliche Sicht nicht dominiert, will IWT beispielsweise Lateinamerikaner über Lateinamerika berichten lassen, Afrikaner über Afrika. Schwerpunkt sind vorerst die Länder mit einer großen englischsprachigen Bevölkerung: USA, Kanada, Großbritannien, Australien, Indien, Südafrika. Im sieben Mitglieder umfassenden Vorstand sitzen allerdings bis auf eine Ausnahme nur US-Amerikaner und Kanadier.

Der große Vorteil des Senders ist zugleich ein großer Nachteil: Da er unabhängig von Regierungen und Wirtschaft sein will, muss er sich anders finanzieren als die großen Medienkonglomerate. IWT, das kürzlich den „Non-Profit“-Status erhielt, wird ohne Werbung auskommen. Die 25 Millionen Dollar, die IWT pro Jahr braucht, sollen durch Spenden aufgebracht werden. Der Plan klingt einfach: 500000 Menschen spenden jeden Monat 5 Dollar und die Finanzierung ist gesichert. Doch gibt es dafür überhaupt genügend Interessenten? „Viele Zuschauer in den USA sind angewidert von Sendern wie CNN und Fox“, meint Norman Solomon, es könne also ein wirklicher Markt für IWT da sein. Immer wieder verweisen die Macher auf das Beispiel Howard Dean. Für den internen Wahlkampf um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten 2004 sammelte sein Team Spenden übers Internet, nicht wenige große sondern viele kleine. Dasselbe Team leitet auch den Spendenaufruf für IWT und bedient sich dabei ebenso der PR wie die großen Sender. Doch der Vergleich zu Howard Dean hinkt. Dieser suchte einmalige Spender, IWT jedoch regelmäßige. Der Sender ist zwar unabhängig von Politik und Wirtschaft, aber nicht unabhängig von Geld.

Ein zweites Problem ist die Verbreitung. Danny Schechter erklärt: „IWT kann nur mithalten, wenn der Sender auf Kanälen läuft, die die Leute gucken.“ Solomon fügt hinzu: „Das Mediensystem, vielleicht vor allem in den USA, hat viel mit Geld zu tun.“ Vermutlich werden knapp 25 Millionen Haushalte übers Fernsehen Zugang zu IWT haben, außerdem werden die Sendungen auch übers Internet ausgestrahlt. Jay weiß um die Bedeutung einer hohen Verbreitung: „Wenn man es nicht im Fernsehen schafft, schafft man es auch nicht ins öffentliche Bewusstsein.“ Er glaubt an den Erfolg: „Es ist eine große verrückte Idee, aber es ist die richtige Zeit für diese große verrückte Idee.“

Al Jazeera International ist bereits einige Schritte weiter. Im Frühjahr soll der Sender 24 Stunden täglich von seinen Stationen in Doha, Kuala Lumpur, London und Washington senden. Viele Mitarbeiter sind Europäer oder Amerikaner und haben bereits für Sender wie BBC, CNN und MSNBC gearbeitet. Star im Aufgebot ist der Moderator Sir David Frost, der sich unter anderem einen Namen machte, weil er der erste Journalist war, der Richard Nixon nach der Watergate-Affäre interviewte. Selbstbewusst sagt Geschäftsführer Nigel Parsons: „Wir gehen nicht auf Sendung, um mit CNN zu konkurrieren. Wir bieten eine frische, allumfassende Perspektive auf die Neuigkeiten in der Welt. Wir versuchen nicht, der Agenda anderer zu folgen, sondern setzen unsere eigene.“

Im Gegensatz zu IWT hat Al Jazeera International keine Finanzierungsprobleme. Das Geld kommt vom Muttersender, der wiederum großzügig vom Emir von Katar unterstützt wird. Dieser stellte dem Sender 1996 150 Millionen Dollar als Startkapital zur Verfügung und überweist weiterhin jährlich hohe Millionenbeträge. Dennoch ist Al Jazeera International anders als IWT ein kommerzieller Sender und soll sich irgendwann durch Werbung selbst tragen.
Das Problem der Finanzierung könnte dringlicher werden, falls George Bush mit seinen Versuchen Erfolg hat, den Emir davon zu überzeugen, Al Jazeera finanziell nicht mehr zu unterstützen. „Die Königsfamilie in Katar hat Interesse daran, die Beziehung zu den USA zu verbessern“, meint As'ad AbuKhalil, Professor für Politikwissenschaften an der California State University. Der Muttersender ist den USA schon lange ein Dorn im Auge. Im November 2005 veröffentlichte die britische Zeitung The Daily Mirror einen Bericht über ein durchgesickertes Memo, in dem George W. Bush überlegte, Al Jazeeras Hauptsitz in Doha zu bombardieren.
Deshalb ist es wichtig für die Werbekunden zu wissen, wie sich die internationale Ausgabe im Vergleich zur arabischen positioniert. Steht sie dem Muttersender zu nahe, werden es vor allem westliche Unternehmen nicht riskieren, mit Al Jazeera International in Verbindung gebracht zu werden. „Wir werden inhaltlich unabhängig sein“, erklärt Parsons. Bereits die englische Website der arabischen Ausgabe ist weniger scharf in seinen Urteilen gegenüber den USA. Adel Iskandar, Professor für Kommunikation an der University of Kentucky, vermutet: „Al Jazeera International wird sich wahrscheinlich deutlich vom arabischen Gegenstück unterscheiden, um bei anglophonen Zuschauern glaubwürdig zu bleiben.“ Er fügt allerdings hinzu: „Der Sender wird vermutlich versuchen, ein anderes Produkt zu liefern als CNN und Fox und deshalb von einigen Zuschauern als voreingenommen wahrgenommen werden.“ So eindeutig pro-arabisch und anti-amerikanisch wie viele westliche Politiker und Medienbeobachter glauben machen wollen, ist der Muttersender aber nicht, als dass sich die englische Ausgabe eindeutig distanzieren müsste. „Ich warne Al Jazeera: Stoppt eure amerikanische Propaganda“, erklärte Saeed Al-Salaf, ehemaliger irakischer Informationsminister, während des Golfkriegs 2003. Arabische Regierungen beschweren sich regelmäßig über Al Jazeeras Berichterstattung und schließen Korrespondentenbüros.

Hat Al Jazeera International trotz des schlechten Rufes des Muttersenders in der westlichen Welt eine Chance? „Falls der Sender sich zu stark auf die Berichterstattung im Mittleren Osten konzentriert, wird er keinen Erfolg haben“, vermutet AbuKhalil. Das aber ist genau das Gebiet, auf dem Al Jazeera bisher am stärksten gepunktet hat. Ein anderes Problem ist wie bei IWT die Verbreitung. Auch Al Jazeera International wird es beispielsweise schwer haben, ins amerikanische Fernsehnetz eingespeist zu werden.

Beiden Sendern steht also eine ungewisse Zukunft bevor. Während Al Jazeera International sich zumindest vorerst keine Gedanken um die Finanzierung machen muss, sind ihnen doch zwei Probleme gemein. Sie müssen überhaupt im Fernsehen gesehen werden können und noch entscheidender: Sie müssen es schaffen, nicht bloß als Sprachrohr des Anti-Amerikanismus und Anti-Kapitalismus wahrgenommen zu werden. Die mainstream media werden genau diesen Eindruck erzeugen wollen — oder die beiden neuen Sender einfach ignorieren.


Anmerkung: Seit dem 31.3.2006 heißt Independent World NewsThe Real News“. Die alte Adresse funktioniert weiterhin, die neue Seite (www.therealnews.com) ist noch in Arbeit.

Sebastian Dalkowski


Kommentare



Dennis O. schrieb am 24.04.2006 um 16:41 Uhr:

Sehr löblich, dass JUSTmag als erstes mir bekanntes deutsches Medium über IWT berichtet. Unabhängige Systemkritik benötigt jede mögliche Publicity, und ich hoffe, hier in Zukunft weitere Berichte zu IWT, AJ Int'l etc. lesen zu können.



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