 Kulturfabrik: Island.
| Festival |
Islandbilder-Festival 2005 |
| Ort |
Diverse Locations (Köln) |
| Datum |
18.11.2005 - 26.11.2005 |
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„Die beste Waffe gegen den Mythos ist in Wirklichkeit vielleicht, ihn selbst zu mystifizieren, das heißt einen künstlichen Mythos zu schaffen.“ Roland Barthes
Island: Das Land der Elfen und Björk. Ein Land inmitten von Eis, Meer und Gestein. Reykjavik: Das Künstlerdorf. Doch wer wohnt dort eigentlich? Kaum ein Student träumt nicht von einem Rucksacktrip ins Land der vulkanischen Seen und der schönen Künste. Doch was ist der Ursprung dieser Faszination: Die Einsamkeit und die damit verbundene Sehnsucht nach Freiheit? Der Wunsch nach einer vollkommen anderen Gesellschaft? Oder vielleicht doch der Gedanke an schillernde Partys in Europas vielleicht außergewöhnlichster Hauptstadt? Der Mythos Island gibt Anlass für ein außergewöhnliches Kulturfestival, das dieser Tage in Köln stattfand. In enger Zusammenarbeit mit isländischen Kulturbeauftragten und der Deutsch-Isländischen Gesellschaft in Köln entstand ein einmaliges Festival, bestehend aus Konzertveranstaltungen, Filmvorführungen, Lesungen, Ausstellungen und Partys. Es ging darum ein Bild zu zeichnen. Ein möglichst authentisches, unverfälschtes Bild, das sich wie so oft am besten in der Kunst- und Kulturszene des Landes widerspiegelt.
Fotografie
Jeder verarbeitet seine Inspiration auf eine andere Art und Weise. Isländische Fotografie — das heißt vor allem Natur, in Form von Landschaft, aber auch in Form von Menschen, die von dieser Landschaft gezeichnet wurden. So bleibt auch ein ganz bestimmtes Bild im Kopf hängen. Es ist das Bild eines Mannes, dessen komplettes Leben sich auf einem Erdfleck zwischen Fels und Meer abgespielt haben muss, so zerfressen ist das Gesicht von Wind, Eis und Regen: „Im Gesicht dieses Mannes, steht die Geschichte des Landes geschrieben“, besagt zumindest der Infotext zu diesem dokumentarischen Meisterwerk. Das Foto stammt von Ragnar Axelsson, zweifelsohne der Künstler, dessen Bilder am meisten berühren. Seine Ausstellung im Forum für Fotografie, schlicht „Island heute“ betitelt, ist noch bis zum 22. Januar zu bewundern. Neben den Fotografien Axelssons gibt es noch viele andere Künstler zu sehen, unter anderem Magnús Ólafsson und Alfred Erhardt. Wer allerdings auf bunte Holzhütten in netter landschaftlicher Umgebung hofft, wird vom Grundtenor der Ausstellung überrascht sein. Kaum Farbfotos, eine düstere Atmosphäre und viele kahle Felshänge ziehen sich wie ein roter (oder vielleicht besser: grauer) Faden durch die Bilder dieser Ausstellung. Sie revidieren eine gewissermaßen naive Vorstellung von Island, die vor allem in einer recht einseitigen mediale Darstellung des Landes seinen Ursprung hat. So spiegelt sich in vielen Fotografien das Leben außerhalb Reykjaviks wieder und damit ein Leben, das dem unseren ebenso fern zu sein scheint wie das eines kenianischen Fischers.
Kunst
„Nordlicht — Mythos und Melancholie“ enttäuschte als einzige Ausstellung des gesamten Festivals mit teils interessanten überwiegend aber belanglosen Exponaten isländischer Künstler und konnte das ansonsten hohe Niveau des angebotenen Programms nicht halten. Ob sich die Kuratoren mit der dargebotenen „Scheißland“-Performance Selbstironie bescheinigen wollten, wurde bislang nicht geklärt, genauso wenig wie der Sinn solcher („Scheiß“)Aktions-Kunst. Getoppt wurde diese Aktion lediglich nur noch durch den Wucherpreis, der im Anschluss feilgebotenen T-Shirts, die schlappe 50 Euro kosteten. Auch auf die Gefahr hin jetzt wertkonservativ zu klingen, ist es doch bedauerlich, wie leicht es unter dem Deckmantel zeitgenössischer Kunst ist, aus „Scheiße“ Geld zu machen.
Musik
Natürlich kommen noch mehr Bands aus Island als Björk und Sigur Rós. Der extrovertierte Songwriter Mugison zum Beispiel oder Seria, die genau die Musik machen, die man von Isländern so erwartet, ohne die Musik jetzt damit abwerten zu wollen. Überwiegend unbekannten Acts wurde während des Festivals eine Plattform geboten, auch wenn die Gewinner der Herzen Gus Gus hießen und mal wieder eine hervorragende Show inklusive zweier reizender Backgroundsängerinnen ablieferten. Ein besonderer Hingucker, nicht nur aufgrund der fantasievollen Kostümierung und den immens hohen Zigaretten(?)konsum des Sängers. Sie, machte einem Harlekin alle Ehre und er erschien stilvoll im Ananasanzug und mit Wollmütze. Es war wie immer ein Fest.
Mode und Design
Geographisch zwischen Europa und Amerika verortet, pendelt sich isländische Mode analog hierzu irgendwo zwischen Tradition und Moderne ein. Isländische Mode muss sich ihren Ruf, anders als beispielsweise vergleichsweise überschaubare Länder wie Belgien, in der Modewelt noch erkämpfen. Der Modestandort Island ist was die Popularität anbelangt noch durchaus ausbaufähig, besticht aber schon jetzt durch klar definierte Silhouetten, eine strenge Farbgebung (viel Schwarz und Weiß, aber auch schwere Violett- und kühle Grüntöne) und einen kühnen Materialmix (Taschen aus Fischhäuten). Sehr sehenswert. PS: Wo kriege ich das tolle Oberteil mit der Halskrause her?!
Film
Wer glaubt, die isländische Filmszene stecke noch in den Kinderschuhen hat weit gefehlt. So standen mit einer Retrospektive der Werke von Fridrik Thór Fridriksson einige international umjubelte Filme auf dem Programm des Islandbilder Festivals. Der Durchbruch gelang Fridriksson mit dem Film Kinder der Natur (1991), der als Bester Ausländischer Film für den Oskar nominiert wurde. Sein Haupt Augenmerk liegt in der Verfilmung teils wahrer Einzelschicksale. So auch seine Literaturverfilmung Angels Of The Universe, die immerhin 50 % der isländischen Bevölkerung im Kino sahen. Gerade im Filmhaus hoben die Organisatoren des Festivals den Kulturgenuss auf eine höhere Ebene. So erschien nach fast jeder Vorführung der Regisseur des jeweiligen Films vor der Leinwand für eine Gesprächsrunde mit dem Publikum. Ebenfalls anwesend war Islands Shooting Star Dagur Kári, dessen neuer Film Dark Horse in Köln Deutschlandpremiere feierte und kurz zuvor beim Brüsseler Film Festival als bester Film ausgezeichnet wurde. Aufsehen erregte Kári bereits mit seiner Band Slowblow und seinem Film Nói Albinói (2002). Dieser behandelt das Leben eines Einzelgängers in einem kleinen isländischen Küstendorf mit einer solchen Detailverliebtheit, dass einige Besucher im anschließenden Gespräch mit dem Regisseur glaubten, einen autobiographischen Charakter zu erkennen. Tatsächlich lebt Kári mittlerweile in Dänemark. Vermutlich um der unheimlichen und düsteren Atmosphäre seiner Filme nicht im wirklichen Leben ausgeliefert zu sein.
Islandbilder 2005
Der Mythos Island bleibt bestehen, auch nach dieser Veranstaltung. Denn dieses Land gibt Rätsel auf. Eine Künstlerszene, die facettenreicher nicht sein könnte, eine Landschaft, die man in Bildern kaum fassen kann und eine Hauptstadt, dessen gesellschaftliches Leben dann doch irgendwie europäisch anmutet. Das in Köln gezeichnete Bild von Island lädt gleichzeitig ein und schreckt ab. Letztendlich wurden die Besucher des Islandbilder-Festivals in jedem Fall Zeuge eines bisher einzigartigen Konzepts. An Authentizität mangelte es jedenfalls nicht in diesen Tagen, in denen selbst mit dem Winter das passende Wetter ins Land gezogen ist.
Katja Peglow/Marius Bubat
Bilder-Galerie
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