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Irène Némirovsky - Jesabel

Der Mann als Sammelobjekt.

Autor Irène Némirovsky
Titel Jesabel
Verlag Knaus
Seiten 221
Bewertung 8 von 9 Punkten

„Sie musste sich ihrer Macht unbedingt sicher sein, sicher, einen Mann wie früher verrückt zu machen, ihn leiden zu lassen. Wenn sie litten, beruhigte sich ihr Herz einen Augenblick lang.“

Das französische Original erschien 1936, aber erst jetzt wurde Jezabel ins Deutsche übersetzt. Jezabel erzählt die Geschichte von Gladys Eysenach, einer schönen, mondänen Frau, die zur Mörderin wurde. Die Erzählung beginnt mit der Gerichtsverhandlung, nach der alles klar zu sein scheint. Gladys, eine Frau von 60 Jahren, tötete ihren 20-jährigen Liebhaber, damit dieser ihre Affäre nicht ihrem Verlobten verrät. Die Anklage stellt Gladys als Monster dar, dennoch erhält sie nur wenige Jahre Gefängnisstrafe. Einige Ungereimtheiten verzeiht man Gladys Geschichte. Damit ist der Fall abgehakt.

Erst nachdem die Gerichtsverhandlung vorbei ist, beginnt die Erzählung Gladys' Geschichte aufzurollen. Und ihre Geschichte ist skurril und deprimierend. Im Grunde geht es um die weibliche Psyche. Es geht um den Wahn der ewigen Jugend, um die Sucht zu Gefallen, es geht um subtilen weiblichen Hass und um Intrigen. In leisen Tönen wird der Verfall einer Frau beschrieben. Wie sie sich von einem Liebhaber zum nächsten hangelt. Wie sie ihren Selbsthass auf feinen Diner-Partys und in verruchten Stundenhotels zu ertränken versucht. Das Laster ist allgegenwärtig, dennoch wird der Roman an keiner Stelle explizit. Némirovsky spricht in leisen, aber eindringlichen Tönen.

Der Leser begleitet Gladys auf den verschiedenen Stationen ihres Lebens. Warum möchte Gladys für immer jung bleiben? Warum starb ihre Tochter? Wie schafft es Gladys, so kalt und doch so naiv zu sein? Sehr tiefgängige Betrachtung seelischer Abgründe tuen sich auf. Im Grunde ist Gladys Eysenach die weniger mystische Version von Dorian Gray. Und ihr Verfall spielt sich hinter der Maske des perfekten Aussehens und des Makeups ab.

„, wiederholte er in düsterem Delirium, Er drückte sich in eine Ecke der Einfahrt und blieb dort stehen, den fallenden Regen betrachtend.“

Fazit: Eine intelligente Studie weiblichen Verhaltens. Obwohl der Roman so viele Jahre alt ist, hat er nichts an Aktualität verloren. Dekadenz und Zivilisation formen in diesem Fall den Menschen. Und übrig bleibt nichts Gutes, außer einem außerordentlich guten Roman.

Jasamin Ulfat



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