 „Wenn das Konzert vorbei ist, bleibt etwas über.“
Die Indierock-Band When the Music's Over hat soeben ihr Debütalbum veröffentlicht. In Österreich sind die vier Musiker längst kein Geheimtipp mehr: Vier Singles, jede Menge Live-Konzerte und ein Auftritt beim Frequency Festival 2005 in Salzburg haben für eine stets wachsende Fangemeinde gesorgt. Auf der Bühne zertrümmern When the Music's Over schon ab und zu mal gerne Gitarren. Beim Interview in einem Altwiener Kaffeehaus erwiesen sich Sänger Hannes Duscher und Gitarrist Helge Waldherr als höfliche, offene und sehr gesprächige Menschen. Katharina unterhielt sich mit ihnen über Fassade und Tiefgang, über den Ausweg aus der Beliebigkeit, und über das Lebensgefühl Rock'n'Roll.
Laut Presseinfo habt ihr euch gegründet „angetrieben vom Lebensgefühl Rock'n'Roll und der Unzufriedenheit über das Beliebigkeits-Einerlei in weiten Teilen der Rock- und Popmusik“. Was bedeutet für Euch das Lebensgefühl Rock'n'Roll?
Hannes: Gemeint ist mit dem Lebensgefühl Rock'n'Roll, dass eine Attitude da ist. Dass man sagt, Menschenskind, man meint das ernst, die Texte drücken was aus, sprechen echte Themen an, jugendkulturelle Themen, popkulturelle Themen. Wir sind nicht nur irgendwie h&m-dressed und fünf Meter dahinter geht's ab in ein riesiges Schlammloch, wo außer der Fassade nichts mehr ist. Es gibt ja eh genug Bands, die nur mehr diese Außenanforderung erfüllen, die sehen halbwegs so aus, sie haben alle nett Gitarren in der Hand, sie machen alle in etwa den selben Sound, sie haben einen schnellen Refrain, sie eignen sich gut für einen Klingelton und dahinter ist nichts oder zumindest nicht viel.
Was kriegen Eure Hörer, was sie wo anders nicht kriegen?
Hannes: Ich glaube eben credibility, attitude, etwas, das berührt, etwas zum Anhalten, was Schönes, was Arges, Wildes, etwas, das in den Bauch reingeht. Helge: Etwas, das eine gewisse Nachhaltigkeit hat, wo man auch kapiert: Wenn die Platte aus ist, wenn das Konzert vorbei ist, bleibt etwas über, es ist da ein Gefühl dahinter.
Und das geht Euch bei den Indie-Bands auch ab? Das klingt für mich eigentlich wie ein Pauschal-Vorwurf gegen all diese Kommerzbands.
Helge: Nein, das hat gar nicht so sehr mit Kommerz zu tun. Es geht gar nicht so sehr um alternative oder nicht alternative, es ist eher so das gebügelte Gefühl, das manche Bands haben, dieses Glatte, das Nicht-Anecken, das System-konforme, eine Modeerscheinung sein wollen, und nämlich wirklich auch wollen. Bei manchen Bands hast du das Gefühl, die wollen ein h&m-Pullover sein, für diese Saison.
Hannes: Darum klingen auch alle gleich und darum ist so eine Konformität überall drinnen. Also ich kann es nur vom Gefühl unterscheiden: Die haben es oder die haben es nicht. Ich finde, dass es wenige haben. Die White Stripes haben es. Franz Ferdinand haben es auf alle Fälle.
Also es geht nicht um Indie oder nicht Indie.
Hannes: Nein. Jack Johnson hat es auch. Ich glaube, dass man das generell anwenden kann. Gut ist es, wenn man es für sich selbst merkt.
Habt Ihr beim Songwriting und Arrangieren konkrete Vorbilder?
Hannes: Also wenn ich ehrlich bin, beim Songwriting ist es schon Nirvana.
Hannes, schreibst in erster Linie du die Songs?
Helge: Die Songs oder die Songideen sind von Hannes; Ich höre mir die Sachen an, reflektiere darüber gemeinsam mit ihm, und spüre mich dann mit meiner Gitarre einfach dazu. Es ist nicht so eine Geschichte, wo ich sage, okay, das ist jetzt in A-Dur und dann kann ich das und das drüberspielen, sondern das passiert einfach. Hannes: Ich weiß dann oft gar nicht in welcher Tonart- Helge: Ich habe überhaupt keine Ahnung, was ich spiele! Hannes: Flo, unser Schlagzeuger, hört das dann und der erklärt uns oft, was wir da machen.
War die Frage deutsch oder englisch singen jemals ein Thema?
Hannes: Nein, war in Wirklichkeit nie ein Thema für mich. Es kommt von innen und, wenn es einer Überlegung bedarf, dann der, dass ich mir denke, mir gefällt der Gedanke irrsinnig, dass Musik was Universelles ist.
Ich zitiere nochmal aus Eurer Pressinfo: „Das Interesse an der Band steigt nun merklich, was sich auch in Anfragen internationaler Labels manifestiert. Um ihren Rock and Roll Claim aber einmal abstecken zu können, hat sich die Band fürs erste für eine heimische Plattform entschieden.“ Was ist das denn für ein Rock and Roll-Claim, der Euch an ein österreichisches Label bindet?
Hannes: Das ist eine blumige Umschreibung dafür, dass wir ein konkretes Angebot aus England gehabt haben von einem rennomierten Label, und die hätten uns dann gerne live gehört in London. Nur: den Gig aufzustellen in England dauert lang, und im besten Fall fangen dann die Verhandlungen an. Aber wir wollten erst einmal die Platte rausbringen, nämlich jetzt.
Seht ihr Euch in großen Stadien oder Clubs in England, ist das der Wunschtraum?
Helge: Ja, schon, aber ich glaube, das Wichtige ist, dass man sich immer wieder vor Augen hält, warum man das macht. Als wir angefangen haben gemeinsam zu spielen, haben wir immer gesagt, wir müssen das aufziehen wie eine kleine Pflanze, die wächst und wächst und die müssen wir beschützen. Hannes: Wenn wir es rüber nach England schaffen, step by step, dann würde uns das schon sehr gefallen. Und von einem Stadion reden wir überhaupt nicht.
Warum kennt man in Österreich deutsche Bands, aber in Deutschland keine österreichischen Bands?
Hannes: Ich glaube mittlerweile, dass die Musik so international geworden ist von den Anforderungen her, und dass es durch das Internet so ist, dass den meisten immer mehr egal ist, wo etwas herkommt — Hauptsache, es ist gut. Helge: Es nützt nichts, wenn eine österreichische Band sich als 127. Deutschrock-Band einordnen will, das kann vielleicht funktionieren, aber es geht um die quality. Es gibt ja doch gottseidank Beispiele aus Österreich, wie zum Beispiel Naked Lunch, die es in Deutschland sehr wohl zu einer gewissen Bekanntheit geschafft haben.
Was bedeutet euer Bandname?
Helge: Es geht darum: Mit was für einem Gefühl wirst du in den Abend entlassen, wenn du das Konzert gesehen hast? Was für ein Gefühl steigt in dir auf, wenn die Platte aus ist? Das ist ein schöner Anspruch so eine Musik zu machen, nämlich den Leuten nachher etwas mitzugeben. Es gibt ja viele Situationen im Leben, wo nichts überbleibt.
Das Video zu Easy zeigt Euch in einer Peep-Show vor einem Publikum aus älteren Männern. Man könnte Euch billige Provokation vorwerfen. Warum habt ihr diesen Clip zu diesem Song gemacht?
Hannes: Peep-Show ist auch eine Bühne, die popkulturell was hermacht, wo man sozusagen für einen bestimmten Zeitraum Kohle zahlen muss, um was zu sehen. Wir hatten auf der einen Seite Easy, eine ruhige einfühlsame Nummer, wo man, wenn man jetzt ans Klischee denkt, ein Video gebraucht hätte, wo wir durch die Gassen gehen, den Kragen oben, es regnet leicht her, und uns verweht es die Haare im Wind…
Beide fangen zu lachen an bei dieser Vorstellung.
Helge: Und da haben wir uns gesagt, das geht nicht. Hannes: Zumindest nicht jetzt. Dann war plötzlich dieser Kontrast da: Wenn man dann schon in eine Peep-Show geht, dann müsste die Nummer extrem wild sein, und am Schluss zerhacken wir die ganze Peep-Show. Das war eben dieser Kick, zu sagen, wir haben so ein total ruhiges einfühlsames Lied, und gehen aber damit trotzdem in die Peep-Show, und aus dem heraus hat sich das entwickelt. Helge: Gleichzeitig muss man aber schon auch sagen, es hat natürlich was Provokatives. Das war uns vorher schon bewusst, aber dann finde ich es auch interessant, wie die Leute damit umgehen. Ich meine, das ist Reality, es gibt Peep-Shows in Wien, und die sperren aber um neun in der Früh auf und gehen bis elf Uhr Nacht, das ist ein Tagesbetrieb, das ist irgendwie ein Shop wie jeder andere in Österreich, und da gehen alle Leute hinein. Wir haben es dann auch bewußt natürlich so gemacht, dass da auch Männer vorkommen. Und das ist schon wiederum witzig, wenn ein gewisser Musikvideokanal (go-TV, österreichischer Musiksender, Anm.d.Red.) sagt, das geht nicht untertags.
Aber die tun euch ja einen großen Gefallen damit, denn jetzt wartet jeder darauf, dieses Video zu sehen.
Hannes: Natürlich tun die uns damit einen Gefallen. Ich glaube, denen war das einfach too much.
Gibt es Entscheidungen, die Ihr als Band getroffen habt, die ihr rückblickend lieber anders getroffen hättet?
Beide: Nein.
Ihr habt neben eurer Musikkarriere andere Jobs. Stellt sich für euch nicht die Frage Musiker oder bürgerlicher Beruf?
Helge: Vielleicht kommt der Tag, wo man sich entscheiden muss. Durch die Situation kommt aber auch ein anderer Aspekt dazu: Man hat, was das Musikmachen betrifft, einen freien Rücken. Den Zwang, kreativ zu sein, um seinen Lebensunterhalt verdienen zu müssen, muss ich nicht unbedingt haben. Das würde mich in meinem künstlerischen Ausdruck auch hemmen.
Zum Abschluss ein paar Entweder-oder-Fragen:
Lebe deinen Traum oder träume dein Leben?
Hannes: Beides. Helge: Beides.
Platte oder CD? Oder mp3 oder…?
Hannes: In jedem Fall etwas, wo es ein Artwork gibt. Also Platte oder CD. Da kann ich was anschauen, was aufblättern. Helge: Man kann was angreifen, das finde ich essentiell… Nicht dieses Schnelllebigkeit, das schnelle Konsumieren und Wegwerfen. Wieder so eine Geschichte, wo nichts oder wenig überbleibt. Aber ich kann die Kids verstehen, die keine Kohle haben und sich was downloaden. Downloads für einen Euro, das wäre fair. Damit zollt man der Band auch einen respect.
Skifahren oder Snowboard?
Helge: Skifahren. Aber schon lang nicht mehr eigentlich. Hannes: Snowboard, weil ich surfe.
Tanzen oder Cool rumstehen?
Hannes: Cool rumstehen. 100 Prozent. Helge: Ich tanze nur auf der Bühne. Ich bin schon auf den Schulbällen gescheitert.
Kaffee oder Tee?
Helge: Viel Kaffee. Hannes: Ich trinke keinen Kaffee.
Sehen oder gesehen werden?
Hannes: Beides. Helge: Beides.
Macho oder Softie?
Hannes: Vordergründig Macho, hintergründig Softie. Helge: Ich kann tendenziell mit Machos nichts anfangen. Daher bin ich ein Softie.
Interrail oder Cluburlaub?
Helge: Beides nicht. Hannes: Beides nicht. Flug buchen, aus. Möglichst weit weg, wo es warm ist.
Katharina Litschauer
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