 „Trübsinn ist nicht Tiefsinn.“
Funny van Dannen ist vieles und das alles auf einmal: Autor, Maler, Ehemann und vierfacher Familienvater. Vor allen Dingen aber ist er Musiker. Er war ein Gründungsmitglied der Lassie Singers und sorgt manchmal dafür, dass andere Bands mit seinen Texten einen Hit landen. Diese Woche erscheint sein zehntes Soloalbum Trotzdem Danke. Frisch aus dem Urlaub am Niederrhein zurückgekehrt erzählt er Linda, was es Neues gibt.
Hast du deine Ferien gut überstanden?
Ja, wir haben unseren Heimaturlaub wieder beendet.
Ist das ein Ritual für dich, dass du vor dem ganzen Promo-Stress und der Tour noch mal kurz Kräfte sammelst?
Ach nein, aber wir sehen zu, dass wir einmal im Jahr unten bei meinen Eltern sind. Auch für den Kleinen, der sehr an seinen Großeltern hängt. Es ist ja auf die Entfernung doch recht selten, dass wir uns sehen.
Du bist ja nicht nur Musiker, sondern auch Autor und Maler. Welches Medium eignet sich am besten für dich, um dich auszudrücken?
Das wechselt sich ab. Es gibt immer Zeiten, in denen der Schwerpunkt auf einem Feld liegt, trotzdem mache ich alles parallel. Im Grunde hängt mein Herz schon an der Malerei, aber das ist leider der Bereich, in dem ich am wenigsten Erfolg habe. Aber wer weiß… vielleicht wird das ja noch was. So alt bin ich noch nicht.
Du bist unwahrscheinlich produktiv. Bist du jemand, in dem es immer arbeitet und der seine Umwelt verwerten muss?
„Verwerten“ würde ich jetzt nicht sagen, das klingt so negativ. Es gibt aber Leute, die so arbeiten und ständig auf der Lauer liegen. Ich kann gut mal ein paar Tage nichts tun, bin aber immer angeknipst und eigentlich sehr fleißig.
Wie wichtig ist dir deine Umwelt und Einflüsse wie zum Beispiel das Fernsehen, wenn du schreibst? Oder speist sich das alles aus dir selbst?
Na ja, wenn ich einsam in einer Höhle sitzen würde, würden mir wahrscheinlich auch die Ideen ausgehen. Das kommt von überall her, aus dem Alltag oder aus Ausnahmesituationen. Eben alles, was auf einen ausstürzt.
Einige Künstler fahren ja gerne allein in die Pampa, wenn sie schreiben wollen.
Nein, das brauche ich nicht. Früher hab ich noch nicht mal Ruhe gebraucht, auch wenn um mich viel Rambazamba war. Ich weiß nicht, ob das am Alter liegt, aber in den letzten fünf Jahren genieße ich es schon, ein richtiges Atelier zu haben und mich zurück ziehen zu können. Ich hab auch von einem Schriftsteller gehört, dass er besonders gut schreibt, wenn um ihn viel Trubel ist. Also ich muss mich nicht in ein Kloster zurückziehen, um schreiben zu können.
Siehst du Lieder als Momentaufnahmen? Wie ist es dann für dich, diese Lieder nach Jahren vor Publikum zu spielen?
Das ist schon okay, wobei ich im Grunde kein Reproduktionskünstler bin. Wenn ich die Sachen aufgenommen habe, ist für mich der spannendste Teil der Arbeit getan. Das noch mal vor Leuten zu spielen, ist noch mal ein anderer Aspekt, aber das muss ich nicht ewig haben. Natürlich ist es schön, wenn man Lieder hat, die Leute gerne hören möchten. Aber ich könnte nicht leben wie diese alten Rock-Heroen, die 30 Jahre durch die Lande ziehen und ihr ähnliches Repertoire spielen. Wobei, wenn man als Band spielt, kann man sein Programm schon variieren. Aber wenn man allein mit der Gitarre auf der Bühne steht, wollen die Leute schon gerne die Sachen so hören, wie sie die Lieder kennen. Aber für denjenigen, der auftritt, ist das natürlich nicht so spannend. Ob ein Konzert unterhaltsam war oder nicht, hängt auch ganz oft vom Publikum und der Atmosphäre ab. Es gibt so Abende, die waren ganz bezaubernd und man kann sich das gar nicht erklären, weil man sich einbildet, man wäre nicht besser oder schlechter als sonst gewesen. Ich weiß nicht, woran es liegt. Vielleicht an bestimmten Magnetfeldern oder am Mond…
Du singst in deinem neuen Lied Schornsteinfeger: „Du lachst über meine Bilder. Sie waren wirklich schon mal besser und böser, jetzt sind sie wesentlich milder.“ Trifft das zu, wenn du auf deine zehn Soloalben zurück blickst?
Ich würde das nicht auf meine Situation münzen, weil viele Stücke auf dem Album voller Wut sind. Es passte einfach ganz gut in das Lied. Lieder entwickeln ja auch ein Eigenleben, manchmal gibt es schon autobiographische Momente. Aber wenn ich das immer durchhalten wollte, käme zumindest für mich kein gutes Lied zustande. Es ist immer eine Mischung aus autobiographischen und erfundenem Momenten.
Verfolgst du aktuelle deutschsprachige Musik? Gibt es da jemanden, den du besonders magst?
Ja, aber ich bin von keiner Band Fan. Tocotronic finde ich nach wie vor gut, das sind gute Leute. Wir sind Helden haben auch ihre Qualitäten, obwohl mir die Stimme der Sängerin leider ein wenig zu piepsig ist. Ich finde es schade, wie die produziert wird. Ich glaube, die Stimme ist gar nicht so mickymausmäßig. Aber die Texte sind nicht blöde und wenn die sich mal von ihrem New-Wave-Gedöns verabschieden würden, käme was Interessantes dabei zustande. Deutschen Hip Hop finde ich auch interessant, Dendemann oder Jan Delay.
Wen trifft man so auf deinen Konzerten? Sind das die gleichen Leute wie vor zehn Jahren oder spürst du etwas vom Deutschpop-Hype?
Ich weiß nicht, woran es liegt, aber es wachsen ständig neue Leute nach. Das ist toll, das hab ich gar nicht erwartet! Für junge Leute ist diese handgemachte Musik vielleicht eine ganz schöne Alternative zur technisierten Popmusik, die sonst so gehört wird. Aber ich denke, ich hab natürlich auch eine ganz treue Fangemeinde, die dabei bleiben. Eben eine bunte Mischung, viel studentisches Publikum.
Die Toten Hosen haben Lieder von dir gesungen und hatten zum Beispiel mit Bayern einen großen kommerziellen Erfolg. Denkst du da nicht manchmal: „Hey, das war meine Idee! Warum bin ich nicht in den Top Ten?“
Naja, man kennt ja die Mechanismen. In meiner Version wäre das Lied nie in die Charts gekommen, weil ich eben diesen Bekanntheitsgrad nicht habe. Das muss man so akzeptieren und froh sein, dass es eine bekannte Band gibt, die diesen Song singt. Dann ist es ja schön, wenn es wenigstens so klappt und beide was davon haben.
Wenn du die Wahl hättest: Wer sollte mal einen Song von dir singen?
Ich stehe Coverversionen eher kritisch gegenüber, mit ganz wenigen Ausnahmen. Das Original hat immer einen eigenen Charme, neben dem ein Cover selten bestehen kann. Wobei ich diese Möglichkeit nicht für unmöglich halte, dass ein Song wirklich wie die Faust aufs Auge für jemanden anderen passt. Ein gutes Beispiel ist Nothing Compares To You von Prince. Sinead O'Connor hat den Song gecovert und es passte perfekt. Aber ich könnte mir nicht vorstellen, dass sowas bei meinen Liedern klappt.
Bist du gekränkt, wenn man dich den „lustigen Liedermacher“ nennt? Einige Musiker reagieren darauf ja sehr allergisch.
Nein, bin ich nicht. Das ist ja ein Teil von mir. Die eine Hälfte meiner Lieder ist lustig, die andere melancholisch. Ich hab überhaupt nichts gegen lustige Musik. Das hängt mit dem deutschen Bild von Kunst zusammen, dass bei heiteren Liedern immer ein minderwertiges Moment mitschwingt. Ich kann nicht sagen, ob das in anderen Ländern auch so ist. Aber in Deutschland ist alles, was nach Tiefsinn aussieht, gleich große Kunst. Auch, wenn es nicht tiefsinnig, sondern trübsinnig ist. Ein anderer, der Leute zum Lachen bringt, wird nicht ernst genommen. Ich finde lustige Kunst und Musik viel zu wichtig, als das ich mich da gekränkt fühlen könnte. Im Gegenteil, ich würde gerne noch viel lustigere und am besten nur noch lustige Lieder machen. Die traurigen Lieder mache ich nur, weil das Leben so ist wie es ist. Und nicht, weil ich traurige Lieder toll finde.
Linda Wilken
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