JUSTmag - morgen werden wir erwachsen... StartseiteSucheFreundeTeamNewsletterGästebuch
Interview mit Tom Liwa

„Es ist alles ein Song.“

Ein sonniger Juniabend in Dortmund. Gleich beginnt ein Konzert im Subrosa, denn Tom Liwa hat wieder ein neues Album gemacht. Vorher hat er sich mit Linda in den Park gesetzt und ihr zwischen Bäumen und spielenden Kindern erzähllt, worum es in „Eine Liebe ausschließlich“ geht.

Ich habe das „Making of“- Video zu deiner Platte im Internet gesehen und war erstaunt, weil du doch sonst keine Linernotes schreibst. Warum war es dir diesmal so wichtig, was zu deinen Liedern zu sagen?

Erstens ist es eine sehr persönliche Platte, die sich irgendwie dazwischen geschoben hat, darum wollte ich sie gerne kommentieren. Bei der letzten Platte war das übrigens auch so, darum sind die beiden auch so was wie ungleiche Schwestern. Aber ich hatte bei der letzten Platte auch keine Myspace- Seite und niemanden, der so ein Filmchen für mich drehen konnte.

Myspace war ja auch lange ein Ding, dem du skeptisch gegenüber standest.

Auf jeden Fall! Die Sache ist: Ich schade Rupert Murdoch weniger wenn ich keine Seite hab als mir selber, wenn ich eine hab. Du weißt ja selbst, dass Myspace einfach eine Riesenmacht ist. Man kann sich natürlich vor allem sperren, aber ich habe Kinder zu ernähren. Von daher ist Myspace ein notwendiges Übel.

Du sagst, die Platte hat sich „dazwischen geschoben“, aufgenommen hast du sie auch sehr schnell.

Ich habe die Platte sehr schnell aufgenommen, was ja auch sehr einfach ist, weil ich allein war. Geschrieben habe ich die Songs in drei Monaten. Eigentlich hatte ich gar nicht vor, eine Platte draus zu machen, weil mir das alles viel zu nah war. Ich hab mich dann eigentlich erst während einiger Konzerte im März, April dafür entschieden, genau diese Sachen zu spielen, die am wehsten taten. Ich habe gemerkt, dass die Publikumsreaktionen sehr positiv waren und sie die Authentizität zu schätzen wussten, die von diesen Liedern ausging. Ich habe in den letzten Jahren sehr andere und verschiene Themen gehabt und gemerkt, dass diese Art von Songs das ist, was Viele an den Sachen von früher schätzen, dieses Aufarbeiten von Beziehungen. Innerhalb von einer Nacht habe ich mich entschieden, eine Platte daraus zu machen und die Sachen zu veröffentlichen. Das war bei einem Freund in Westerstede, der einen Club hat, die „Wunderbar“. Ich habe mit ihm gequatscht und eine Liste mit den Songs gemacht, die sich zu dem Zeitpunkt angesammelt hatten. Ich hatte einfach das Gefühl: „Ich mach das jetzt!“ Einfach auch, um mich davon zu lösen.

Ist das Veröffentlichen von solch privaten Songs nicht gefährlich, macht das nicht verletzbar?

Ja, aber die Gefahr ist ja auch was Gutes. Es ist ja gut, sich als Künstler einer Gefahr auszusetzen und nicht immer den sicheren Weg zu gehen. Es gibt Leute, die immer nur den sicheren Weg gehen und das kann sehr langweilig sein. Ich halte es für wichtig, sich die eigenen dunklen Seiten anzuschauen und zu sehen, was man da lösen kann. Die Gefahr beginnt ja schon damit, die Songs überhaupt zu schreiben. Die waren ja schon geschrieben, mit einem Bein stand ich also schon mittendrin. (lacht).

Du hast mal gesagt, dass du Musik machst, um sie anderen zu schenken und Trost zu spenden. War es bei diesem Album mehr so, dass es „deine“ Songs sind, die dich trösten sollten?

Ich hatte zu der Zeit mehr als sonst meinen eigenen Film im Kopf. Aber ich habe eben gemerkt, dass sich die Leute damit identifizieren können und man kommt auf Punkte zu sprechen, die Archetypen gleichen und andere auch schon erlebt haben.

Dein Album ist ein Solo-Album geworden. Warum hast du dich für diese Form entschieden?

Ich wollte die Platte einfach so klar wie möglich haben. Ich wollte, dass das Ganze nackt ist. Es geht da auch um Sachen, die sich nicht mit Worten oder anderen Menschen klären lassen. Da klinge ich wirklich selbst.

In „Wovor hat die Welt am meisten Angst.“ geht es ums Unterwegssein, sowohl im direkten, als auch im symbolischen Sinne. Wie wichtig ist das Unterwegssein beim Schreiben für dich?

Das lässt sich gar nicht voneinander trennen, ich bin einfach immer unterwegs. Ich habe auch das Gefühl, dass ich in den letzten zwanzig Jahren versucht habe, ständig Situationen zu schaffen, in denen ich zwischen Punkt A und Punkt B unterwegs war. Eigentlich würde ich mich eher danach sehnen, irgendwo anzukommen. Ich habe jahrelang erzählt, Zuhause sei eher ein Zustand als ein Ort. Das war aber nur zum Teil so, weil ich immer meine feste Basis hatte. In den letzten paar Monaten war es zum ersten Mal eigentlich wirklich so. Darum war das auch Thema auf der Platte. Es gibt auch nur einen Song darauf, der in Duisburg entstanden ist. Die meisten sind irgendwo entstanden, das war schon eine Bedingung der Platte. Schreiben ist sowieso kein Prozess, wo du hingehst und was schreibst. Es schreibt die ganze Zeit in mir. Manchmal krieg ich's mit und es muss raus, und manchmal nicht. Und eigentlich ist alles auch nur ein Song.

In „Wovor hat die Welt am meisten Angst“ kommt auch die Szene vor, wie die Mädchen in einem dunklen Zimmer sitzen und Bob Dylan hörten und du so sein wolltest wie er. Waren Idole als Jugendlicher ein Anreiz für dich, Musiker zu werden?

Ich glaube, da war eher was in mir, was raus musste und was dann einen Katalysator gefunden hat in Songschreibern, die ich entdeckt habe und die mir in bestimmten Situationen was bedeutet haben oder mir geholfen haben, mit Situationen klar zu kommen, zumindest scheinbar. Und außerdem hab ich gemerkt: „Hey, ist ein super Berufsbild. Gefällt mir!“ Wie Leute, die gerne essen und dann Koch werden wollen. Aber mittlerweile stehe ich Idolen und auch Dylan skeptisch gegenüber. Ich sehe ein Problem darin, seine Identität aus etwas Anderem als sich selbst zu ziehen. Und wenn ich mir angucke, was gerade Dylan sich freiwillig oder unfreiwillig geschaffen hat. Es ist einfach Fakt: Jeder, der gerne jemand anderes wäre als er selbst, ist nicht auf dem Weg zu sich selbst und das sollte letztendlich das Ziel sein, sich frei zu machen davon. Gerade in einem bestimmten Alter suchst du deine Identität aus Puzzleteilen zusammen, die irgendwo herkommen, bist aber nicht wirklich du selbst.

Aber braucht man zunächst nicht diese Puzzleteile, um sich an etwas zu orientieren und dann zu sich selbst zu finden? Man kann ja nicht aus dem luftleeren Raum schöpfen.

Es gibt aber auch keinen luftleeren Raum. Da ist immer irgendwas, was dich spiegelt. Die Menschen, die um dich herum sind und natürlich auch diese total übermächtige Kultur, die immer auf dich einwirkt. Radio, Fernsehen, Internet. Irgendwelche Sachen, die dich in irgendeine Richtung beeinflussen. Irgendwas findest du dann super und ziehst deine Identität daraus. Aber letzten Endes ist das alles schon irgendwie trügerisch.

Ich glaube darüber singst du auch in „Traumjunge“, ein Lied, das du für deinen kleinen Sohn geschrieben hast.

Ja, es handelt davon, sich von Vorstellungen frei zu machen. Das ist eine Lebensaufgabe, ganz klar.

Kann man das nur als Kind oder kann man sich das irgendwie bewahren?

Man kann das als Kind noch, auf jeden Fall. Aber dann verliert man das aber das hat auch seinen Sinn. Man muss durch diese Hölle durch. Die Hölle der Pubertät, die Hölle der Schule. Letzten Endes ist es eine Aufgabe, sich davon zu befreien.

Ein großes Thema bei deinen letzten Alben war Spiritualität, was aber außer in dem Song „Gnade“ nicht mehr auftaucht. Woran liegt das, ist das Thema künstlerisch für dich ausgereizt?

So betrachte ich das gar nicht. Es ist immer so, dass, wenn Themen neu sind oder etwas Umwälzendes passiert ist, diese Themen mehr zu behandeln oder man neigt dazu, sie einfach unvorsichtiger und marktschreierischer damit umzugehen. Spiritualität ist kein Accessoire oder Lebensstil, für den man sich entscheidet. Sondern eigentlich ist Spiritualität das, was ich gerade schon gesagt habe: Sich seine dunklen Seiten anschauen und schauen, wie man da Licht reinbringen kann oder sie erklären kann. Ich bin einfach zu einem Punkt gekommen, wo es weniger um irgendwelche Etiketten geht, sondern Spiritualität ist ein fester Bestandteil meines Lebens. Es geht für mich nicht mehr darum, bestimmte Prinzipien darzulegen, sondern es geht um eine bestimmte Art und Weise, an mir zu arbeiten. Das muss ich nicht explizit thematisieren.

Songschreiber wie Dylan oder Lennon haben sich ja auch mit Spiritualität befasst. Wenn man Songs schreibt, sich viele Gedanken, auch viele existenzielle Gedanken macht, ist dann der Sprung zur Spiritualität gar nicht so weit?

Es ist zwangsläufig, dass wenn man nach Antworten sucht, erstmal sehen muss, welche Antworten andere gefunden haben und schaut, was sich mit sich selbst deckt. Aber diese Antworten findet man weniger in Literatur, als in seinem eigenen Leben. Ich würde nicht trennen zwischen einem sakralen und einem profanen Bereich im Leben. Ich finde, dass sich das alles gegenseitig durchdringt. Leute, die Spiritualität als Accessoire tragen und versuchen, Spiritualität von ihrem hässlichen Alltag trennen, machen einen Fehler, bei ihnen hat es noch nicht statt gefunden.

Letzten Monat gab es ein „Liedermacher-Gipfeltreffen“, ein Interview mit dir, Gisbert zu Kyphausen, Reinhard Mey und Bernhard Lassahn im „Rolling Stone“- Magazin. Hast du dich in der Runde wohl gefühlt?

Das hat sich sehr natürlich ergeben, das war ein sehr schönes Treffen. Gisbert kenne ich schon länger und Reinhard Mey hab ich zum ersten Mal getroffen und war überrascht, was für ein feiner Kerl das ist, wie locker der auch war. Das war ein schönes Gespräch, das wir auch nicht bierernst genommen haben.

Ich war aber schon überrascht weil ich finde, dass du und Gisbert völlig unterschiedliche Arten von Musik machen. Was ist denn überhaupt ein Liedermacher? Nicht jeder, der Lieder schreibt, ist doch auch ein Liedermacher, oder?

Schwer zu sagen, wir beackern schon unterschiedliche Felder. Aber das Grundprinzip, eigene Erfahrungen umzusetzen und Songs draus zu machen, ist schon dasselbe. Klar ist Gisberts Ansatz schon ein anderer. Wie würdest du denn den Unterschied beschreiben.

Ich würde sagen, Gisbert schreibt unmittelbarer und lauter. So genau kann ich's nicht sagen.

Och, es gab schon Zeiten, da war ich auch laut (lacht). Es gab aber auch Zeiten, da hätte ich mich ganz bestimmt nicht als Liedermacher bezeichnet.

Als was hättest du dich denn bezeichnet?

Na ja, als Songschreiber sowieso immer. Aber im Band-Kontext, mit den Flowerpornoes, hätte ich mich gern als psychodelischer Rockstar gesehen. Aber das hängt mit Sozialisation zusammen und dem Gefühl, immer der Generation ans Bein pissen zu müssen, die vor dir da war. Irgendwann siehst du einfach nur den Menschen, der geile Musik macht und findest es schön, ihn kennen zu lernen und Lebenserfahrungen auszutauschen. Das ist einfach sehr schön und bereichernd. Dann sind Definitionen nicht mehr so wichtig.

Linda Wilken



XML (RSS/RDF)