 „Ich habe nicht den Zwang, unbedingt ein Kleid anzuziehen.“
Der Chansonsänger Tim Fischer hat im Schauspiel seine zweite Berufung gefunden, schlüpft nun auch abendfüllend auf der Bühne in eine zweite Haut und kann seinen zweiten Dialekt, das Wienerische, dafür gut gebrauchen. JUSTmag-Redakteurin Katharina traf ihn an einem verschneiten Nachmittag zwischen Soundprobe und Kaffeehausbesuch in Wien, wo er am selben Abend in Adam Schaf hat Angst die Titelrolle gab. Das Stück stammt vom österreichischen Dichter und Komponisten Georg Kreisler. Von dem ist Fischer so begeistert, dass er am liebsten nur über ihn erzählt hätte. Ein bisschen was über sich selbst hat er dann aber doch verraten.
In Ihren Liedern gibt es immer wieder einen starken Bezug zu Wien, sie haben sich mit dem Wienerischen quasi einen zweiten Akzent zugelegt. Wie kam es dazu?
Meine Großmutter hat immer Platten von Michael Heltau gespielt, der ja nun auch kein echter Wiener ist, aber viel im Slang singt, und das ist mir irgendwie in die Ohren gegangen. Natürlich versucht man als Schauspieler auch verschiedene Dialekte nachzumachen oder zu parodieren. Allerdings muss ich sagen, wenn ich die Kreislerlieder singe, parodiere ich nicht seinen Akzent. Einen ganzen Abend im Wiener Dialekt zu singen wäre jetzt nicht mein Ding, aber die Inhalte sind ja auch sehr österreichisch, sie sind natürlich aus der Feder von Georg Kreisler. Ich bin ein sehr, sehr großer Kreisler-Verehrer und seit einigen Jahren mit ihm befreundet. Er hat mir jetzt auch einen neuen Liederabend geschrieben und ich bin sehr glücklich. Das ist auf der einen Seite natürlich eine sehr, sehr große Ehre, dass er möchte, dass ich das mache, ein Ritterschlag oder so, auf der anderen Seite graust es mir natürlich auch schon, diese wahnsinnig komplizierten Texte zu lernen. Erst mal sitzt da natürlich ein Riesenmonster vor einem… aber man lässt sich dann doch ganz gerne fressen.
Was verbindet sie mit Kreisler?
Was uns verbindet, ist, dass er gesungen hat auf der Bühne und dass ich auf der Bühne singe. Ansonsten sind wir glaube ich grundunterschiedlich, denn er ist ja ein Komponist, ein Pianist, ein Texter, ein Buchautor, das bin ich alles nicht. Ich bin lediglich Sänger und habe einfach eine große Liebe zu seinem Scharfsinn und zu seinem analytischen Blick, den er auf die Welt wirft und dem er in seinen Liedern Ausdruck verleiht.
Kreislers Stück Adam Schaf hat Angst, in dem sie die Titelrolle spielen, wurde jetzt neu inszeniert. Was hat sich seit der ersten Version geändert?
Wir haben das Stück 2002 schon im Berliner Ensemble aufgeführt, da hat Werner Schroeter die Regie gemacht. Er hat dem Stück leider so eine ganz eigene Sicht aufgedrückt, also er hat das Stück nicht inszeniert, wie es geschrieben war. Das Stück spielt in einer Theatergarderobe, der alte Schauspieler Adam Schaf kommt eben wie gewohnt zwei Stunden vor Vorstellungsbeginn in seine Garderobe und lässt dort sein ganzes Leben Revue passieren, zieht sich Kostüme von Kollegen an, um sein ganzes Leben für sich selbst zu spielen. Bei Werner Schroeter war das alles gar nicht gegeben, es war ein Boxring aufgebaut und es gab zwei Boxer und dann wurde noch eine Rolle reingeschrieben. Natürlich hat das dem Kreisler nicht besonders gefallen, dass man in sein Stück etwas reinschreibt, was er nicht reingeschrieben hat, und ihn auch nicht gefragt hat. Es ist damals alles sehr eskaliert, ich habe irgendwann gesagt: So, ich möchte jetzt, dass der Kreisler auch informiert und gefragt wird, ob das so über die Bühne gehen darf. Er kam dann mit seiner Frau und seiner Schreibmaschine nach Berlin und hat versucht, zu retten, was zu retten war, aber es war einfach zu spät. Später saßen wir in München zusammen und ich habe zu ihm gesagt: Wär's nicht gut, wenn wir wenigstens vielleicht eine CD aufnehmen, dass etwas von diesem Stück erhalten bleibt? Da hat er gesagt, ja, das wäre aber schon schön, wenn du's vorher noch mal spielen würdest, worauf ich wieder sagte, ja aber mit welchem Regisseur denn, und seine Frau Barbara Peters sagte dann: Mensch, Georg, mach du das doch. So kam das zustande.
Wo ist der Unterschied, wenn sie in einer Rolle wie als Adam Schaf auf der Bühne stehen und als Tim Fischer?
Sonst sind meine Abende eher konzertant, und hier ist es so, dass ich diese Rolle spiele und zwar vom Anfang bis zum Ende. Ansonsten wechsle ich auch häufig die Rollen.
Sind das dann Rollen oder ist das alles die Bühnenperson Tim Fischer?
Ja, diese schizophrene Bühnenfigur Tim Fischer, die sich aufspaltet in tausend verschiedene Rollen.
Und hat die noch was gemeinsam mit dem privaten Tim Fischer?
Naja, wenn es sich um Liebeslieder dreht oder politische Aussagen, dann natürlich.
Sie treten dann auch mal in Frauenkostüme auf. Ist das für sie eine Möglichkeit, die jedem Menschen eigene andersgeschlechtliche Seite auszuleben, die man in der Gesellschaft manchmal nicht ausleben kann?
Also zum Einen ja, aber es geht natürlich auch immer wieder um theatralische Momente, also ich habe nicht den Zwang, unbedingt ein Kleid anzuziehen.
Aber sie tun's trotzdem.
Ja, sicher, aber ich kann auf die Frauenrolle sehr gut verzichten und kann auch mal anderen das Kleid lassen. Es liegt einfach auch an den Stücken, was da verkörpert ist und was da zu spielen ist, und da gehören dann natürlich Kostüme dazu.
Sie haben mit der Musik angefangen. Wie kam es dann zum Spielen? Hat sich das aus den Rollen in den Konzertprogrammen entwickelt?
Ja, und auch sehr stark auch durch die Kreisler-Lieder, die ja sehr, sehr charaktervolle Figuren beschreiben. Die darzustellen, das hat mich gereizt. Das waren halt immer kurze Ausflüge in verschiedene Rollen und jetzt eben diese ganze Geschichte.
Haben sie ein Lieblingslied aus den eigenen Programmen?
Also ich muss wirklich sagen, das sind alles Lieblingslieder. Das ist wie mit Kindern, da sagt man ja auch nicht, das ist mein Lieblingskind, sondern man versucht, gerecht zu sein und sie alle gern zu haben.
Katharina Litschauer
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