 „Eine skandinavische Musikszene gibt es nicht.“
Wie in einem griechischen Tempel werden sie stehen, die Suburban Kids with Biblical Names. Die Bühne ist umrahmt von zwei Säulen. Auf ihnen ruht ein dreieckiges Giebeldach. Allein der sich daran hochrankende Wein fehlt. Er würde sich an den Säulen entlang hochranken zu der gewölbten Decke, die alles überdacht. Auf der anderen Seite des Saales würde er sich wieder ein Stück hinunter ranken zum Rang, der sich entlang der gesamten Breite zieht. Das UT Connewitz in Leipzig mutet weniger wie ein Konzert-, als vielmehr wie ein Theatersaal an. Und doch war es einmal ein Lichtspielhaus. Aber da, wo einst die Vorhänge hingen, bröckelt heute der Putz. Da, wo einst Leute sich, schick zurecht gemacht, trafen, stehen heute Jungs in ausgebeulten, viel zu weiten Jeans, die bis zu den Knien hängen.
Da, wo früher die Filme die Leinwand trafen, ist heute eine Projektion des Pop-up Logos zu sehen. Denn die Musikmesse ist einer der Veranstalter des Skandinaviskt-Festivals. Das Festival möchte „eine Momentaufnahme des Skandinavienpop auf die Bühne bringen“ (www.skandinaviskt.com) und tourt deswegen durch mehrere deutsche und österreichische Städte. Ein Vertreter dieser Gattung des Skandinavienpop ist wohl die schwedische Band Suburban Kids with Biblical Names. Eigentlich sind das nur Johan Hedberg und Peter Gunnarsson. Jetzt sitzen sie mir aber zu dritt gegenüber; Peters Bruder Martin ist noch mit dabei. Und auf der Bühne kommen dann später noch mehr Musiker dazu. Sie hatten Glück. Anfang 2004 stellten sie ein paar Lieder ins Internet. Daraus wurde dann mehr: erst ein Beitrag für den Sampler des Sonic-Magazines und später ein Plattenvertrag mit Labrador.
Wie viel Glück braucht man denn für den Erfolg?
Also vor allem am Anfang braucht man schon auch Glück. Ja, besonders am Anfang.
Hat man da in Schweden eine bessere Chance als in Deutschland, weil es vielleicht eine bessere Unterstützung vom Staat gibt?
Ja, vielleicht. Man bekommt in jeder Schule einen Proberaum zur Verfügung gestellt. Das ist schon eine tolle Sache für eine junge Band.
Über die Schule ist Martin auch überhaupt erst zur Musik gekommen:
Ich habe mit sieben Jahren angefangen Violine zu spielen. Wir haben damals ein Schulprojekt gemacht, bei dem alle Kinder in der Klasse Violine spielen mussten. Später habe ich dann zum Schlagzeug gewechselt.
Welche Rolle spielt denn P3, der größte Radiosender in Schweden, in der schwedischen Musiklandschaft?
Klar, P3 ist natürlich nicht ganz unwichtig. Das ist ein öffentlich-rechtlicher Sender. Er hat also auch einen Bildungs- und Informationsauftrag. Da werden auch viele Indiebands gespielt. Sicher auch kommerzielle Sachen aber eben auch unbekannte Bands. Und sie müssen auch schwedische Musik spielen. Es gibt bei uns eine Quote. Ich glaube, sie ist sogar ziemlich hoch — 70% — soviel schwedische Künstler müssen sie spielen.
Sollten wir die Quotendiskussion bei uns also vielleicht doch noch mal aufwärmen? Eigentlich ist sie ja bei uns erfolgreich vom Tisch. Aber wenn es doch in Schweden so gut zu funktionieren scheint. Naja, ob sie uns aber wirklich die deutschen Hives bescheren würde, ist ja immer noch fraglich.
Was machen denn deutsche Bands eigentlich falsch? Die deutschen Hives oder Sigur Rós haben wir ja nun nicht zu bieten. Die einzigen Bands, die man außerhalb Deutschlands kennt sind Rammstein und die sind schlecht oder Kraftwerk und die sind vielleicht gut, aber so lang her.
Ich glaube nicht, dass deutsche Bands irgendetwas falsch machen. In Schweden sind zum Beispiel deutsche Electronic-Sachen ziemlich angesagt. Es gibt eine ganze Menge guter deutscher Bands. Wir hören gerne die alten Krautrocksachen. Die haben wirklich viele Künstler beeinflusst. Darauf könnt ihr stolz sein.
Da sind sie also wieder: Kraftwerk.
Aber wir waren heute früh in einer Bar und da kamen auch nur deutsche Bands. Hat mir sehr gut gefallen. Ich wollte eigentlich nach der Playlist fragen, weil mich interessiert hätte, was für Bands das waren.
Leider haben sie das nicht gemacht, so dass wir nicht weiter über deutsche Bands fachsimpeln können und ich die Suburban Kids nur noch vor Silbermond warnen kann. Aber die werden es ja hoffentlich nicht gewesen sein, die da eine Lanze für deutsche Musik gebrochen haben. Also dann vielleicht doch noch mal zurück zu den schwedischen Exportschlagern:
Ist es denn nun eigentlich Segen oder Fluch, aus Schweden zu kommen und neben Namen wie Mando Diao und Hives bestehen zu müssen?
Ach, ich weiß nicht. Es sind ja tolle Bands. Ich glaube, es ist eine Ehre, mit solchen Bands verglichen oder zusammen genannt zu werden.
Dass man mit skandinavischer Musik einige Eintrittskarten verkauft, zeigt sich jetzt auch langsam. Denn der Saal wird immer voller. Man könnte auch sagen: ich bin froh, mit den Suburban Kids oben auf der Loge sitzen zu können und mich nicht durch die Massen da unten drängeln zu müssen.
Dass dieser Zuspruch durchaus berechtigt ist, zeigt sich, als jetzt die erste Band anfängt zu spielen. Moi Caprice sind nicht überragend aber läuten den Abend ja auch erst ein. Und für einen Anfang ist das sehr viel versprechend. Die Dänen klingen wahrscheinlich noch mehr nach Schweden, oder dem, was man von dem Land erwartet (großer Pathos, ebenso große Geste und noch größere Hymnen), als die Suburban Kids, die ja wirklich aus Schweden kommen.
Dänemark und Schweden, das sind auch die beiden Länder, die heute hier musikalisch vertreten sind. Hinzu kommen noch das Apparat Organ Quartet aus Island. Das spielt aber nicht hier in Leipzig, sondern ist nur auf den anderen Stationen des Scandinanviskt-Festivals zu sehen.
Warum wirft man denn so verschiedene Länder in einen Topf und sagt: Scandinaviskt? Seid ihr es nicht leid, dass man nördlich von Dänemark Skandinavien oft als EIN Land wahrnimmt? Ich habe zumindest das Gefühl, dass das leider oft der Fall ist.
Das haben wir eigentlich noch nie so empfunden. Aber wir waren auch noch nicht so oft außerhalb Skandinaviens und innerhalb von Skandinavien spricht keiner von Skandinavien. Da sagen wir das nicht so.
Wenn man sich die Länder genauer anschaut, sind sie ja auch doch ziemlich verschieden. Und die Musik ist es definitiv auch. Oder wer würde ernsthaft die schwedischen International Noise Conspiracy mit Múm aus Island vergleichen oder mit Motorpsycho aus Norwegen?
So etwas wie eine skandinavische Musikszene gibt es nicht. Die Musik ist ja schon in den Städten unterschiedlich. Es ist für uns aber sehr gut, dänische Bands zu sehen. Es macht viel mehr Spaß, nicht nur mit schwedischen Bands zu touren. Das ist interessant. Und dann ist es für uns natürlich gut, mit anderen Bands zu touren. Manche Leute sind vielleicht wegen Moi Caprice gekommen Oder wegen Cartridge. Weil sie sie kennen. Dänemark liegt ja näher an Deutschland als Schweden. Und dann sehen diese Leute auch uns. Aber eigentlich ist es eher so, dass Dänemark eins ist und Schweden eins ist und Norwegen oder Island auch.
Apropos: wo sind denn eigentlich Norwegen und Finnland? Warum sind die denn nicht vertreten?
Ich weiß nicht. Vielleicht sind sie ja nächstes Jahr dabei. Es gibt da ja wirklich großartige Bands.
Da können wir also Hoffnung haben, dass es das Scandinaviskt auch nächstes Jahr wieder gibt, damit wir auch diese Perlen entdecken können. Viel mehr ist dazu aber nicht mehr zu erfahren. Denn Moi Caprice steigern ihre Lautstärke, so dass ein Gespräch zwar nicht unmöglich, aber doch erschwert wird. Wir schauen uns also das Konzert von der Loge aus an. Von hier oben aus sehen die Leute da unten noch gedrängter aus. Und es werden noch mehr. Als die Suburban Kids With Biblical Names spielen, mische ich mich unter sie. Die Band steht unter dem dreieckigen Giebeldach. Noch immer rankt sich kein Wein die Säulen hinauf. Nur Mandolinenklänge winden sich durch den Raum. Schrauben sich von den Füßen hinauf zu den Fingerspitzen. Bringen sie zum Schnipsen und Wippen. Manchmal scheint auch in Skandinavien die Sonne. Der Typ vor mir zieht seine sehr weite Jeans hoch, als sie wirklich gefährlich weit runter rutscht.
Kerstin Petermann
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