 „Man lernt sich selber besser kennen.“
Was Alleinsein bedeutet, das weiß Stefanie Schmidt ganz genau. Sie machte ein freiwilliges ökologisches Jahr, ging dazu auf eine einsamen Hallig in Schleswig Holstein und arbeitete dort als Vogelwartin. Wie sie die Wochen zwischen Wolken, Wind und Wellen erlebt hat, erzählte sie Linda.
Wo genau hast du dein freiwilliges ökologisches Jahr eigentlich gemacht?
Ich hab für einen Naturschutzverein gearbeitet, der glaube ich 25 Naturschutzgebiete an der Nord- und Ostseeküste hat. Dort wird man dann eingesetzt. Zu der Zeit waren ungefähr 20 Zivildienstleistende dort beschäftigt, 5 Mädchen, die mit mir das föJ gemacht haben und dann noch verschiedene Ausländer, die ein freiwilliges europäisches Jahr gemacht haben. Ich hab während der gesamten Zeit vielleicht 15 verschiedene Gebiete zu Gesicht bekommen.
Warst du wirklich die ganze Zeit alleine oder hattest du auch noch deine Kollegen an deiner Seite?
Ich hatte natürlich in den verschiedenen Gebieten Kollegen bei mir, wenn es dort Touristenführungen gab oder so. Auf den Halligen allerdings gab es nur einen Vogelwart. Ich war dann dort und hab Vögel gezählt und beobachtet.
Wie hast du gewohnt?
Auf einer Hallig hatten wir ein festes Haus, das stand auf einem Hügel, einer Warft. Auf der anderen stand eine Hütte auf Stelzen, falls es mal Überschwemmungen gibt.
Kannst du mal einen typischen Tag von dir beschreiben?
Ich musste jeden Tag um neun Uhr morgens aufstehen und zum Festland funken. Das macht man zweimal am Tag, damit die wissen, dass alles in Ordnung ist. Kann ja immer mal sein, dass man mit dem Fuß umknickt oder so. Wenn ich mich nicht gemeldet hätte, hätten die mir einen Hubschrauber vorbeigeschickt. Alle Halligen haben eine Funkstation für Notfälle wie zum Beispiel Überschwemmungen, damit man sich gegenseitig informieren kann. Sobald das Hochwasser kam, bin ich dann zu den Brutplätzen gegangen, habe Eier und Küken gezählt, kontrolliert, wie viele durchgekommen sind…
Wie kommt man auf so was?
Ich hab Fachabi gemacht und wusste danach nicht so richtig, was ich machen sollte. Dann gab es einen Informationstag, an dem ich von dieser Möglichkeit erfahren habe, so was zu machen. Da dachte ich mir: Ich mach mal was ganz anderes und geh weg.
Warst du denn zu der Zeit ein Mensch, der gut allein sehr konnte?
Generell hab ich mir das nicht zugetraut, aber mit der Zeit wächst man da rein. Mir wurde gesagt: Man muss nicht alleine gehen und hat auch jederzeit die Möglichkeit zu sagen: Jetzt ist Ende, jetzt kann ich nicht mehr. Aber als ich erst mal dabei war hab ich mir gedacht: Jetzt will ich das auch ausprobieren.
Wie lange warst du allein?
Beim ersten Mal drei und beim zweiten Mal sechs Wochen. Das Schlimmste waren die ersten drei Tage, wenn man sich aber erst mal dran gewöhnt hat, ist es total schön.
In welchen Situationen war es besonders schwierig?
Als ich sechs Wochen auf der Hallig war, hatte ich lange Zeit schlechtes Wetter. Regen und Nebel. Das Wasser stand so hoch, dass alle Gelege weg geschwommen sind. Es gab auch viele Seehundheuler, für die man dann auch nichts mehr machen konnte und das war schon sehr schwer für mich. Man kann auch nicht nach draußen und sich ablenken, sondern man sitzt nur da und sieht zu, wie die Vögel ertrinken.
Gibt es dann überhaupt die Möglichkeit, sich die Zeit zu vertreiben?
Ich hab viel gelesen, Tagebuch geführt, so viele Möglichkeiten gab es da ja nicht. Ganz wichtig war auch das Radio, dass lief dann auch den ganzen Tag, wenn ich in der Hütte sitzen musste. Oder ich hab mich auf dem Umlauf aufgehalten, das war eine Art Balkon rund um die Hütte. Da hab ich dann gesessen und aufs Wasser geguckt. Einmal pro Woche kam dann ein Schiff vorbei, dass mir Post und alle zwei Wochen auch Wasser gebracht hat, das war alles.
Hast du dich nicht jedes Mal total auf diesen Postboten gefreut, weil du mal endlich jemandem zum reden hast?
Na klar. Aber man hat sich dann ja schon daran gewöhnt, in der Umgebung und in der Situation alleine zu sein. Und wenn dann auf einmal jemand da ist, ist das schon sehr komisch. Und der hat ja auch nicht viel Zeit. Er ist fünf Minuten da, lädt die Sachen ab und ist dann weg, weil er ja auch noch andere versorgen muss.
Mal abgesehen von Familie und Freunden: Welche Sachen hast du am meisten vermisst?
Eigentlich nichts… doch: Zum Baden bin ich immer in die Nordsee gesprungen. Nur Salzwasser und Seife. Es gab wenig Wasser und ich brauchte das meiste fürs Kochen und Trinken, damit konnte man keine großen Aktionen starten. Das Highlight war immer, wenn ich nach Hause kam, richtig ausgiebig zu duschen.
Was war denn das Schönste in der ganzen Zeit?
Was immer am Schönsten war, war abends auf der Bank hinterm Haus zu sitzen, den Sonnenuntergang anzusehen und zu hören, wie es langsam immer ruhiger wurde. Zuerst zwitschern ja die Vögel und irgendwann ist da gar nichts mehr, denn da gab es ja auch keine Autos. Das war eigentlich jeden Abend am Schönsten.
Ich kann mir vorstellen, dass man in dieser Situation viel über sich nachdenkt. Hast du vielleicht Seiten an dir entdeckt, die dir vorher völlig fremd waren oder wo du selbst über dich überrascht warst?
Überrascht war ich, dass ich es überhaupt so lange ausgehalten habe, allein zu sein. Ich hab sehr viel über mich und mein Leben nachgedacht, das hat mein Tagebuch gefüllt. Ich würde es auf jeden Fall nochmal machen, man lernt sich einfach selber kennen.
Linda Wilken
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