JUSTmag - morgen werden wir erwachsen... StartseiteSucheFreundeTeamNewsletterGästebuch
Interview mit Stefan Kerl (Clean Clothes Kampagne) Schuhe

„Am schlimmsten ist der tägliche Wahnsinn.“

Die Arbeitsbedingungen in den Fabriken, in denen unsere Sportschuhe hergestellt werden, sind nach wie vor größtenteils katastrophal. Die Clean Clothes Kampagne, bestehend aus hunderten von ehrenamtlichen Mitarbeitern und einigen Vollzeit-Koordinatoren, hat in den letzten Jahren dafür gesorgt, dass die großen Firmen langsam umdenken. Im Interview erzählt Stefan Kerl, Koordinator von Clean Clothes Österreich, warum der Kampf für soziale Gerechtigkeit so schwer ist, und warum es unter den Herstellern noch immer nur schlechte und weniger schlechte gibt.

Du wirst mit einem Satz zitiert: „Wer mit gutem Gewissen laufen will, muss das barfuß tun.“ Sind die Schuhhersteller die „Bösen“, oder könnte man allgemein sagen „Wer mit gutem Gewissen ausgehen will, muss das nackt tun“?

Na ja, es sind alle Hersteller gleich böse, und nicht mehr so böse wie vor zehn Jahren, als die Kampagne begonnen hat, das muss man auch sagen. Dieser Satz stammt ursprünglich nicht von mir, sondern von der Zeitschrift Konsument, die einen Ethiktest gemacht hat. Dieser Satz war das Resümee des Redakteurs, weil eben rausgekommen ist: Es sind alle schlecht. Der Ethiktest hat dann die am wenigsten schlechten gezeigt. Das ist eigentlich unser Problem, dass wir nicht sagen können, „kauft dort“, sondern, dass wir nur sagen können „das sind die am wenigsten schlechten“, und die am wenigsten schlechten sind mittlerweile die Branchenführer, also, Nike, Adidas, Puma, etc., die inzwischen alle vollständige Verhaltenskodizes haben, und die diese auch intern und mittlerweile auch extern in Kooperation mit Gewerkschaften kontrollieren.

Die Clean Clothes Kampagne hat eine Grafik veröffentlicht, auf der die Preisgestaltung eines Marken-Sportschuhes zu sehen ist. Kannst Du erklären, was das krasse daran ist?

Angenommen wir zahlen für einen Markensportschuh hundert Euro (mittlerweile sind es schon 120 bis 180, aber wie wir die Grafik erstellt haben, waren es noch hundert Euro): Von diesen 100 Euro, die wir zahlen, kriegen die ArbeiterInnen 40 Cent. Und alles andere teilen sich die Markenfirma, der Einzelhandel, der Finanzminister,… Und das ist eigentlich schon ein Wahnsinn, wenn man sich das überlegt. Zwischen 100 Euro und 40 Cent ist eine Diskrepanz, die so nicht sein dürfte.

Die Clean Clothes Kampagne meint, dass fair erzeugte Sportschuhe nicht teurer wären. Der Lohn für die Arbeiter ist aber nur eine Komponente der Kosten. Für die faire Produktion braucht man organisatorischen Aufwand, externe Kontrollorganisationen, die sicherstellen, dass die fairen Arbeitsbedingungen nicht nur auf dem Papier existieren, Betriebsräte, Anwälte,… das kostet alles Geld. Ist es realistisch, dass die Markenfirmen das von ihrem Gewinn abziehen und die Schuhe nicht teurer machen würden?

Das ist realistisch, weil das jetzt schon passiert. Markenschuhe sind ja grundsätzlich teuer und haben eine große Gewinnspanne für die Markenfirmen, und dass die da auch etwas einerseits in gute Arbeitsbedingungen und andererseits in gute Kontrollen stecken, halten wir für durchaus möglich und realistisch. Dass die Preise von 100 auf 120 Euro oder mehr gestiegen sind, liegt sicherlich nicht daran, dass Adidas jetzt Kontrollen hätte. Es hat uns Adidas selbst auch bestätigt: 50 Cent wären es, die man mehr zahlen würde. Wenn man jetzt statt dem Mindestlohn den Living Wage (der ja noch eine unerfüllte Forderung ist), von dem eine Familie leben kann, zahlt, wären das diese 50 Cent mehr, und die müsste man auf den Schuh draufschlagen. Und da sagen wir: Das ist egal, ob der Schuh 120 oder 120,50 Euro kostet.

Ich erinnere mich, besonders was Nike betrifft, noch gut an die Skandale in den Medien vor ein paar Jahren. Ich habe aber von der Entwicklung danach nicht viel mitbekommen. Wenn die großen Hersteller sich so gebessert haben, wieso brüsten sich die nicht öffentlich viel mehr damit, und sagen „Wir sind die Guten“?

Sie tun das in der Pressearbeit ein wenig; sie tun das vor allem in der Arbeit mit ihren Investoren, also mit ihren Aktionären, da ist es mittlerweile ganz wichtig, dass man irgendeinen Nachhaltigkeits- oder Sozialverantwortungs-Bericht vorweisen kann, weil es eben ein Risiko ist, wenn Skandale rauskommen. Warum sie das auf die Schuhe nicht draufschreiben, ist klar: Weil wir ihnen das nicht erlauben. Diese unabhängigen Überprüfungen sind eben stichprobenartig und man kann nicht sagen, Nike produziert 100% fair. Wir können sagen, Nike ist zum Beispiel bei einer Initiative dabei, die das überprüft, und befindet sich auf dem richtigen Weg. Das als Geschäfts- oder Firmensiegel verwenden, das könnten sie sehr wohl tun.

Wenn ich bei einem Schuh wissen will, wo und unter welchen Bedingungen der hergestellt wird, rät mir Clean Clothes „Wende Dich an den Hersteller und frag“. Wie ist das gemeint?

„Wende dich an den Hersteller und frag“, meinen wir durchaus ernst. Dafür haben wir Briefvorlagen bei uns auf der Homepage, wo man eben fragen kann „gibt es einen Verhaltenskodex und wird der kontrolliert?“, und die Firmen schreiben üblicherweise zurück.

Diese Briefaktionen per E-Mail sind doch für die Firmen Spam. Warum können die das nicht einfach löschen?

Sie können das löschen, aber warum sollten die das tun? Das ist die beste Marktforschung, die sie haben können. Da bezahlen sie nicht mal dafür.

Aber es ist doch für die Firmen ein viel größerer Aufwand, zu handeln, als die Mails zu löschen. Warum sehen sich die veranlasst, zurückzuschreiben?

Weil die offensichtlich der Meinung sind, dass man auf Kundenanfragen oder Anfragen der Öffentlichkeit reagieren muss. Das war vor zehn Jahren noch anders, aber mittlerweile reagieren die Firmen auf solche Anfragen. Da ist einfach zu viel passiert. In die Markennamen wird sehr viel investiert, und wenn die in den Dreck gezogen werden oder Skandale rauskommen, ist das Image weg.
Dass H&M mit Kinderarbeit produziert, ist zum Beispiel mittlerweile nur mehr eine urban legend, aber jeder glaubt es immer noch. Natürlich gibt es noch Kinder, die für H&M arbeiten, das ist nicht zu verhindern, doch der Prozentsatz ist mittlerweile so gering, weil auch H&M mittlerweile Kontrollen macht, dass das nicht mehr das Problem ist. Das Problem sind eher Arbeitszeiten, gewerkschaftliche Organisierungen und so weiter, aber das hat sich einfach gehalten und ich glaube, da reagieren die Firmen mittlerweile darauf, damit ihnen das nicht mehr passiert. Denn wenn es einmal in den Köpfen der Leute drinnen ist, dann bleibt es drinnen, genau so wie die Maus im MacDonalds-Burger damals.

Die Clean Clothes Kampagne konzentriert sich auf die Verarbeitung und nicht auf die Materialherstellung. Da gibt es doch aber auch genügend Missstände. Warum wird das nicht mit einbezogen?

Weil es noch komplizierter wird.

Warum kann man die Hersteller nicht dazu bewegen, nur von Material-Anbietern zu kaufen, die faire Arbeitsbedingungen haben?

Einer der wesentlichen Grundsätze unserer Arbeit ist: kein Boykott. Und zwar weder von den KonsumentInnen, noch von den Herstellern, was die Zulieferungsfirmen betrifft.

Man könnte doch von den Verarbeitungsfirmen fordern, dass sie bei den Materialerzeugerfirmen auf Kontrollen bestehen.

Das ist schon unsere Forderung, dass ein Markenunternehmen von seinen Zulieferbetrieben fordert: Produziert fair, kauft faire Materialien ein.

Aber es geht ja momentan nicht bis zum Ende durch. Die Kontrollen finden bei den Baumwoll- und Kunststoff-Produzenten nicht statt. Warum lässt sich das nicht fortsetzen?

Fairtrade glaubt daran, dass man die gesamte Kette kontrollieren kann. Die haben am anderen Ende begonnen. Die haben jetzt Fairtrade-Baumwolle, wo aber die Weiterarbeitung nicht zertifiziert ist. Ich halte das für einen legitimen Zugang. Auf der anderen Seite glaube ich, dass ein zu hundert Prozent fairer Artikel gerade bei einem so komplizierten Produkt wie Schuhe oder Kleidung eine Nische bleiben wird, wenn auch eine hoffentlich immer größere.
Aber worauf wir uns konzentrieren, ist der Mainstream, und dass Firmen wie Nike und Adidas in ihrer ganzen Firmenpolitik etwas ändern, dazu gehört leider auch ein gewisser Pragmatismus.

Wie sehen die Missstände in den Herstellerfabriken konkret aus? Was sind die schlimmsten Dinge, gegen die Ihr kämpft?

Am schlimmsten ist der tägliche Wahnsinn. Und der tägliche Wahnsinn beginnt damit, dass die ArbeiterInnen keinen Dienstvertrag haben, also geheuert und gefeuert werden je nach Produktionsaufwand und wie es den Vorgesetzten passt. Dass sie nach Akkord bezahlt werden, sprich nach Stücklohn, und keine fixen Monatslöhne haben, dass die Löhne extrem gering sind, dass die Arbeitsstunden oft 14-16 Stunden am Tag sind, sechs, sieben Tage die Woche, dass es keine Sicherheitsvorkehrungen an den Maschinen gibt, und vor allem, dass keine Möglichkeit zur Verbesserung gegeben ist. Die, die versuchen, sich gewerkschaftlich zu organisieren und einen Betriebsrat zu gründen, sind schnell weg und manchmal tot.

Wie kommen die einzelnen Arbeiter an Euch? Ihr handelt ja ausdrücklich nur dann, wenn die das auch wollen.

Es gibt ja doch trotz aller Repressionen Gewerkschaften und NGOs vor Ort. Wir haben Kontakt zu Hunderten Organisationen weltweit, über das internationale Sekretariat in Amsterdam erreichen uns dann Botschaften wie „Bei uns wurden 200 Menschen entlassen“ oder „Uns ist gerade das Fabrikdach auf den Kopf gefallen“.
Wir kommen nirgends hin, wir arbeiten in Europa. Ich persönlich war noch nie vor Ort; ich könnte es auch gar nicht beurteilen. Arbeitsbedingungen zu beurteilen liegt an den Leuten vor Ort, an Gewerkschaften und NGOs. Das kann nicht irgendein Wirtschafts-Uni-Abgänger, der als Consultant nach China kommt, sich ins Hilton setzt, und einen Tag in einen Betrieb geht. Der kann schauen, wo der Feuerlöscher hängt, aber der wird sich schwer tun, mit den Leuten zu reden und sie zu fragen, ob sie eine Gewerkschaft gründen können oder nicht. Der kann schon einmal nicht die Sprache. Deswegen sagen wir, bei den Kontrollen müssen Leute vor Ort eingebunden sein. Auch in der Kampagnenarbeit kriegen wir die Infos aus den Produktionsländern und fragen dann sehr oft zurück: „Wollt ihr wirklich internationale Aufmerksamkeit? Das kann Euch Euren Kopf kosten.“

Wie viele der Eilaktionen verlaufen erfolgreich?

Über die Hälfte der Eilaktionen haben Erfolg. Und wenn man sich generell anschaut, was sich in den letzten Jahren getan hat, ist es Wahnsinn. Vor zehn Jahren haben die Firmen die Kampagnen komplett ignoriert. Denen waren die ersten zehntausend Postkarten so was von egal. Dann haben sie versucht, sich möglichst billig aus der Affäre zu ziehen, und jetzt erst fängt es langsam an. Nur irgendeinen Verhaltenskodex auf englisch auf irgendein schwarzes Brett hängen in China ist sinnlos, auch nur interne Kontrollen sind sinnlos, aber da hat sich eben in verschiedenen Schritten extrem viel getan.

Ist es ein Ziel Eurer Kampagne, auf Regierungsebene in den Ländern Gesetzesänderungen zu bewirken, die auf höchster Ebene die Voraussetzungen für faire Arbeitsbedingungen ermöglichen?

Es gibt natürlich ein politisches Ziel von uns, dass die Regierungen sich um Arbeitsrechte und um die Einhaltung von Arbeitsrechten kümmern, nur funktioniert es nicht. Die Clean Clothes Kampagne wurde genau aus dieser Erkenntnis gegründet, dass es nicht funktioniert. Eigentlich wäre es nicht die richtige Forderung zu sagen, Nike oder Levis sollen sich um Arbeitsrechte kümmern, sondern Regierungen sollen ordentliche Gesetze machen und die Einhaltung ordentlich kontrollieren. Dann kann man noch sagen, das soll die UNO oder die ILO tun, aber die schaffen das auch nicht. Daher hat die Clean Clothes Kampagne gesagt, wir wenden uns in erster Linie an die Firmen, glauben aber, dass sich das dann auch auswirkt. Also wenn jetzt alle internationalen Betriebe in China schauen, dass in ihren Firmen unter fairen Arbeitsbedingungen produziert wird, dann wird das Druck ausüben auf die Regierungen, das generell vorzuschreiben.

Warum seid Ihr so wenig in den Medien? Warum kennen Euch noch immer so wenig Menschen?

Ich bin ja der Meinung, dass unser Medienecho grandios ist, nämlich grandios verglichen mit vor vier Jahren. Ich weiß natürlich, dass es immer noch lächerlich wenig ist. An interessierten JournalistInnen fehlt es nicht. Die kontaktieren wir auch regelmäßig und die tun auch regelmäßig etwas, sofern sie das können. Aber es gibt halt diese Geschichte: Wenn ums Eck einer stirbt, dann ist das eine ganze Zeitungsseite; wenn es in der nächsten Stadt ist, ist es nur mehr eine Kurzmeldung; wenn es in einem anderen Kontinent ist, ist es nicht einmal mehr eine Kurzmeldung.

Ja, aber wenn ich beim Einkaufen bezahle dafür, dass wer stirbt, dann wäre es ja wieder ein Skandal in der eigenen Wohnung. Oder wollen die Leute das einfach nicht hören?

Zum Teil wollen die Leute das nicht hören, zum Teil liegt es daran, dass die Medien einen sehr regionalen Schwerpunkt haben, dass Außenpolitik zum Beispiel in den österreichischen Medien maximal Europapolitik ist, dass Entwicklungspolitik überhaupt unterrepräsentiert ist, und es selbst was uns betrifft, die durch die Kleidung, die jeder anhat, einen klaren Bezug zum hier und jetzt haben, noch zu wenig ist. Daher gibt es noch viel zu viele Leute, die erstens uns nicht kennen und die zweitens der Meinung sind, dass Schuhe aus Italien und Jeans aus den USA kommen.

Warum engagierst Du Dich gerade in dieser Sache, und nicht in einer der vielen anderen Organisationen, die es so gibt?

Faire Arbeitbedingungen und ein faires Wirtschaftssystem führen zu einer Entwicklung ganz von selbst. Ich kann mich natürlich dafür engagieren, Getreide nach Afrika zu liefern, damit die Leute was zu essen haben — ich halte es aber für sinnvoller, den Leuten einen fairen Lohn zu zahlen, dann können sie sich nämlich das Getreide selber kaufen. Insofern finde ich es aus dem entwicklungspolitischen Bereich eines der spannendsten Themen, weil es nicht darum geht, etwas zu spenden, sondern internationale Unterstützung zu geben, damit sich die Menschen selbst helfen können.

Wo nimmst Du für Dich persönlich in diesem David gegen Goliath-Kampf die Motivation her?

Erstens finde ich es extrem spannend und zweitens sind die Erfolge das motivierende. Einerseits die Erfolge, dass wir jedes Monat 1000 neue Besucher auf unserer Homepage willkommen heißen können, andererseits die Erfolge, dass man dann doch wieder einmal in der Zeitung steht, und die Erfolge, dass Leute aus einem chinesischen Gefängnis entlassen worden sind, dass Leute wieder einen Arbeitsplatz haben. Es sind die kleinen Erfolge, die man zur Motivation heranziehen muss, weil die großen lassen halt auf sich warten. Es sind die kleinen Schritte, die zu den großen Erfolgen führen.


Links:

Katharina Litschauer


Kommentare



Christine schrieb am 04.02.2006 um 10:17 Uhr:

Super Artikel, well done, well researched! Schade nur, dass Ihr die Sportschuhgrafik nicht als Bild einfügen konntet, so würde die Message dieses Texts Euren LeserInnen sicher noch besser im Gedächtnis bleiben — die Macht der Bilder! Geht das vielleicht noch im Nachhinein?



XML (RSS/RDF)