JUSTmag - morgen werden wir erwachsen... StartseiteSucheFreundeTeamNewsletterGästebuch
Interview mit Alex Tsitsigias (Schrottgrenze)

„Ich finde die Fixierung auf die deutsche Sprache uninteressant.“

Es ist immer wieder schön, Gemeinsamkeiten mit Künstlern zu entdecken. Alex Tsitsigias, Sänger von Schrottgrenze, kam zum Treffen im Hamburger Schanzenviertel direkt aus dem Plattenladen, in den ich nachher wollte. Er hatte sich da eine LP von den Residents besorgt, um sie für die Tour auf Kassette zu überspielen. Eine Genugtuung für mich, zu wissen, dass es durchaus noch coole Menschen gibt, die einen Walkman besitzen.
Im Interview sprachen wir über die Entstehung von Schrottgrenze-Songs, über den Sinn von Genrebegriffen wie dem der Hamburger Schule und darüber, wer sich vor Auftritten Mut antrinkt.

Wie kam es zum Namen der neuen CD Schrottism?

Wir haben bei unserer letzten Platte auch schon unseren Bandnamen im Titel verwurstet und fanden das ganz gut, weil es eine gewisse Haltung gegenüber dem Namen zeigt. Da wir den Eindruck hatten, dass die neue Platte ein Album mit ganz verschiedenen Formen von Popsongs ist, fanden wir es gut, so eine Art von Genrebegriff vorzuschieben. Und ansonsten hat es natürlich auch ne ironische Beiseite.

Woher stammt das Zitat „Künstler muss schön sein“?

Das ist aus einer Arbeit von der Performance-Künstlerin Marina Abramovic. Ich fand das in dem Zusammenhang ganz passend, weil das eigentlich ne Kritik ist, die nicht an Aktualität verloren hat. Es gibt eine gewisse Erwartung, und daraus auszubrechen ist unheimlich schwierig. Das resultiert auch ein bisschen daraus, dass sich die Industrie meiner Ansicht nach immer weiter in eine Starrheit entwickelt hat.

Trifft das auch auf kleinere Labels zu?

Ich weiß aus mannigfaltigen Beispielen, dass es auch in der Indieszene unheimlich spießig zugeht. Und gerade in dem Bereich finde ich es besonders enttäuschend, weil es da eigentlich vollkommen unangebracht ist.

Auf dem neuen Album sind sehr viel zweisprachige Sachen drauf und die klingen sehr natürlich, als ob du so auch denken würdest. Wie kommt das?

Es ist schon so, dass ich viel englischsprachige Musik höre. Von daher gibt es manchmal einfach Sachen im Songentstehungsprozess, wo mir eher was Englisches vorschweben würde.
Als wir angefangen haben, haben wir uns für deutsche Texte entschieden, weil die englischen Sachen, die zu dem Zeitpunkt möglich waren, einfach schlecht waren, das haben wir selber gemerkt. Aber mit den Jahren hat sich das durch Auslandsaufenthalte vielleicht ein bisschen relativiert. Ich finde es okay in dem Moment, wo ich das Gefühl habe, ich kann das nicht gut übersetzen, was ich jetzt habe. Ich finde es interessant, dass Leute dann immer soviel diskutieren, ob man das machen darf oder nicht. Ich finde diese Fixierung auf die deutsche Sprache uninteressant. Die bestimmte Sprache an sich empfinde ich nur als Werkzeug, um einen Inhalt, ein Lied, eine Atmosphäre aufzubauen.

Als Geräuschmusiker arbeitest du viel mit Klängen. Wie genau ist deine Klangvorstellung von einem Stück, bevor du es mit der Band zum ersten Mal probst?

Bei der aktuellen Besetzung war es zum Glück so, dass eigentlich alle in irgendeiner Form musikalische Einflüsse zum Ausdruck brachten, sodass ich mich auch ein bisschen zurücklehnen konnte, was ich auch sehr gerne tue, wenn wir mit der Band arbeiten, und einfach mal gucke: Was kommt da so raus, wenn wir sozusagen drauf los machen.
Bei den früheren Platten hatten wir auch schon Situationen gehabt, wo ich schon mit einer ziemlich ausgeprägten Vorstellung an den Start ging und andere das vielleicht nicht geteilt haben und dann wird's halt sehr kompliziert. Wenn wir mit der Band arbeiten, finde ich das eigentlich sehr gut, wenn wir sozusagen aus dem Kollektiv speisen.

Ihr seid auch befreundet. Geht das gut, Kollegen sein und befreundet sein?

Ach, das funktioniert schon gut. Es gab auch mal Jahre, wo man so viel mit der Band gemacht hat, dass man die Freizeit nicht mehr so miteinander verbracht hat, aber das hat sich ja auch wieder eingerenkt in so Phasen, wo man weniger mit der Band gemacht hat. Wir trennen das auch. Also wir reden dann nicht immer über soviel Details oder so, wenn wir abends zusammen weggehen. Dann versucht man auch, das komplett auszublenden, weil am nächsten Tag telefoniert man wieder zehn mal miteinander. Also es geht eigentlich gut, es gab bisher keine Probleme.

Was macht ihr, bevor ihr auf die Bühne geht?

Wenn man so wie wir verschiedene Besetzungen hat, hat man ja auch unterschiedliche Leute auf der Bühne im Lauf der Jahre, und das ist ganz lustig, wie Musiker unterschiedlich reagieren.
Unser neuer Schlagzeuger zum Beispiel ist vor Auftritten immer so super aufgeregt, dass er sich völlig zurückzieht, obwohl ich sagen würde, dass es bei dem am wenigsten rational zu begründen ist, weil der echt wirklich super sicher spielt. Andere Leute, wie unser Bassist, fangen an, sich einen anzutrinken. Ich gehöre auch ein bisschen zu der Spezies, die sich ein bisschen beruhigt mit ein paar Bier. Timo ist nie großartig nervös vor Auftritten, was ich auch immer sehr bewundere, weil ich nicht weiß, wie er diese Ruhe herstellt.

Ist das für dich an der Gitarre jetzt anders als früher am Schlagzeug?

Ja, es ist auf jeden Fall sehr viel entspannter. Die Kombination von Schlagzeug und Gesang war immer sehr anstrengend. Ich war körperlich sehr viel fitter dadurch, aber die Kombination mit Gitarre ist schon sehr viel dankbarer, es macht mir schon mehr Spaß. Man kriegt dann auch was mit von der Atmosphäre.

Stört es dich, wenn deine Band mit anderen Bands verglichen wird?

Nee, das stört mich nicht. Das wird ja permanent gemacht, man selber macht's ja auch. Man kann sich ja auch gar nicht gegen wehren, so funktioniert das Gehirn wahrscheinlich.
Wir werden auch nicht irgendwie in eine Ecke gesteckt, wo wir uns nicht wohlfühlen. Das war eher in den 90ern, dass unsere Musik immer in eine Spaßpunkecke gerückt wurde, obwohl es eigentlich nie spaßig war.
Es gibt viele Leute, die schreiben über Hamburger Schule. Jeder, der in Hamburg wohnt, weiß: Das ist ne Schublade, die nicht existiert. Selbst die alten Bands wehren sich dagegen, sagen, das hätte es eigentlich nie gegeben.

Merkst du selbst Einflüsse von dem, was du zu einer Zeit viel gehört hast, wenn du die früheren Schrottgrenze-Alben anhörst?

Ja klar, das gibt's immer. Das geht jedem Musiker so, selbst Riesenbands wie The Cure geben zu, dass sie Einflüsse haben und selbst bei denen hört man's raus. Auch wenn die super eigen sind, gibt es trotzdem Platten, die ganz klar Einflüsse aus irgendeiner Ära mit sich ziehen.

Was ja auch wieder schön ist.

Ja, absolut.

Die Internetveröffentlichung der neuen Radiohead-Platte ist überall im Gespräch. Würdest du so was auch machen?

Ich finde das eigentlich eine super Idee. Grundsätzlich muss man sagen, mangelt es ja noch immer an modernen Vertriebswegen, die der aktuellen Problematik auch irgendwie begegnen können.
Wenn man eine Tour spielt, dann sieht man es ja: Man spielt vor soundsoviel tausend Leuten, aber nur die Hälfte davon haben offensichtlich eine CD gekauft, und trotzdem kennt die Gesamtheit der Leute, die da waren, die Songs. Das zeigt natürlich, dass das auch unbezahlt konsumiert wird, was ja irgendwie auch für uns nachvollziehbar ist. Wir leben ja auch nicht in einer Welt, wo man unbegrenzt Geld hat.

Aber genau deswegen ist das doch ärgerlich, dass man dann dafür nicht das Angemessene kriegt. Also mich würde das wütend machen.

Wütend macht einen das nicht, weil es sich lange abgezeichnet hat. Es hieß ja nicht so von heute auf morgen, du kriegst jetzt dein Geld nicht mehr.

Durch das Downloaden geht auch das Artwork oft verloren.

Das finde ich auch schade, auch an Sachen wie Radiohead oder so, dass man da nur eingeschränkten Zugriff hat auf das, was für mich zu ner Platte dazugehört. Vinyl ist für mich eigentlich das allerliebste. Die CD ist dann sozusagen schon ein Kompromiss, MP3 ist dann wirklich absolut minimal für mich als Konsument.
Ich kaufe mir auch viele Platten im Netz von Labels, die mittlerweile schon so klein geschrumpft sind, dass sie gar keine CDs mehr veröffentlichen können. Da bin ich dann auch schon wieder dankbar drüber, dass es die Möglichkeit gibt, überhaupt Musik von den Leuten zu bekommen. Von daher ist das auch ne gute Sache. Mal gucken, wie es sich entwickelt.

Katharina Litschauer



XML (RSS/RDF)