 „Irgendwann biste dann halt mal knülle.“
Was das Glastonbury Festival kann, kann das Orange Blossom Special schon lange. Noch bevor die erste Band feststeht, ist das Festival in Beverungen ausverkauft — auch wenn es nicht mehrere hunderttausend Karten sind, sondern 1450. In diesem Jahr findet das Festival des Labels und Mailorders Glitterhouse zum zehnten Mal statt. Vom 25. bis 28. Mai spielen unter anderem Broken Social Scene, The Walkabouts, Jason Collett, Amy Millan, Seachange, Washington und Sarah Hepburn an der Weser. JUSTmag-Redakteur Sebastian sprach mit Rembert Stiewe, einem der Veranstalter, über kanadische Künstler, wütende Fans und die Wahrscheinlichkeit, betrunken zu werden.
Ist das Orange Blossom Special das Festival für alle, die keine Festivals mögen?
In gewisser Weise kann man das sagen. Viele unserer Besucher sagen uns, dass sie sonst gar nicht mehr zu Festivals fahren, weil es ihnen zu groß ist oder die Musikauswahl ihnen nicht gefällt oder sie sich abgezogen fühlen. Wir haben ja bewusst alles weggelassen, was uns bei großen Festivals gestört hat: Eine zu präsente Security zum Beispiel, übertriebene Taschenkontrollen am Eingang, zu wenig Toiletten, zu hohe Verzehrpreise. Hier gibt es keine langen Schlangen.
Und das Rahmenprogramm ist sicher auch eingeschränkt, oder?
Das stimmt. Anfangs haben wir uns noch nicht mal über die Lichtanlage Gedanken gemacht, weil wir sowieso nur bis 24 Uhr spielen dürfen. Dieses Jahr ist das etwas anders, weil der WDR kommt, da gibt es natürlich aufgrund der Kameras ganz andere Lichtanforderungen. Aber nicht baustrahlermäßig [sein Handy klingelt]. Ich mach das mal eben aus. So. Ansonsten gebe ich dir recht, wir haben hier weder Feuerschlucker noch Bungeejumper. Noch haben wir Sponsoren zu viel von ihren Ideen verwirklichen lassen. Drum zum Beispiel macht ja eine Menge, was hier einfach den Rahmen sprengen würde, also beispielsweise den Drum Cooler. Das passt hier allein vom Platz nicht hin. Außerdem stehen die Teile auf jedem Festival rum und dann verliert ein Festival an Wiedererkennbarkeit. Wenn es hier was besonderes gibt, dann ist das eher was charmantes. Der Leiter des Tourismusbüros bietet zum Beispiel eine Stadtführung durch Beverungen an. Da machen jedes Jahr 40, 50 Leute mit.
Und man kann nachts auch tatsächlich schlafen, was die Lautstärke betrifft?
Auf dem Zeltplatz nicht. Das ist nach wie vor so, dass sich die älteren Semester beschweren, warum die einen bis Morgens um vier Blowing In The Wind auf der Akustikgitarre spielen und die anderen morgens den Ghettoblaster rausholen und irgendwas von Metallica dudeln [das Handy klingelt erneut].
So, zum diesjährigen Festival: Kanada ist ja jetzt überall und jetzt auch mit Broken Social Scene, Jason Collett und Amy Millan mehrfach bei euch vertreten. Wollt ihr plötzlich angesagt sein?
Ne, wenn wir das wollten, hätten wir längst eine andere Location gesucht. Es ist eine Mischung aus Zufall und bewusstem Willen. Früher galt das Festival als Festival für Alternative Country. Aus dem Genre waren hier auch klasse Bands. Über die Jahre hängt das Booking aber auch sehr davon ab, wer gerade auf Tour ist. Und wenn eine Band gerade auf Tour ist, dann nehme ich die auch natürlich. Aber es hat auch einen geschmacklichen Hintergrund. Ich hatte zum Beispiel im letzten Jahr das Gefühl, dass mir das Programm zu altbacken alternative-country-mäßig geworden war. Ich find's nach wie vor toll, aber es war mir zu wenig Abwechslung. Dieses Jahr war mir klar, dass die verschiedenen Genres, die hier möglich sind, fair repräsentiert sein sollten, weil auch unser Label und unser Mailorderprogramm schon seit Jahren dafür stehen. Dass jetzt drei kanadische Bands spielen, ist tatsächlich Zufall, das hat nichts damit zu tun, dass Toronto jetzt hip ist.
Aber es ist doch sicher ein Experiment: Broken Social Scene werden ja bei euch auf ein anderes Publikum treffen als am selben Wochenende auf dem Immergut?
Garantiert, aber ich möchte es mal so ausdrücken: Unsere mal despektierlich gesagt alten Säcke haben bewiesen, dass sie sehr offen sind und auch ihnen unbekannte Bands mit Freude aufnehmen. Da hat man natürlich mal ne Band, die überhaupt nicht ankommt, aber solange nur ein bisschen Bambule auf der Bühne ist und die Musik halbwegs nix mit Metal oder Hip Hop zu tun hat, geht fast alles.
Also versucht ihr, eine andere Linie reinzubringen?
Ja. Das siehst du an Seachange, Broken Social Scene, Joycehotel. Auch Mardi Grass BB. wird für viele neu sein.
Läuft das eigentlich bei euch so wie beim Haldern Pop Festival, dass das halbe Dorf mithilft?
Hier läuft das mehr über die Firma. Praktikanten, Ex-Praktikanten, Schulpraktikanten, Ex-Aushilfen, Ex-Mitarbeiter, Freunde davon. Die Imbisse kommen hier alle aus dem Ort, die örtliche Feuerwehr macht die Parkwache. Das Kernteam von 50 Leuten setzt sich aus dem Umfeld von Glitterhouse zusammen.
Wir müssen auf ein Klischee zu sprechen kommen: Wie viele Männer über 40 mit Cowboyhüten kommen tatsächlich zum Festival?
Männer über 40 viele, Cowboyhüte immer weniger. Hier laufen vielleicht drei, vier Cowboyhüte rum. Das Klischee hat sich etabliert, weil es auch ein bisschen so angefangen hat. Das war eben alles Alternative Country und da hat man eben seinen Hut aufgesetzt. Ich setze meinen selbst jedes Mal auf, weil es hier jedes Mal regnet. Es sind aber auf jeden Fall viele Männer über 40 hier, ich will aber mal behaupten, dass 40 Prozent der Besucher weiblich sind und mittlerweile ist das Publikum jünger geworden. Man sieht auch viele Trainingsjacken und Hornbrillen.
Euer Festival war ja in den letzten Jahren immer ausverkauft. Welche Ziele habt ihr da noch?
Es war nie unser Ziel, das Festival vollzukriegen. Wir wollten einerseits eine Veranstaltung machen, die sonst niemand macht. Dann ist in dieser Gegend natürlich auch herzlich wenig los. Und natürlich will ich nicht verhehlen, dass es für Glitterhouse ein Marketingargument ist. Das ist eine Möglichkeit, den Kunden nahe zu sein. Du lädst sie zu dir nach hause ein. Das macht kein Amazon und kein Zweitausendeins. Wir haben kein Geld für Anzeigenkampagnen und Videos, aber investieren viel Arbeit in dieses Festival. Und das finden die Leute offensichtlich so toll, dass sie uns das Jahr über treu bleiben. Die haben ja teilweise Tränen in den Augen, wenn die nach dem Festival nach hause fahren. Aber eigentlich wollten wir anfangs nur eine Gartenparty mit Livemusik feiern.
Aber ihr habt nicht vor, das Gelände zu wechseln?
Das Gerücht gibt es schon länger und es wird uns nachgesagt, dass wir eines Tages auf den Fußballplatz gehen. Natürlich haben wir irgendwann gedacht, dass es hier zu klein wird. Aber was heißt zu klein? Das hat genau die richtige Größe.
Wie viele Karten hättet ihr dieses Jahr verkaufen können?
Ich weiß es nicht. Dieses Jahr hatte ich das Gefühl, dass die Nachfrage aufgrund des neuen Termins nicht ganz so groß war wie in den letzten zwei Jahren. Aber wenn wir das Festival bewerben würden, dann könnten 4000 bis 5000 Leute kommen. Aber das ist ja gar nicht unser Begehr.
Wie versuchen Leute euch noch Karten abzuschwatzen, wenn das Festival bereits ausverkauft ist?
Ich behaupte immer, dass sie uns mit Liebesentzug oder sexuellen Gefälligkeiten ködern wollen, das stimmt natürlich. Einige sind stinkend sauer, dass sie keine Karten kriegen. Dann kommen dann so Argumente wie „Ich war neun Jahre da, ich bestelle seit fünfzehn Jahren bei eurem Mailorder und jetzt kriege ich keine Karte — ich bestell' nie wieder was.“ Manche wollen auch mehr bezahlen, aber das hilft natürlich nicht.
Wie hat das ganze damals eigentlich angefangen mit dem Festival?
Eine Glitterhouse-Band, die Go To Blazes, waren auf Tournee und hatten einen Tag frei. Und an solchen Tagen kommen unsere Bands auch in Beverungen vorbei und dann wird gegrillt und gesoffen, wie auch an dem Tag. Und irgendwann packte die Band ihre Instrumente raus und spielte ein paar Lieder. Es war ein herrlicher Moment, alles hatte Spaß. Reinhard Holstein (leitet zusammen mit Rembert Stiewe Glitterhouse, a.D.) meinte, dass wir das mal öfter machen müssten und mit noch mehr Bands und ein paar Kumpels und Mailorder-Kunden. Und dann hatten wir ein paar Monate später unser erstes Festival mit 800 Leuten.
Wenn du zurückblickst: Gibt es Entdeckungen, auf die ihr besonders stolz seid?
Bei mir zum Beispiel Lampshade vor zwei Jahren, die haben wir dann auch gleich unter Vertrag genommen. Damals Madrugada fand ich einen ganz großen Auftritt. Dann The Great Crusades und Tillman Rossmy.
Werden euch mittlerweile auch Bands angeboten?
Mittlerweile schon. Also früher mussten wir bei Touragenten betteln und erklären, warum es hier so eine geringe Gage gibt. Da haben dann viele auch abgewunken. Jetzt kommen sie manchmal ganz alleine auf uns zu. Ich weiß nicht, warum mir Fury In The Slaughterhouse angeboten wurde, aber es wurde mir angeboten.
Wie sieht es eigentlich mit der Medienberichterstattung aus? Hat die zugenommen?
Nicht besonders viel, das liegt aber auch daran, weil wir nichts dafür tun. Aber manchmal denke ich auch „Ach, die hätten auch mal mehr bringen können“. Musikexpress und Rolling Stone waren auch schon hier, aber die haben dann so kleine Sachen gemacht. Ich will aber natürlich die Bedeutung unseres Festivals nicht überschätzen.
Ein Ende in Sicht?
Das ist lustig, weil ich gestern jemandem gesagt habe „Die Scheiße mache ich nie wieder“. Du fragst mich natürlich in einer Phase, in der ich das Wort Festival nicht mehr hören kann. Ich möchte es mal so sagen: Wenn ich mal so ganz kaputt bin, auch während des Festivals, da gibt es schon manchmal kritische Momente. Aber dann geht es auch wieder, wenn die Kumpels kommen und sagen, wie klasse das war. Also das wird es erstmal weiter geben, solange wir noch halbwegs körperlich können, weil wir das schon selbst alles machen wollen.
Anderes Thema: Sponsoren spielen ja bei Festivals eine ziemlich dominante Rolle.
Das gibt es bei uns nicht, ich kann aber die Festivalveranstalter verstehen, die viel mit Sponsoren machen.
Weil?
Wegen der Kosten. Ich habe selbst im kleinen Rahmen gesehen, wie einem innerhalb von drei vier Jahren die Kosten weggelaufen sind. Hotelübernachtungen, Dixies, Bauzäune, Handwerker, Stromtechnik und so weiter.
Wie verhindert ihr, dass Sponsoren eine deutlich sichtbare Rolle einnehmen?
Also bei unserem ersten Sponsor Jack Wolfskin kam nicht die Marketingabteilung mit einem großen Konzept. Ich hab dem Chef eine E-Mail geschrieben und erklärt, was man machen kann und was besser nicht, weil das den Geist des Festivals zerstört. Und das hat er genauso gesehen. Hier hängen insgesamt vier Transparente von Jack Wolfskin, keines auf der Bühne. Aber es läuft keine Promo-Team durch die Gegend.
Ich kann mir vorstellen, dass Drum da nicht so einfach von zu überzeugen war?
Das hatte ich auch befürchtet, aber diese Drum Locals, diese Reihe, die sie ja von kleineren Festivals haben, haben darunter nicht zu leiden. Was die machen, ist sehr gut gemacht. Es hängen bei uns auch Banner von Drum, aber es werden keine Durchsagen gemacht. Drum sponsort zum Beispiel die Eintrittsbänder, gibt noch was Geld oben drauf und Warenproben für die Musiker. Ansonsten verlangen die gar nichts. Von den Sponsoren ist mir tatsächlich noch nie jemand auf den Geist gegangen.
Zum ersten Mal filmt ja auch der WDR mit. Was ist die Idee dahinter?
Das ist durch Zufall geboren. Der Chefredakteur des Rockpalasts, Peter Sommer, war schon häufiger hier als Zuschauer und findet das Festival prima. Er sagt, dass er das hier durchaus als öffentlich-rechtlichen Auftrag sieht, es gibt eben nicht nur Rock am Ring. Und die stellen sich sogar auf die Veranstaltung ein. Ich hab denen gesagt, dass die mir bloß keinen Ü-Wagen vor die Tür stellen sollen. Dafür habe ich gar keinen Platz. Und keine kabelgebunden Kameras mit Kabelhilfen, die stehen den Leuten ja nur im Weg. Die kommen tatsächlich mit sechs ganz normalen HD-Kameras. Am Schluss muss das dann eine arme Sau zusammenschneiden.
Gab es denn Befürchtungen von Fans?
Der ein oder andere hat mal auf einem Konzert gesagt „Jetzt holt ihr euch den Rockpalast dahin, wollt ihr uns das denn versauen? Und dann sind ja die Zeitabläufe an die gekoppelt“. Das ist Blödsinn. Die fangen an zu filmen, wenn ich denen das sage. Ich kenn' die natürlich alle sehr gut, weil ich da freier Mitarbeiter bin.
Mir ist berichtet worden, dass du und dein Kollege Reinhard auf dem Festival jede Band ansagen. Und von Ansage zu Ansage werdet ihr betrunkener. Wird das dieses Jahr auch so sein?
Ich geh mal davon aus. Es ist ja nicht unser Ziel, abends total besoffen zu sein. Das ist eine Mischung aus Spaßtrinken und Stresstrinken. Und irgendwann biste dann halt mal knülle. Ich werde natürlich versuchen, mich soweit im Griff zu haben, dass ich nicht lalle. Also ich werde nicht schon um 15 Uhr Schnaps trinken, aber um 10 oder 11 dann schon. Bei den letzten beiden Bands besorgen wir es uns dann richtig. Wir müssen ja aufholen. Es hört sich jetzt so assig an, aber wenn man von 9.30 auf den Beinen ist und alle um dich herum trinken, dann ergibt sich das fast von alleine, dass man abends besoffen ist.
Sebastian Dalkowski
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