 „Das richtige Leben findet offline statt.“
Alles ist grün hier. Die Stühle, der Teppich, die Dekoration: Im Büro des Lokalisten-Teams meint man, in einen Waldkindergarten gestolpert zu sein. „Dafür haben wir eigentlich keine Zeit“, lacht Peter Wehner, einer der Gründer des komplett in grün designten Kontaktnetzwerkes www.lokalisten.de, und deutet auf den Golfschläger und ein paar Bälle, die neben dem grasgrünen Läufer stehen. Zeit für ein Gespräch mit Justmag-Redakteur Kasanobu Serdarov bleibt dennoch.
Hast du den Begriff Web 2.0 eigentlich schon satt?
Nein, es stört mich nicht, aber mehr als alle anderen habe ich auch nicht zu sagen. Wir machen einfach unsere Seite, wenn dann jemand anders sagt: „Oh, das ist ja Web 2.0“, oder „Dieses Feature ist jetzt aber nicht 2.0“, dann sind das halt nur Begriffe.
Erfordert Lokalisten eine größere Aktivität als andere Portale wie beispielsweise Youtube?
Man ist bei uns nicht nur ein Konsument, sondern pflegt aktiv seine Kontakte. Das machen ja auch viele, indem sie ihr Profil ausfüllen, andere anklicken und so weiter. Die, die das nicht wollen, sind dann nicht dabei, sondern schauen eher Fernsehen oder machen etwas anderes, was dann eher One-Way abläuft. Bei uns macht es nur Spaß, wenn ich aktiv bin! Es gibt eigentlich keinen Content. Wir stellen im Prinzip nur grüne Schubladen mit Werkzeugen zur Freundeskreispflege zur Verfügung, alles andere macht der Nutzer selbst.
Wie beeinflusst das Web 2.0 unser Leben?
Es wird offener und kommunikativer. Wenn ich jemand habe, der früher abends viel fern gesehen hat, und dank Web 2.0 nun lieber kommuniziert, dann haben wir sehr viel erreicht.
Andererseits könnte es auch so laufen, dass ehemals aktive Leute nur noch vor dem Bildschirm sitzen.
Ich glaube, der erste Fall tritt vermehrt auf. Zum anderen haben wir uns auf die Flagge geschrieben, dass Leute nicht nur aufeinander klicken sollten, sondern sich auch im richtigen Leben treffen. Unser Angebot ist ja so gestaltet, dass es einem hilft, die Freizeit im richtigen Leben besser zu organisieren. Wir kommen ja aus dem richtigen Leben und wollen nicht in eine noch virtuellere Welt abwandeln wie das beispielsweise bei Second Life der Fall ist. Wir wollen, dass man sich im richtigen Leben trifft.
Das scheint aber vor allem die jüngeren zu betreffen. Bei Lokalisten gibt es wenige „ältere“ Mitglieder. Nach einer aktuellen TNS Infratest-Studie nutzen gerade mal 0,4 Prozent der über 50-jährigen aktiv Web 2.0-Angebote. Wieso sind soziale Netzwerke gerade für junge Leute so attraktiv?
Ich denke, die Lebenssituation von jungen Menschen ist einfach anders: Man streckt die Fühler aus, festigt Kontakte. Junge Menschen sind offener und mehr „auf der Suche“. Außerdem wachsen die meisten ja mit der Technik auf: Die Affinität der jungen Leute zum Rechner ist höher. So gering ist der Anteil der „Alten“ übrigens gar nicht. Fast 25 Prozent der Lokalisten sind über 40.
Wenn Jugendliche Kontakte in der „echten Welt“ weniger üben als in der virtuellen, dann werden sie doch introvertierter…
Da gibt es einen Fall bei uns von einem Jungen und einem Mädchen, die in der Schule in Parallelklassen waren. Die haben sich fünf Jahre lang nicht getraut, miteinander zu reden. Über Lokalisten haben sie schließlich den ersten Kontakt geknüpft und von dort den Bogen ins richtige Leben gezogen. Social Communitys wie die Lokalisten bieten die Möglichkeit, ein Gesprächsthema zu finden, ohne dass es wie eine platte Anmache daherkommt. Schau dich mal in der Stadt um oder geh abends weg: Da spricht kaum ein Fremder mit einem anderen! Wenn du jemanden ansprichst, dann schaut der komisch oder irritiert, weil er eine Anmache vermutet. In unserer Gesellschaft ist es nicht üblich mit Menschen zu sprechen, die man nicht kennt. Durch Kontaktnetzwerke sieht man gleich, welche gemeinsamen Freunde und Gesprächsthemen man haben könnte. Auch die Profilbeschreibung liefert Anknüpfungspunkte für ein offenes Gespräch. Ich denke, dass die Menschen gerne offener wären, und sich gerne mehr unterhalten würden, doch der Anfangspunkt, ist schwierig zu finden.
Wobei von Kennen nicht immer die Rede sein kann. Manche Benutzer sammeln regelrecht „Freunde“ in der virtuellen Welt.
Wie definiert man den Begriff Freundschaft? Eine Antwort darauf will ich mir nicht anmaßen. Der eine nimmt jemand erst in seine Liste auf, wenn er ihn zwei Jahre kennt, der andere schon nach ein paar Mails. Was Freundschaft bedeutet, soll jeder selbst entscheiden.
Stichwort Soziale Software: Kann Software überhaupt sozial sein? Man hat zwar Kontakt mit anderen Menschen, aber man sitzt am Computer und redet nicht mit einer echten Person von Angesicht zu Angesicht.
Besser als gar nicht miteinander reden! Abseits dessen haben wir es uns zum Ziel gemacht, nur ein Sprungbrett zum echten Leben zu sein. Für uns ist das Web 2.0 eine Ergänzung zum echten Leben, keine Alternative.
Für manche ist es aber auch eine Alternative.
Das schließe ich nicht aus, ich glaube aber, dass Kontaktnetzwerke für viele eher als Ergänzung gesehen werden. Das richtige Leben findet offline statt, und die meisten wissen das auch. In unserer Gesellschaft braucht man ja viel Selbstverantwortung, auch im Bereich Internet. Ich glaube, der normale User hat genug Selbstverantwortung, sich zu fragen: Sitze ich zu viel vor dem Rechner? Verarme ich sozial? Oder sehe ich Web 2.0 als soziale Bereicherung?
Kürzlich geschah wieder ein Amoklauf in Finnland. Der Gymnasiast kündigte zuvor seine Tat indirekt im Internet an. Hat ihn seine Selbstdarstellung auf Youtube im Tatbeschluss bestärkt?
Ich denke nicht. Aber das Verstehen solcher Leute ist schwierig genug. Ob die Möglichkeit, Hassgelüste im Web 2.0 publik zu machen, etwas zu dem Ergebnis Amoklauf beiträgt, das ist schwer zu beurteilen.
Publik machen ist ein gutes Thema: Jugendliche stellen ihr Leben in Form von Blogs, Videos und Bildern frei zugänglich ins Internet. Junge Mädchen konkurrieren in möglichst aufreizenden Profilbildern. Ist es eine positive Entwicklung, wenn junge, teils unmündige Menschen, ihr Innenleben durch das Web 2.0 der Gesellschaft zur Schau stellen?
Es ist natürlich in einer gewissen Altersstufe so, dass man auf sich aufmerksam machen muss. Früher hat man eben grüne Haare getragen oder sich anders angezogen. Das spiegelt sich im Netz auch wider.
Es ist aber etwas anderes, ob man sich die Haare färbt oder halbnackte Fotos von sich ins Internet stellt, die irgendwann einmal ein Arbeitgeber sieht oder die einem anders schaden könnten.
Die zurzeit häufig geführte Diskussion, dass der potentielle Arbeitgeber alle Aktivitäten des Job-Anwärters über die letzten 20 Jahre verfolgen kann und es tut, halte ich für übertrieben.
Es wird aber zumindest leichter durch das Web 2.0.
Aktuelle Dinge vielleicht, aber nicht welche, die 10 Jahre zurückliegen. Da müsste man schon sehr starke Fußspuren hinterlassen. Außerdem: Wenn niemand etwas von sich preisgibt, spricht man auch nicht miteinander. Es ist doch schön, wenn die Leute ein bisschen offener werden! Natürlich muss man mit Privatem richtig umgehen. Ich muss ja auch entscheiden, wem ich meine Telefonnummer gebe und wem nicht. Da hat jeder eine Eigenverantwortung. Wir als Web 2.0-Betreiber haben auch eine Vorbildfunktion, ebenso aber die Eltern, Lehrer, alle müssen zusammenhalten: Wie in einer echten Gesellschaft eben auch.
Wobei man Lokalisten kaum als repräsentative Gesellschaft sehen kann, da die Erziehungsberechtigten oftmals nicht anwesend sind.
Es gibt inzwischen auch jede Menge Eltern, die sehen wollen, was ihre Kinder auf unserer Seite überhaupt machen, und sich deshalb ebenfalls anmelden. Außerdem gibt es da ganz andere Seiten, auf denen sich die Jugendlichen rumtreiben können, die unratsam wären… (lacht)
Verdient ihr euren Lebensunterhalt mit Lokalisten?
Die Lokalisten-Idee hat nicht mit einem Business-Plan begonnen sondern als Spaßprojekt für den eigenen Freundeskreis. Jetzt, nach knapp zweieinhalb Jahren, sind wir fast 1,5 Millionen Freunde im gesamten deutschsprachigen Raum und die am fünfthäufigsten aufgerufene Internetseite in Deutschland. Wir haben also eine Größe erreicht, in der auch die wirtschaftliche Betrachtung eine Rolle spielt.
Habt ihr dann Angst vor dem Platzen der Web 2.0-Blase, die manche prophezeien?
Nein, eigentlich nicht. Ich glaube, dass Gründer, User und Investoren aus der letzten Blase gelernt haben und nicht mehr blauäugig losmarschieren. Viele Projekte, die nach dem Zusammenbruch der New Economy entstanden sind, stehen auf sehr viel stabileren Beinen. Man zieht keine Luftschlösser mehr hoch.
Wie siehst du dann die Zukunft der Web 2.0-Projekte?
Ich denke, es wird größere Supermärkte ebenso geben wie die kleinen Tante Emma Läden.
Was davon wird Lokalisten.de sein?
Wir versuchen, der sympathische kleine Tante-Emma-Laden zu bleiben, auch wenn jetzt eben mehr Leute bei uns einkaufen.
Kleiner Blick in Zukunft: Wie könnte Web 3.0 aussehen?
Da sollten wir fairerweise die Nutzer selbst fragen! Ich mag mir nicht anmaßen, darüber etwas zu sagen, aber ich hoffe, dass es mehr in die „location-based“-Richtung geht, also mehr Verbindung zum richtigen Leben hat.
Lokalisten.de sollte ja eine Verlegung eines realen Wohnzimmers ins Internet sein, um sich im größeren Freundeskreis zu treffen. Eine Legende?
Nein, wir wollten zunächst ein reales Loft als gemeinsames Wohnzimmer als Treffpunkt für den erweiterten Freundeskreis mieten. Als das nicht geklappt hat, haben wir es virtuell probiert. Der Versuch läuft immer noch!
Jetzt seid ihr zwar zusammen in einem Raum, müsst aber alle arbeiten.
Trotzdem haben wir noch genug Freizeit, auch wenn wir fast rund um die Uhr im Büro sind und das Gehirn fast nie ausschaltet. Wir arbeiten zusammen mit Freunden für Freunde. Was kann es besseres geben?
Kasanobu Serdarov
Kommentare
| Uli Späth schrieb am 16.01.2008 um 11:53 Uhr: |
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tolles interview.
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