 „Dann habe ich alle Hosen runtergelassen.“
Vielleicht sind nur die bitteren Momente ehrlich: „It's over I guess, this love is a mess“, singt Michael Kamm. Der Sänger von Nova International gehörte sicherlich nicht zu den heißesten Anwärtern auf eine nachdenkliche Soloplatte. Dann aber beschlossen seine Freundin und er nach fünf Jahren die Trennung und er fing an, alleine Songs zu schreiben, bis ihm klar war, dass er ein ganzes Album machen würde: Lovebox erscheint im Frühjahr 2006 unter seinem Pseudonym Me. Sebastian sprach mit Michael Kamm über Ehrlichkeit, lange Nächte und Bücherregale mit Star Wars.
Dein Album handelt von der Zeit, als die Beziehung zu deiner Freundin auseinandergegangen ist. Hast du dich von ihr getrennt, um die Platte machen zu können?
Ne, natürlich nicht. Die Platte ist ja erst im Nachhinein so entstanden. Vielleicht ist sie mein erstes ernstzunehmendes Tagebuch. Ich hab in der Phase nach der Trennung angefangen, die Songs zu schreiben. Natürlich war nicht die Idee da, die Beziehung zu beenden, um kreativ tätig zu sein. Das wäre zwar, könnte man fast sagen, ein lobenswerter Ansatz [lacht], aber so war es nicht.
Wie lange hat es denn gedauert, bis du angefangen hast zu schreiben?
Das ging relativ schnell. Als meine Freundin aus unserer Wohnung ausgezogen ist, kam diese typische Phase, wo einem die Decke auf den Kopf fällt und alles zu eng scheint. In der ersten Woche gab es schon die ersten konkreten Gedanken.
Wirst du denn ein Exemplar der CD an deine Ex rausschicken?
Sie hat lustigerweise die ersten paar Songs mitbekommen, weil sie ab und zu da war und dann denkt man sich ja doch: „Hör mal, was ich da für dich gemacht habe. Komm doch zurück [lacht].“ Nein, sie kennt ein paar Nummern, aber nicht das komplette Album. Das wird sie erst bekommen, wenn es fertig ist.
Weiß sie, dass du ein Album über sie machst?
Ich denke ja. Sie hat schon vier, fünf Stücke gehört. Im Moment ist sie auf jeden Fall im Bilde.
Für wen ist das Album denn: Für dich, deine Ex, für uns?
Ich habe die Songs erstmal nicht für die Öffentlichkeit geschrieben. Es war erstmal ein Versuch, was zu verarbeiten. Als die ersten Songs fertig waren, habe ich sie dann ein paar Leuten vorgespielt und das Feedback war überraschend gut. Für die war es sehr logisch, was ich da mache. Als immer mehr gutes Feedback kam, war mir irgendwann klar, dass ich ein Album mache, um das ganze abzuschließen. Momentan bin ich an einem Punkt, wo ich zufrieden mit mir selbst bin und ein Stück weit stolz drauf, was zu Papier gebracht zu haben.
Als dir klar war, dass du ein Album machen würdest, war die Unbefangenheit für die restlichen Stücke da nicht weg?
Das stimmt. Das ganze hat sich ja über Monate gestreckt und es gibt unterschiedliche emotionale Phasen. Die ersten Stücke sind die depressivsten und dann kommen die, wo man sich von der ganzen Sache immer mehr entfernt. Der letzte Song, den ich geschrieben habe, ist auch der positivste.
Aber warum sollen wir uns anhören, wie deine Beziehung in die Brüche gegangen ist?
Das ist eine gute Frage. Die meisten Leute, von denen Feedback kam, konnten sich damit identifizieren. Klar, ich war der Schweinehund…
Aus den Songtexten entnehme ich, dass du deine Ex betrogen hast, oder?
Ja, im zweiten Song ist ja schon erklärt, dass ich der Böse in der Geschichte war. Ich weiß allerdings nicht, ob sich jemand in so was Melancholisches reinfallen lassen will. Ich will niemandem was aufdrängen. Wenn man Künstler ist, hat man ja immer dieses egozentrische Verhalten, dieses Auf-die-Bühne-stellen. Ich fühle mich einfach wahnsinnig wohl, das nach außen tragen zu können, weil es auch eine Art Umgang mit der ganzen Geschichte ist.
Müsste nicht normalerweise der die Platte machen, der verlassen worden ist?
Ne. Also es gibt bestimmt eine Menge Leute, die eine Platte geschrieben haben darüber, dass sie verlassen worden sind, aber das ist eine andere Intention. Aber dann ist es eher was weinerisches, aber meine Platte ist ja eher was gestehendes.
Als ich die Platte gehört habe, dachte ich, dass ich auf jeden Fall schon traurigere Musik gehört habe. Für mich kam es nicht so rüber, als ob du überhaupt gelitten hast.
Also für mich ist so ein Song wie Majesty schon etwas total morbides. Sicherlich bin ich noch jemand, der Dur-Akkorde verwendet und sich nicht komplett der Popmusik verweigert. Aber das ist für mich schon die ruhigste Musik, die ich je gemacht habe.
Aber kannst du die Songs jetzt, wo die Sache schon lange zurückliegt, überhaupt noch spielen oder ist die Distanz schon zu groß?
Ich interpretiere wahrscheinlich heute anders als zum Zeitpunkt der Aufnahme. Es ist schon was anderes, wenn andere Musiker mitspielen, denn die interpretieren die Melodien anders. Man selbst ist ja auch schon getrennt von der Person.
Wie allein warst du eigentlich während der Aufnahmen?
Ich habe mich auf jeden Fall zum ersten Mal richtig in die Musik gestürzt. Tagsüber war ich schon sehr alleine, da war Musik mein täglich Brot. In der heißen Schreibphase gab es für mich nichts anderes. Ich war sehr alleine, ich hab das Album ja allein geschrieben.
Aber hast du dich auch alleine gefühlt? Während man Musik macht, merkt man das ja normalerweise nicht.
Das ist richtig. Man fällt in einen zeitleeren Raum. Da vergisst man vieles und das war ja mitunter auch der Zweck. Wir waren ja sehr sehr lange zusammen und da musste der Alltag nach der Trennung erstmal gefüllt werden.
Also hat es dir geholfen, das Album zu machen?
Ja. Diese sechs, sieben Monate, da habe ich mich schon ziemlich auf die Platte konzentriert. Klar gab es Phasen, wo ich gar nichts gemacht habe, weil ich emotional leer war.
Es ist ja dein erstes Soloalbum. Ich stell mir vor, dass der Druck größer ist, weil du für alles selbst verantwortlich bist.
Das stimmt. Genau deswegen geht auch vieles einfacher. Bei Nova geht es schon sehr demokratisch zu, da werden auch Kompromisse gemacht. Bei der Solo-Sache gibt es keine Kompromisse, dafür ist es mir zu wichtig. Das Problem ist natürlich, dass man selbst auf Ideen angewiesen ist. Niemand nimmt einem Arbeit ab.
Und die direkte Kontrolle fällt ja auch weg.
Deswegen dauert es auch so lange. Ich kann mich extrem in Kleinigkeiten verfrickeln. Ich brauche einfach irgendwann Distanz. Für mich ist es absolut unbegreiflich, wie eine Band in fünf Tagen ihr Album aufnehmen kann. Später kamen ja dann die Hinweise von Freunden. Plan der Platte war es auf jeden Fall, den Songs mehr Zeit zu geben. Da ist kein Song unter vier Minuten. Das ist für mich echt lang.
Hast du gezögert, es anderen Leuten vorzuspielen?
Am Anfang extrem.
Wie lange hat das gedauert?
Sehr lange. Zu Beginn war mir gar nicht klar, warum man überhaupt eine Solo-Platte von Michael Kamm braucht, warum muss ich die jemandem vorspielen? Dann war es spannend, was die Kollegen in der Band davon halten. Die Hemmschwelle war aber am Anfang sehr hoch. Will ich wirklich jemandem einen Song vorspielen, in dem ich gestehe, was ich gemacht habe? Aber viele Leute haben die Ehrlichkeit gut gefunden und dann habe ich auch alle Hosen runtergelassen.
Auf der Bühne bist du ja nicht alleine.
Wir sind insgesamt acht.
Hast du nie vorgehabt, alleine zu spielen, nur mit Akustikgitarre?
Das ist so die Frage, die man sich stellt, wenn man die Platte hört. Klar, man kann die akustisch spielen. Für mich ist aber wichtig, mit Klangfarben zu spielen. Da gibt es Geigen, Bläser, Percussion, das ist alles sehr an Klangfarben orientiert und der Reiz der Songs passiert darüber. Sonst funktioniert es nicht so gut. Die große Band gehört dazu.
Welche Vergleiche erwartest du?
Das ist schwierig. Ich kann nur von denen sprechen, die ich schon gehört habe. Ich fühlte mich irgendwie gut bei The Coral aufgehoben. Aber ich mag Vergleiche ja gar nicht. Von der Grundstimmung her sagen viele oft Beck. Ich liebe Beck. Auf der einen Seite ist das ein Kompliment, auf der anderen Seite will ich aber nicht so klingen wie einer der größten Künstler für mich. Das ist schon fast ein Tacken zu hoch gegriffen. Das ist echt eine beschissene Frage, finde ich [lacht].
Das tut mir leid. Und welche Vergleiche wünscht du dir?
Genauso scheiße [lacht].
Was sind die Aspekte am Solokünstlerdasein, die auf Dauer nichts für dich sind?
Erstmal finde ich, dass die Frage doof gestellt ist, weil ich ja nicht vorhabe, es bei diesem einen Soloalbum zu belassen. Ein Thema zu finden und es stringent zu behandeln, das hat mir ungeheuer gefallen. Bei einer Band ist es immer problematisch, anhand einer Überschrift Songs zu schreiben. Man muss da viele Leute unter ein Dach bringen. Also würde ich nicht sagen, dass ich aufhöre, alleine Musik zu machen. Im Gegenteil: Ich habe sogar einen ziemlichen Narren daran gefressen. Das ist ein ganz anderes Arbeiten.
Aber es muss Dinge geben, die dir in einer Band besser gefallen.
So herum ist die Frage richtig gestellt. Dieses Miteinander musizieren, dass man sich gegenseitig beeinflusst, das ist eine sehr positive Sache an einer Band. Da kreiert jeder dem anderen irgendwas. Man macht gemeinsam was fertig.
Gehen wir doch mal eine halbironische Checkliste ab, inwiefern du ein echter Singer/Songwriter bist.
Da bin ich aber sehr gespannt.
Rauchst du Unmengen an Zigaretten?
Während der Albumproduktion enorm.
Du hast während der Aufnahmen kein Tageslicht gesehen.
Das ist definitiv falsch. Ich habe allerdings immer spät angefangen zu arbeiten, weil man nachts nicht gestört wird. Die Nachtschicht war definitiv dominanter.
Hast du mehr Rotwein oder mehr Bier getrunken?
Rotwein.
Tatsächlich?
Ich trink zu Hause kein Bier.
Hast du aus der Flasche getrunken?
Nein. Ich hasse Rotwein aus der Flasche, der muss erstmal richtig schön atmen können.
Was ist das denn für ein Satz? In deinem Bücherregal stehen nur französische Existentialisten?
Falsch. Die eine Hälfte ist voll mit Klaviernoten. Dann geht es los mit englischer Literatur, Wörterbücher, Fotobände, Fachliteratur zur computergestützten Musikaufnahme. Dann kommt eine Kafka-Sammlung.
Hast du die gelesen?
Also die ersten drei Bücher sind merkbar geknickt am Rücken.
Die sind wahrscheinlich auf den Boden gefallen.
[lacht]. Dann so was wie Hesse, Remarque, Frisch…
… ach komm, das erfindest du jetzt alles.
Nein, das steht hier. Dann kommt aber auch schon Star Wars.
Oh Gott! Was liest du momentan?
Haruki Murakami.
Hast du in der Trennungszeit andere Bücher gelesen als sonst?
Ich habe in der Trennungszeit überhaupt keine Bücher gelesen, weil ich in der Zeit Musik gemacht habe. Musik machen und gleichzeitig lesen, das geht nicht.
Nächster Punkt: Du gehst in Programmkinos.
Ich gehe in Augsburg auf jeden Fall gerne in die kleinen Kinos.
Der letzte Film, den du gesehen hast?
Das ist lange her: Die Tiefseetaucher.
Die letzte Frage: Wird Nick Drake überbewertet?
[langes Schweigen] Ich sag' dann einfach mal ja.
Sebastian Dalkowski
Vielleicht gefallen Euch auch diese Artikel:
|