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Interview mit Michael Antwerpes Pinocchio

„Bei der Lüge hört der Spaß auf.“

Eine Show, die Sag die Wahrheit heißt, ist es natürlich wert, unter dem Thema unserer aktuellen Ausgabe „Lüge und Wahrheit“ näher betrachtet zu werden. Leider hat die Sendung mit Lügen gar nicht so viel zu tun und mit Wahrheit auch nicht, wie uns Moderator Michael Antwerpes erzählt. Das Konzept ist schon älter (1956 lief das Original To Tell The Truth das erste Mal in den USA, 1959 kam die Sendung das erste Mal in Deutschland): Drei Kandidaten behaupten von sich, eine bestimmte Person zu sein und etwas besonderes gemacht zu haben. Eine Jury muss durch geschicktes und schnelles Fragen herausfinden, wer von den dreien wirklich die Person ist. Seit März 2003 läuft die Sendung wieder und wird von Michael Antwerpes moderiert.

Wissen Sie selbst, wer der echte Kandidat ist?

Jaja! Ich habe ja die Aufgabe, ein kurzes Gespräch mit ihm zu führen, wenn es am Ende aufgelöst ist. Wir belegen das natürlich auch, dass der das wirklich macht — mit einem kurzen Film oder einer Demonstration im Studio. Da muss ich natürlich die Details kennen und führe auch Vorgespräche mit dem Kandidaten.

Sie kommen also nicht in die Versuchung mitzuraten, wer der echte Kandidat ist?

Nein, aber ich versetze mich oft in die Lage derer, die das raten müssen. Ich beobachte natürlich genau, wie glaubwürdig die Kandidaten rüberkommen und wie gut die gebrieft sind. Parallel habe ich auch die Aufgabe, eine Kurzzusammenfassung von dem zu machen, was die Kandidaten gesagt haben. Ähnlich wie bei Herzblatt, wo es ja auch die Susi gab. Dafür mache ich mir dann immer kurze Notizen. Das lässt mir dann keine Zeit, mich zurück zu lehnen und das Spiel zu verfolgen.

Nach welchen Kriterien ist denn die Jury zusammengestellt? Sie besteht ja hauptsächlich aus Schauspielern und Fernsehleuten. Haben die bestimmte Qualitäten, die Lügner zu entlarven?

Nein. Wir haben zu Anfang erst mal ein Casting gemacht. Das Konzept war zunächst, Leute in der Jury zu platzieren, die schon in anderen Sendungen in unserem Programm tätig waren, um ein bisschen Promotion zu machen. Davon sind wir dann aber abgekommen und wollten die Jury eher prominenter besetzen, auch in Hinblick auf nationale Bekanntheit. Die Ursula Cantieni kommt aber auch überregional ganz gut an, weil sie die Rolle der Dame verkörpert. Vorne neben Wolfgang Völz sitzt dann eine jüngere attraktive Frau [Kim Fisher] und hinten Smudo, eher der ausgeflipptere, der frechere Typ. Das sind schon so Archetypen, die wir auch versuchen, so zu besetzen.

Es geh also gar nicht darum, dass die Jurymitglieder besonders qualifiziert sind, die Lügner zu entlarven?

Nee. Bei dem Wolfgang Völz ist das völlig wurscht. Bei dem wollen wir sogar ein bisschen, dass er nicht richtig fragt und immer ein bisschen grantelt. Das verzeiht ihm jeder. Aber man darf den Bogen natürlich auch nicht überspannen und das Spiel komplett aus den Augen verlieren. Aber die anderen, Ines Krüger, Kim Fisher, die fragen schon richtig; die machen das schon gut. Die sind ja auch Journalistinnen.

Gibt es denn überhaupt Qualitäten, die man haben sollte, um Lügner zu entlarven?

Man muss gut zuhören können. Man muss das, was das Gegenüber sagt, genau analysieren können. Die kleinsten Regungen und Rektionen können da eine Menge verraten. Wenn man eine Weile als Stammjuror dabei ist, lernt man so kleine Kniffe, dass man zum Beispiel unvermittelt schnell dazwischen fragt: „Wie war noch gleich ihr Name?“ Die meisten Kandidaten sind eben nur darauf gebrieft sind, den falschen Namen einmal am Anfang zu nennen. Das ist dann schon eine fiese Frage, wo man dann schon ins Stottern kommen kann. Ansonsten geht es aber darum, gut zuzuhören, zu beobachten und Unsicherheiten in der Stimme festzustellen.

Das Konzept der Sendung gibt es schon lange: 1956 war sie das erste Mal in den USA und 1959 das erste Mal in Deutschland zu sehen. Wieso haben sie das Konzept jetzt noch mal aufgelegt?

Weil wir bei uns im Dritten Programm kein Spielformat hatten. Und da haben wir uns, frei nach dem Motto, gesagt: „Besser schlecht kopiert als schlecht erfunden“ — was könnte es denn da geben? Die Idee der Sendung ist ganz einfach und simpel, sofort zu verstehen. Das waren so die Beweggründe, dass wir diese Farbe noch nicht im Programm hatten und bevor wir irgendetwas abstruses neu erfinden, wollten wir etwas nehmen, das sich schon mal bewährt hat.

Warum, glauben Sie, funktioniert das Konzept immer noch so gut?

Weil es den Zuschauer sofort mit einbindet — von der ersten Sekunde an. Wir haben keinen langen Vorspann, die Kamera fliegt sofort auf die drei Lügner zu, eine Stimme aus dem off sagt: „Nummer Eins, wer sind Sie?“ Und sofort sind Sie als Zuschauer drin im Spiel. Das Spiel geht eben Zack Zack, das hat ein unglaubliches Tempo und es befriedigt die Neugier nach schrägen Inhalten — ein Insektenkoch ist eben etwas schräges. Wenn die Leute das erraten, kann dann auch gelacht werden. Also es ist Unterhaltung at its best.

Spielt das Lügen dabei auch eine Rolle, das Erfinden von Geschichten?

Eher das Entlarven von Lügen. Man bewundert nicht den Kandidaten, dass er so wunderbar gelogen hat, sondern eher den Juroren, dass er den Lügner entlarvt hat.

Wie kann man die Lügner entlarven? Gibt es da ein Rezept?

Ach, das kennt doch jeder. Wenn jemand rot wird, anfängt zu stottern oder zu schwitzen. Das sind dann auch Merkmale von Unsicherheit und das ist auch im wirklichen Leben ähnlich, da sieht das genauso aus.

Glauben Sie, dass es auch im wirklichen Leben vorkommt, dass man Geschichten erfindet? Sagt, dass man etwas macht oder ist, vielleicht auch, um jemanden zu beeindrucken?

Ja, mit Sicherheit. Das gehört dazu in unserer medialen Welt, dass Leute Geschichten erfinden, um sich interessant zu machen. Davon lebt auch eine Yellow Press und ihre Klientel, dass solche Dinge überzogen dargestellt werden. Wobei ich dann immer unterscheide zwischen einer Lüge und einem Flunkern. Eine Lüge bedeutet, jemanden bewusst die Unwahrheit zu erzählen, um ihn aufs Glatteis zu führen und ihn zu hintergehen. Das ist dann auch verwerflich. Bei einem augenzwinkernden Flunkern sehe ich das noch nicht so schlimm.

Können Sie den Unterschied noch ein bisschen genauer definieren?

Lügen ist, wenn ich mit dem Vorsatz handele, bewusst die Unwahrheit zu sagen. Wenn ich zum Beispiel konkret gefragt werde: „War das so?“ und ich sage: „Nein“. Ich weiß aber, dass es so war. Das ist dann eine Lüge.
Wenn ich aber erzähle: „Wir waren gestern in dem und dem Lokal und das war super, wir haben 22 Flaschen Rotwein getrunken“. Das ist eine kleine Flunkerei, das ist ein Witz, das ist ironisch gemeint.
Aber wenn ich nach etwas gefragt werde und ich sage bewusst die Unwahrheit, dann ist das eine dreiste Lüge. Da erfinde ich nichts. Ich negiere etwas, von dem ich weiß, dass es eigentlich ganz anders ist. Ich weiß es besser, sage aber bewusst die Unwahrheit.

Warum das eine vertretbar und das andere nicht?

Weil bei dem einen eine ironische Komponente mit rein kommt. Aber bei der Lüge hört der Spaß auf. Deswegen ist das, was wir da tun, auch kein Lügen. Der Mann oder die Frau, die da sitzen, die sind ja keine Lügner. Die verstellen sich.

Gibt es einen Unterschied zwischen Notlüge und richtiger Lüge?

Schwer zu sagen. Ich glaube, dass es auf den Fakt ankommt, dass man lügt, weniger auf die Beweggründe. Schwierig, da noch einmal zu unterscheiden.

Noch eine persönlich Frage: Wann haben Sie denn das letzte Mal gelogen?

Wir waren letzten Donnerstag eingeladen. Am nächsten Morgen habe dem Einladenden eine SMS geschrieben und mich für den tollen Abend bedankt, aber es war eigentlich schrecklich langweilig und wir sind nach einer Stunde gegangen. Das war dann so ein Flunkern.


Wir stellen noch fest, dass streng genommen solche „Flunkereien“ aber schon eine Lüge sind, aber auch ein Gebot der Höflichkeit, oder würden Sie Ihrem Gastgeber eine SMS schreiben:
„Das war ein schrecklicher Abend. So etwas langweiliges habe ich ja noch nie gesehen!“?
Dann würden Sie wahrscheinlich nie wieder eingeladen. Aber vielleicht hätten Sie dann ja Ihr Ziel auch erreicht.

Kerstin Petermann



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