 „Uns geht es nicht darum, die WM zu dissen.“
Wenn im Juni die Fußballweltmeisterschaft die Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf sich zieht, wird in Hamburg noch um einen ganz anderen Titel gespielt. Abseits — Die WM der Asylsuchenden findet vom 17. bis 20. Juni im Schanzenpark statt und nimmt das Motto „Die Welt zu Gast bei Freunden“ wörtlich. In einem Kinder- und einem Erwachsenenblock kicken Hamburger Asylbewerber und Flüchtling um ihren „World Cup“. Was die Veranstaltung bringen soll, was es sonst noch zu sehen gibt und warum Asylbewerber es in Deutschland schwer haben, darüber sprach JUSTmag-Redakteur Sebastian mit Pressesprecher Martin Groß.
Sie ist ja überall ein Thema, diese Fußballweltmeisterschaft in Deutschland. Warum springt ihr auf den Zug auf?
Wir wollen das emotionale Feld Fußball als Angelhaken benutzen, um unser Anliegen transportieren zu können und mehr Gehör zu finden als sonst. Fußball ist ja was sehr universelles. Uns geht es nicht darum, die WM zu dissen. Es ist gerade allgegenwärtig und deswegen tun wir es genauso, wie du gesagt hast, wir springen auf den Zug ein bisschen auf.
Wie seid ihr auf die Idee gekommen, diese Veranstaltung auszurichten?
Wir haben die Gala zur WM-Auslosung im Fernsehen geguckt und Franz Beckenbauer hat immer wieder von diesem Motto gesprochen: Die Welt zu Gast bei Freunden. Und da haben wir gedacht, dass man das aufgreifen könnte. Ist Deutschland tatsächlich so ein gastfreundliches Land, wie es das Motto suggeriert? Wir haben das Motto also als Aufforderung verstanden, Menschen einzubeziehen, die sonst mehr Last als Gast sind.
Was versprecht ihr euch von der Veranstaltung?
Wir versprechen uns zwei Dinge davon. Erstens, dass wir eine Plattform schaffen, wo Menschen zusammenkommen können, die sonst nicht so viel miteinander zu tun haben. Menschen reinholen, die sonst eher im Abseits stehen. Und das wollen wir über den Fußball schaffen. Zweitens ist das Thema Fußball gerade zur Weltmeisterschaft ein Thema, das man auch medial ganz gut nutzen kann, wir hoffen also, dass eine Berichterstattung darüber entsteht.
Also wollt ihr auf das Schicksal der Asylbewerber aufmerksam machen?
Wir begreifen das nicht als vordergründig politische Aktion. Wir sagen nicht, dass uns das und das konkrete Gesetz nicht gefällt und das und das anders sein müsste. Wir wollen einfach eine Aufmerksamkeit schaffen für Menschen, die in dieser Gesellschaft sind, aber nicht besonders viel wahrgenommen werden. Insofern wollen wir auf das Schicksal aufmerksam machen, indem Menschen zusammen kommen und darüber sprechen, wie ihre Situation ist.
In den Medien sind Asylbewerber und Flüchtlinge ja kaum präsent und wenn, dann werden sie oft negativ dargestellt. Woran liegt das?
Einer der Gründe ist, dass man einfach zuwenig voneinander weiß. Die Leute, die ein Interesse daran haben, Asylbewerber und Flüchtlinge negativ darzustellen, haben deshalb ein ziemlich leichtes Spiel, eben weil der Rest der Gesellschaft nicht so viele Berührungspunkte hat.
Ich erlebe es selbst in meinem Umfeld, dass es einen gesellschaftlich akzeptierten Rassismus gegen Asylbewerber gibt, zum Beispiel in Aussagen wie „Wir kriegen beim Arzt die billigsten Medikamente und die kriegen alles bezahlt“ und „Die wollen ja nur unser Geld“. Wie entstehen solche Meinungen und warum halten sie sich?
Das ist wahrscheinlich die Angst vor dem, was man nicht kennt. Die Angst vor Fremden. Und dass man auch gerne nach unten austeilt. Ich kann dir das nicht soziologisch beantworten, aber so stelle ich mir das vor. Wenn man selbst Schwierigkeiten hat und keine Arbeit…
…aber es trifft auch auf Leute zu, die genug haben.
Ich kann das nicht erklären, woher das kommt, und ich finde es auch nicht gut. Unsere Veranstaltung ist ein klitzekleiner Beitrag dafür, dass sich das ändern kann. Natürlich bedarf es dazu viel mehr und natürlich bedarf es dazu auch einer politischen Arbeit, wie sie zum Beispiel Pro Asyl leistet, die auf konkrete Probleme aufmerksam machen. Was wir tun wollen, ist Menschen ansprechen, damit sie sich kennen lernen und dass die Leute, die du eben angesprochen hast, jemanden kennen lernen, der total nett ist.
Mich wundert nur, dass sich niemand über diesen verstecken Rassismus aufregt.
Das stimmt, aber das ist auch bei offenem Rassismus so. Selbst wenn man nicht der Meinung ist, lässt man aus Bequemlichkeit die Leute quatschen. Aber es ist ja durchaus mehr Zivilcourage angebracht, gerade wenn man sich so ein großspuriges WM-Motto gibt, das ja nicht nur das Motto einer sportlichen Veranstaltung ist, die Fußball-WM schreibt sich ja das ganze Land auf die Fahne. Da muss man sich natürlich fragen, ob das Motto auf Deutschland wirklich zutrifft.
Wie beurteilst du die Asylbewerber-Politik der Bundesregierung?
Ich komme wie die meisten von uns nicht aus der Asylarbeit. Ich kann dir das nicht genauer beantworten als jeder andere. Ich finde da schon vieles sehr problematisch. Ich finde es in Hamburg zum Beispiel problematisch, dass Afghanen abgeschoben werden in ein Land, das so viele Jahre Krieg hinter sich hat und sehr unsicher ist. Ich finde auch die Verfahren schlimm, zum Beispiel nachts abgeschoben werden ohne Ankündigung. Da sehe ich keine Notwendigkeit.
Aber von solchen Aktionen liest und hört man ja wenig.
Das stimmt. Es hat zum Glück gerade der Dokumentarfilm Abschiebung im Morgengrauen von Michael Richter einen Grimme-Preis gewonnen, der zum Beispiel genau das darstellt, wie so eine Abschiebung eigentlich von statten geht. Da stehen die Leute einfach ohne Ankündigung nachts um drei oder vier bei einem vor der Tür und dann hat man noch 20 Minuten Zeit, seine Koffer zu packen und dann geht es zum Flughaften oder erst ins Abschiebegefängnis und dann zum Flughafen. Das sind Methoden, die an ganz andere Zeiten erinnern.
Zurück zu eurer Veranstaltung: Glaubt ihr, dass die Medien über eure WM berichten werden, da ja alle mit der WM beschäftigt sind?
Wir sind da ziemlich sicher, also wir hoffen das natürlich sehr. Wir würden uns wünschen, dass die Veranstaltung wie gesagt so eine Art Angelhaken ist. Wir hoffen, dass die einzelnen Journalisten sich überlegen, was sie darüber hinaus berichten wollen. Vielleicht haben ja einige Interesse, einzelne Menschen und Spieler mal für ein paar Tage zu begleiten. Zum Beispiel: Der Torhüter der Siegermannschaft. Wie lebt der so? Kann der arbeiten? Kann der nicht arbeiten? Wo lebt der? Da gehen wir stark von aus, dass die Medien darauf anspringen werden. Es wäre ja auch schwierig, die ganze Zeit nur über Michael Ballack und so weiter zu berichten. Da haben wir bisher gute Resonanz bekommen.
Auch was die großen Medien betrifft?
Ja, lustigerweise kam die erste Anfrage von der Financial Times.
Glaubst du, dass eure WM dann eine Ergänzung sein kann zur großen WM und gar nicht unbedingt so als Gegensatz begriffen werden muss?
Das hängt ganz stark von den einzelnen Medien ab. Es wird Medien geben, die darüber berichten, welche Prominente dabei sind. Dann wird es Medien geben, die es in ihrer offiziellen WM-Berichterstattung bringen, und dann wird es Medien geben, die das als Aufhänger benutzen, um über die Lebensbedingungen von Asylbewerbern zu berichten.
Sehr ihr euch selbst als Alternative zur WM?
Natürlich spielen wir damit, aber wir sind eine kleine Veranstaltung. Wir sehen uns nicht als Gegenveranstaltung, wir freuen uns auch auf die normale WM. Ich freue mich auf unsere noch ein bisschen mehr, aber ich freue mich auch auf die normale WM. Es geht gar nicht darum, dass wir die WM blöd finden, das ist gar nicht unser Anliegen. Wir nutzen das ein bisschen aus, um eine andere Farbe reinzubringen.
Wer trägt das ganze?
Wir sind eine Initiative, die eigens dafür gegründet wurde. Wir sind circa 20 Leute und eine ganze Menge Sympathisanten, die an einzelnen Punkten mithelfen und Kontakte herstellen. Viele Journalisten sind dabei, Künstler, Schauspieler und Designer. Darüber hinaus, versuchen wir natürlich noch, Sponsoren zu finden, und das ist gar nicht so einfach. Wir haben ein bisschen den Eindruck, dass die Geschäftswelt ein bisschen Berührungsängste hat, weil sie eben denkt, dass wir da so eine Spielverderber-Position einnehmen, aber das ist gar nicht unser Anliegen. Ich möchte also hier noch mal die Leute dazu aufrufen, uns zu unterstützen.
Da du gerade vom Angelhaken gesprochen hast, wer ist denn der Wurm, der die Leute anlocken soll?
Ich kann noch nicht mit vielen Namen aufwarten. Zum Beispiel einige Schauspieler vom Wunder von Bern wie Sascha Göpel, der Helmut Rahn gespielt hat, und Holger Dexne. Es gibt noch ein paar Thalia-Schauspieler, die Band Soulounge tritt auf jeden Fall auf und eine andere Band, die ich momentan noch nicht nennen kann. Es kann sein, dass wir den Namen dieser Band vorher gar nicht sagen können, sondern, dass die als Überraschung auftritt. Dass sie auftritt, ist sicher und es ist auch eine ziemlich bekannte Band.
Eine Hamburger Band?
Es ist eine deutsche Band [lacht].
Da gibt es ja nicht so viele Kandidaten.
Du kannst ja rumüberlegen, wen es da geben könnte [lacht]. Ich würde es dir echt total gerne sagen, aber ich kann es leider noch nicht.
Was kann der Besucher außer Fußball erleben an diesen vier Tagen?
Also tagsüber schon hauptsächlich Fußball und für Abends arbeiten wir an einem Rahmenprogramm, da sind wir beispielsweise mit dem Thalia-Theater im Gespräch und da wird es jeden Abend unterschiedliche Veranstaltungen geben. Wir planen einen Abend zu machen, bei dem es ein thematisches Fußballstück ähm ein thematisches Theaterstück zum Thema Fußball geben wird. Ein anderer Abend wird dann mehr Richtung Asyl gehen. Wir versuchen, die Balance von Fußball und Asyl hinzukriegen. Blöderweise hatten wir die Idee ein bisschen zu spät. Man hätte da vor einem Jahr mit anfangen sollen. Das macht manches ein bisschen schwierig. Vieles wird erst kurz vorher passieren.
Es gibt ja auch vom DFB und von der FIFA immer wieder Aktionen, die mit Ausländern zu tun haben, zum Beispiel „Mein Freund ist ein Ausländer“ vor ein paar Jahren. Und dann gibt es ja das WM-Motto „Die Welt zu Gast bei Freunden.“ Findest du so was scheinheilig?
Ich finde zunächst Mal alle Aktionen gut, die sich gegen Rassismus richten. „Die Welt zu Gast bei Freunden“ sehe ich nicht als Kampagne, das ist eher ein Slogan, der was anderes ausdrücken soll. Aber ich finde es gut, wenn wir uns so wahrnehmen. Ich kann zwar die Motive der einzelnen Leute nicht nachprüfen, die diese Aktionen machen, aber wenn sie was bringen, finde ich das super.
Aber glaubst du nicht, dass das reine Imageprojekte sind?
Selbst wenn sie es wären, finde ich es nicht schlimm. Dann hängen die Plakate im Stadion und sprechen den ein oder anderen an.
Also ist eure Veranstaltung keine Kritik an der Politik von DFB und FIFA, also dass die zu wenig machen?
Die können gerne noch mehr machen. Wir sehen das Motto als Aufforderung, selber aktiv zu sein. Man kann ja gut auf andere schimpfen. Da haben wir uns gedacht, mal selber was zu machen. Deswegen würde ich alle auffordern, was in die Richtung zu machen. Aber ich sehe unsere Veranstaltung nicht als Kritik.
Aber das könnte man ja denken. Denn eure Veranstaltung zeigt ja, dass eben nicht alle als Gast erwünscht sind.
Insofern ist es natürlich eine politische Aktion, aber sie wird von uns nicht so verkauft, sondern sie kommt eher hinten herum. Und sie wird auch von den Leuten verschieden wahrgenommen. Es gibt auch Leute, für die steht einfach nur im Vordergrund, dass Fußball gespielt wird, und das ist auch vollkommen okay. Wir wollen keine Aktion mit einem bestimmten Statement machen, sondern eine Aktion, die eine gewisse Offenheit hat. Die man als politische Aktion wahrnehmen kann. Wir machen ja nicht irgendein Fußballturnier, wir machen eines mit Asylbewerbern und Flüchtlingen, aber wir machen es über den Umweg einer nichtpolitischen Aktion.
Warum sollte ich vom 17. bis 20. Juni den Platz vor meinem Fernseher verlassen, um mir die WM der Asylsuchenden anzugucken?
Weil du da mit echten Menschen in Verbindung kommen und die kennen lernen kannst und weil der Fußball bei uns zwar nicht ganz das Niveau haben wird wie im Fernsehen, aber es wird eine Veranstaltung sein, die trotzdem sportlich und sozial interessant ist.
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Sebastian Dalkowski
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