 „Nie wieder so etwas zulassen!“
Es muss irgendwann Mitte der 90er gewesen sein, als die Bürgersteige plötzlich nicht mehr sicher waren. Die Menschen wollten skaten, inline-skaten. Erst waren es nur die Draufgänger, die 16-Jährigen mit ihren kaputten Hosen und ihrem fehlenden Respekt vor Geländern und hohen Treppenabsätzen, dann stiegen auch die Eltern ein, die nicht den Kick wollten, sondern nur nach Alternativen zum Joggen suchten. Was heute der iPOD ist, war damals Inline-Skaten: Ein Generationen übergreifender Hype. Und was ist jetzt, zehn Jahre danach? Viel hört man ja nicht mehr. Sebastian sprach mit Kai Weise über die Entwicklung. Kai Weise war Chefredakteur des Aggressive-Magazins Roll2Soul, bis dieses nach acht Ausgaben seinen Betrieb einstellte, weil das Geld fehlte.
Die Suche nach einem Interviewpartner hatte ich mir leichter vorgestellt. Ich wollte einfach den Chefredakteur einer Inline-Zeitschrift interviewen. Ich musste aber feststellen, dass es die Magazine meiner Jugend gar nicht mehr gab, beziehungsweise überhaupt kein Magazin mehr für Skater, vor allem was Aggressive-Skaten betrifft. Was ist da in den letzten Jahren passiert mit Magazinen wie Skate usw.? Und warum hat Euer Magazin nur so kurz existiert?
Mitte der 90er Jahre gab es zeitweise bis zu fünf Magazine die sich ausschließlich mit dem Aggressive-Skaten beschäftigten. Davon blieb später nur noch die Inline* übrig, die dann mit der damals auch recht leidlich existierenden Skate verschmolzen wurde. Das hieß aber auch eine Zusammenlegung der Themen, Aggressive, Fitness und Speed. Das hatte allerdings keine Zukunft, wie sich recht schnell herauskristallisierte. Somit wurde Anfang 2003 der Aggressiveteil ganz gestrichen. Dies war für mich dann der Zeitpunkt, um die Inline zu verlassen, die ich vorher fast ein Jahr lang als Chefredakteur betreut hatte. Zwei Ausgaben wurden dann noch fertiggestellt und das Magazin dann eingestellt. Ich war derweil mit einem ehemaligen Fotografen der Inline dabei, die Roll2Soul vorzubereiten. Im März 2003 war es dann soweit, die erste Ausgabe mit Dre Powell als Titelinterview kam in die Kioske des deutschsprachigen Verteilungsgebietes. Es folgten sieben weitere Ausgaben, bis ich im März 2005 die Entscheidung gegen eine Weiterführung treffen musste. Das Magazin war einfach zu weit davon entfernt, sich auch nur annähernd selbst zu finanzieren. Die Verkaufszahlen waren gut, doch der Anzeigenumsatz stimmte nicht.
Spiegelt der Niedergang der Magazine auch die allgemeine Entwicklung des Inline-Skatens wider?
Nein, das denke ich nicht. Rollerbladen ist seit ein paar Jahren ein reiner Undergroundsport und findet vor allem auf den Straßen und im Internet statt. Die Anzahl derer, die es betreiben, ist allerdings zu klein, als dass ein Magazin auf deutsch eine Überlebenschance hätte. Inline-Skaten allgemein ist nur von den Verkaufszahlen eingebrochen, die Aktivenzahl verringerte sich nur marginal. Das Problem liegt daran, dass die riesige Anzahl an „Hobbyfahrern“ nicht konsumiert. Die Skates sind hochwertig und halten daher ziemlich lang. Nachkäufe sind somit selten. Der Markt ist einfach gesättigt.
Was ist vom Boom der 90er Jahre übrig geblieben? Wo geht noch was und welche Bereiche haben ziemlich verloren?
Vom Boom der 90er ist eigentlich nur die Erkenntnis übrig geblieben: Nie wieder so etwas zulassen! Aggressive-Skaten war ein Witz, als es in den Medien war. Voll gepanzerte, quietschbunte Clowns, die sich mit unstylishen Tricks lächerlich gemacht haben. Natürlich gab es auch damals schon eine Menge extrem guter Skater, diese sind nur selten auf den medienträchtigen Contests aufgetaucht. Vom Inlinehockey habe ich seit Ewigkeiten nichts mehr gehört und Speedskaten ist etabliert, die großen Companies haben ihre Teams und es gibt eine Menge Skater, die sich als Pros ihre Brötchen verdienen. Das ist Sport, wie ihn sich die Bosse in den Skatecomps wünschen. Glatt, ohne Ecken und Kanten und doch spektakulär, denn wie auch im Aggressivebereich sind Schützer dort verpönt. Wer sich bei 60 km/h in einer Kurve ohne Schützer legt, der muss schon ziemlich was aushalten können und große Risikobereitschaft mitbringen. Aber um das Ganze zu einem Abschluss zu bringen: Die frühen 90er waren sozusagen die Pubertät des Aggressive-Skatens, man probiert viel aus, zieht sich dämliche Klamotten an und benimmt sich daneben. Aggressive-Skaten ist erwachsen geworden. Zurückhaltender, abwartender aber vor allem viel, viel reifer.
Worin siehst du die Gründe für das heutige Desinteresse der Medien am Skaten?
Das ist recht einfach. Viel zu viel Geld in viel zu kurzer Zeit. Es ist ähnlich wie mit „One Hit Wondern“ in der Musik. Ist ihr Song ein Hit, landen sie in den Charts und nach kurzer Zeit ist der Ruhm vorbei und sie verschwinden in der Versenkung. Musik machen sie wahrscheinlich weiter, nur interessieren tut es keinen mehr. Ihre Musik mag besser werden mit der Zeit, das Handwerk vervollständigt werden. Trotzdem bleiben Sie das One Hit Wonder von dann und dann. Der ganze Aggressivemarkt war in den falschen Händen. Es gab Contests, die komplett von industriefremden Firmen veranstaltet wurden, dementsprechend sah es dann auch aus. Leute, die als fahrende Fantaflaschen eine Halfpipe runterfuhren oder Streetskater, die Slalom durch aufgestellte Plastiklionriegel fuhren. So etwas macht das „Image“ eines Sports schneller kaputt als man gucken kann. Natürlich war das amüsant und jeder hat mitgemacht, aber nur weil wir es einfach nicht besser wussten. Das ist inzwischen anders.
In unserem Ort haben wir uns Mitte der 90er für den Bau einer Halfpipe eingesetzt. Zwei Jahre später war sie ziemlich vergammelt, weil die Gemeinde sich nicht mehr drum gekümmert hat. Ist das ein Einzelfall oder ist es ziemlich typisch, dass viele Parteien/Städte zwar mit dem Bau von Skateranlagen geprahlt haben, sich nach der Fertigstellung aber nicht mehr drum gekümmert haben?
Ja, das ist meiner Meinung nach auch so eine Leiche aus dem Riesenhype. Die Ämter wollten der Schwemme der Streetskater (die ja alles kaputtmachen) Herr werden und bauten denen dann Rampen und Parcours. Sehr gute Idee, nur dann flaute das Ganze sehr ab und der Skateboardhype, der vor fünf Jahren einsetzte, konnte die massive Inlinepräsenz von ein paar Jahren zuvor nicht annähernd ersetzen. Das ist aber ja auch nur eine Seite der Medaille, natürlich müssen sich die Skater auch selbst darum kümmern. Ihnen obliegt auch eine große Verantwortung, die aber gern an die oberen abgeschoben wird.
So, kommen wir zur Zeit des Booms. Was sind deine Erinnerungen an diese Zeit, was Skaten betrifft?
Ich habe 1993 angefangen zu skaten, da gab es nur sehr wenige Skater in Deutschland. Ich habe oben ja bereits ausgeführt was dort abging, klar war es toll, dass jeder zweite Skater gesponsort wurde. Auch ich war kurzzeitig von K2 gesponsort, bin später für Roces Halfpipeshows gefahren und bei BMW-Autohauseröffnungen über Autos gesprungen. Dabei war ich nie besonders gut darin. Aber man hat eben genommen, was man bekommen konnte. Heutzutage würde ich Leute suchen, die das möglichst am besten können und dementsprechend meinen Sport am besten repräsentieren. Ich bin zu der Zeit wahrscheinlich mehr geskatet als ich zur Schule gegangen bin. Jeden Tag fünf bis sechs Stunden auf unsere „Homerampe“ oder dem Parkplatz eines grossen Möbelhauses auf dem wir uns einen kleinen Parcours mit Geländern und Jumpramps gebaut haben. Ich habe damals noch nicht darüber nachgedacht, was wohl passieren kann, wenn man mit 70 km/h hinter einem Auto hängt oder 46 Rolltreppenstufen gegen die Fahrtrichtung runterkachelt. Das war eine der schönsten Zeiten meines Lebens. Alles hat so viel Spaß gemacht!
Was denkst du, hat die Jugendlichen damals am Skaten fasziniert, vor allem am Aggressive-Skating?
Es war neu, es war einfach und es war für damalige Verhältnisse spektakulär. Und vor allem: Jeder hat es gemacht.
Und wie war das, als plötzlich jeder skatete, also quasi auch die eigenen Eltern? Wie haben die Jugendlichen die Vereinnahmung des Skatens durch eine andere Generation aufgenommen?
Wir als Aggressive-Skater haben uns ja immer bewusst von den Hobbyskatern oder „Im- Kreis-Fahrern“ abgegrenzt. Ich habe da damals nicht drüber nachgedacht, erst später, als ich tagtäglich mit dieser Verallgemeinerung konfrontiert wurde, habe ich mich darüber geärgert, dass die Menschen so eindimensional denken. Es kann auch jeder Fahrrad fahren und trotzdem ist BMX eine anerkannte Extremsportart.
Wie sieht die Zukunft fürs Inline-Skaten aus?
Wenn ich das wüsste… Ich glaube, wir werden uns mit der Zeit einen festen Platz im Extremsport erarbeiten. Inline ist in vielen Belangen so viel härter geworden als andere „etablierte“ Sportarten. Uns fehlt noch die finanzielle Basis, um unsere Events vernünftig zu vermarkten und die Kenntnis der Verantwortlichen bei den Medien. Wir haben vor drei Jahren gedacht, es kann nicht noch riskanter werden, dann gibt es bald die ersten Toten. 2005 haben sich meines Wissens nach fünf Skater bei Stürzen auf den Kopf ins Koma gefahren und etliche teilweise sehr schwer verletzt. Es gibt Skater, die Tricks auf acht Meter hohen Rails machen, aus Häusern springen oder über vierspurige Straßen Spins machen. Das sind Dinge, dafür fehlt selbst mir das Verständnis. Alles ohne Protection versteht sich. Das ist nicht cool, das ist dumm, ist aber ein Indiz dafür, wie unglaublich ernst die Leute ihren Sport nehmen.
Ich habe meine Skates ja noch und nehme mir ständig vor, mal wieder zu fahren. Nenn' mir doch mal ein paar Gründe, warum ich mit dem Warten keine Zeit verlieren sollte?
Das kann ich dir nicht beantworten. Ich kenne dich nicht. Für mich ist skaten wie Musik. Sehr situationsabhängig. Manchmal muss ich mich irgendwo runterstürzen, mit der Kenntnis, dass das weh tun wird. An anderen Tagen ziehe ich mir meine Skates an, setze mich hin, schließe die Augen und höre einfach nur den Klängen der anderen Skater zu. Jeder soll seine eigene Definition finden, warum er sich auf die Rollen stellt. Ob es das Adrenalin ist, das dich aufpeitscht, bevor du einen bisher unmöglichen Trick angehst. Ob es der Schmerz ist, der dich bestraft, wenn du dich überschätzt hast, oder die liebliche Erschöpfung, die man nach einem Skatetag spürt. Es gibt 100.000 Gründe dafür, es zu tun. Aber mindestens genauso viele dagegen. Es ist deine Entscheidung.
Bist du selbst noch aktiv?
Ja, aber bei weitem nicht mehr so oft und so intensiv wie früher. Aber seit ich mit Roll2Soul aufgehört habe, macht es mir wieder unglaublichen Spaß. Ich werde nächstes Jahr 30 und trotzdem mache ich noch Dinge, bei denen manche sagen, ich sei zu alt für sowas. In solchen Momenten weiß ich: Ich tue das richtige. Nämlich das zu leben was ich liebe. Scheiß auf die Sesselpuper, die zu Hause vor ihrer dunkelbraunen Schrankwand sitzen und TV Total gucken.
Was ist für dich der größte Skater-Trick aller Zeiten? Und wie funktioniert er?
Haha, mein Lieblingstrick ist der so genannte Sweatstance. Den kann ich immer und überall! Skatetricks kann man nicht erklären. Dazu brauchst du Bilder.
Sebastian Dalkowski
Kommentare
| Richy Sedlar schrieb am 20.09.2007 um 01:06 Uhr: |
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Ja, da spricht jemand dem es genaus so ergangen ist wie vielen von Uns!!! Hängengelassen… Allerdings möchte ich zu ein paar dingen auch meinen Senf dazu geben! Ich skate jetzt schon seit 1991 auf Inlines, und kenne noch die Zeit in der Wir angesehen wurden, als ob wir mit Kinderspielzeug spielen! Ich habe den Boom live mit erleben, und Genießen dürfen (Es war eine geile Zeit !), aber leider habe ich auch die Zeit danach mit erlebt, der Boom ging zurück und Wir wurden von unseren eigenen Skatefirmen fallengelassen, und danach immer mehr in den Hintergrund „Gedrängt“!!! Ja der Markt mag wohl gesättigt sein!!! Was das kaufen von neuen Blades betrifft!, nicht aber was die Faszination für unseren Sport ausmacht, die ist nach wie vor da! In jeder Gemeinde in der wir Shows haben, gibt es „Inline Aggro Skater“, Aber was uns wirklich fehlt sind Vorbilder, möglichkeiten unseren Sport auszuüben (vernümpftige Skateanlagen in Gemeinden!) und auch Unternehmen die Events und Skater wieder unterstützen… Aber vorallem sollten wir wieder lernen alle zusammen zu halten! Von Was ich wirklich Genug habe sind sprüche wie:„ Scheiß Streetskater, scheiß Vertskater, oder Hockey, fitness und Speedskater. Inline Pros die sich über Anfänger lustig machen. Auch von manchen Skateboard Firmen, die Eventveranstaltern sagen:“Wir stellen einen Skatepark hin bzw. eine Half-Pipe, aber Inliner dürfen nicht drauf!" Wenn man es mal anders sehen will, war Skateboard vor ein paar Jahren noch Underground, und vielleicht wäre es ohne den Inline-Boom so geblieben?! Aber ich will hier nicht über die Skateboader schimpfen, es gibt unter Ihnen genug Boarder die uns Respektieren, aber leider auch schwarze schafe, die gibt es aber auch bei uns! INLINE, SKATEBOARD,BIKEN,SNAKEBOARD oder FMX, Jede dieser Sportarten verdient respekt!!! Ja unser Sport ist Erwachsen geworden, Jetzt müssen wir aber auch lernen Erwachsen zu handeln,Jeder von uns hat die Verantwortung wie es mit unserem Sport weiter geht und erst wenn […]
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| lui schrieb am 26.06.2006 um 08:58 Uhr: |
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Ich finde es ist an der Zeit für alle „alten“ ihre Skates wieder aus dem Kasten zu holen und wieder skaten zu gehen. Viele jungen Rollerbladern fehlen die älteren die sie beraten und ihnen zeigen wo es lang geht!
www.austrianinline.net
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| Julius schrieb am 25.06.2006 um 22:56 Uhr: |
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Geiles Interview…I love rollerblading! und ich glaube daran das es einen festen platz einem wird!!!!!
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| paper schrieb am 25.06.2006 um 21:29 Uhr: |
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schönes interview ! rollerblading lebt!
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| bjoer.n schrieb am 02.02.2006 um 23:13 Uhr: |
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Schoenes Interview. Man denkt an die fruehen Neunziger zurueck wo man auf dem Table der Miniramp sass und Smells like teen spirit aus dem Ghettoblaster klang. Skaten war ich auch schon ewig nicht mehr.
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