 „Die Schuhe sind mir scheißegal.“
Julia Hummer über Heimweh, Ikea-Möbel und Schuhregale.
Ein Zimmer, geschätzte 50 Quadratmeter groß, plus extra Bad und Küche und ein langer Flur. So sieht die Wohnung von Julia Hummer aus. An der einen Wand ein repräsentativ-großes Bücherregal (wo aber nicht nur Bücher stehen), im Flur ein Berg mit Schuhen. Eine Kleiderstange, wie sie wohl jeder hat und Platz für ein Bett, das sie erst noch kaufen muss. Denn sie ist gerade erst umgezogen. Wieder einmal. Man könnte behaupten, dass Julia Hummer schon oft umgezogen ist — wenn nicht sogar sehr oft. Das ist ein Grund, weswegen ich mit ihr über das Thema Zuhause sprechen möchte.
Wir treffen uns in einer Kneipe in Leipzig, wo sie etwas gegen ihren Hunger tun kann, den sie sich nach dem Soundcheck für ihr Konzert heute Abend redlich verdient hat. Sie wirkt etwas müde und etwas heiser ist sie auch. Da hilft auch der dicke Schal nicht. Deshalb bestellt sie einen Salat. Der ist gesund. Das Bier und die Zigarette müssen trotzdem sein. Und das ist nur einer der vielen kleinen Wiedersprüchlichkeiten bei Julia Hummer, die mir auffallen: Im Interview ist sie unglaublich bodenständig und direkt. Auf der Bühne schwankt sie zwischen ironisch-provozierenden Ansagen („Ach, ihr im Publikum, ihr könnt jetzt wieder reden, das macht ihr doch eh schon die ganze Zeit“) und ganz ruhigen, berührenden Liedern. Im nächsten Moment nimmt sie die Gitarre fast auseinander, die viel zu groß für sie scheint und wie ein überdimensionaler Fremdkörper an ihr hängt. Es gibt aber noch einen Grund, warum ich gerade Julia Hummer zum Thema Zuhause befrage: Ein Interview, das sie für das Interviewmagazin Galore [Volume 12, Oktober 2005] gegeben hat.
Du hast in dem Interview gesagt, dass für Dich die angenehmste Ausnahmesituation die Tour ist. Du vermisst auch nicht mal ein gemütliches Wochenende, wenn Du unterwegs bist.
Tour ist ja ein gemütliches Wochenende, wenn man es so sieht. Das ist so mein Wochenende ein bisschen.
Also ich verbinde mit einem gemütlichen Wochenende: nicht vor 12:00 aufstehen und dann ein dreistündiges Frühstück. Das macht ihr auf Tour aber bestimmt nicht.
Nee. (lacht)
Eben! Aber das vermisst Du auch nicht?
Für mich ist das Frühstück dann eher der Soundcheck, das live spielen. Das ist für mich entspannend.
Im Fragebogen hast Du Gitarren als eines der Dinge genannt, die auf Tour mit müssen und Du hast auch in jedem Zimmer Deiner Wohnung eine stehen…
Naja, auf dem Klo ist keine. Ansonsten ist das ja nur ein riesen Raum und dann in der Küche halt. Da steht noch eine.
Gibt es in Deiner Wohnung noch etwas, das so präsent ist, wie Gitarren oder Musik?
Das Klavier. Das Bücherregal, das ist ziemlich präsent. Mein Heimstudio, das ganze Equipment, Kabel über Kabel. Und — oh ja — ich hab ziemlich viele Schuhe.
Macht das dann auch Dein zu Hause aus? Musik? Auf jeden Fall eher so etwas abstraktes?
Die Musik auf jeden Fall. Die Schuhe sind mir scheißegal. Und für mich ist zu Hause eher so ein Gefühl. Wenn ich Musik machen kann, Songs schreiben kann. Es ist also tatsächlich eher abstrakt. Kein Ort. Es können auch Momente sein oder Gesten.
Gibt es dann etwas spezifisches — einen Gegenstand, einen Geruch oder ein Geräusch — das Du mit zu Hause verbindest?
Ältere Folk- und Bluesmusik. Das auf jeden Fall.
Haben Dich da Deine Eltern geprägt? Hast Du Dein Elternhaus auch schon als zu Hause empfunden?
Nee. Also klar, wenn man so lütte, klein ist, dann merkst Du ja gar nicht, dass Du zu Hause bist, weil Du da ja schon da bist. Als Kind nimmt man das gar nicht so als zu Hause wahr. Oder ich hab das nicht gemacht. Da hab ich halt gewohnt.
Du bist ja auch schon mit 14 Jahren ausgezogen. Würdest Du das Deinen Eltern zum Vorwurf machen. Hätten sie Dir mehr ein Gefühl von zu Hause vermitteln müssen?
Nee. Das überhaupt nicht. Klar, ich hatte auch mal so Phasen, wo ich auch mal andere Probleme hatte als andere, die auch damit zusammenhingen, dass ich nie so einen Fixpunkt hatte, wo ich mich auch entspannen konnte. Das gab es halt eine ganze Zeit nicht. Jetzt hab ich das wieder.
Was ist heute Dein Fixpunkt? Die Musik. Unterwegs-Sein. Meine Freunde. Meine Familie.
Hat zu Hause vielleicht auch die Aufgabe, dir diesen Fixpunkt und Halt zu geben?
Das weiß ich nicht. Manchmal gibt es ja auch so Gesten, die macht man. Und da merkt man, die hat man von seinem Vater oder seiner Mutter. Gene halt. Wenn man sich abends ins Bett knallt und die Beine übereinander schlägt, zum Beispiel. Oder wie man sich am Kopf kratzt. Das finde ich dann immer voll cool. Da freue ich mich immer.
Hier kommt das Gespräch etwas ins Stocken, weil wir erst mal klären müssen, was wir genau unter zu Hause verstehen. Zu Hause als ein abstraktes Gefühl zu beschreiben, ist eben noch nicht ganz erschöpfend. Wir einigen uns dann darauf, zu Hause mit Herkunft zu umschreiben. Und dann kann es weitergehen mit dem Elternhaus.
Es muss Dich sicher auch ziemlich geprägt haben, dass du schon als Kind so oft umgezogen bist. Du bist bei Deiner Mutter aus- und zu deinem Vater gezogen. Du warst in einem Jugendwohnheim…
Das hat für mich sehr viel Gutes gebracht. Wenn man so oft umzieht, hat man nicht so viel Plunder. Man hat nicht so viele Sachen, weißt Du? Du reist sehr viel herum. Du lernst sehr viele Leute kennen. Du machst immer wieder neue Erfahrungen. Du hast immer neue Verantwortung zu tragen. Du lernst sehr schnell und sehr viel und Du wirst auch sensibel für die Sachen, die Du lernen möchtest beziehungsweise musst.
Hat dir das vielleicht auch andere Werte mitgegeben? Dass du andere Prioritäten setzt und nicht so materialistisch bist?
Ja sicher. Das ganze Herumreisen hat mir natürlich beigebracht, dass man nichts weiter besitzt außer seinem Leben. Oder seinen Träumen und Wünschen, wenn man das so romantisch sagen will, meinetwegen.
Sieht man das in deiner Wohnungseinrichtung dann auch? Dass du zum Beispiel sehr spartanisch wohnst?
Na klar. Ich wohne da ja jetzt erst seit kurzem. Seit drei Wochen ist das keine Baustelle mehr. Wenn ich nach der Tour wieder komme, muss ich erst mal schauen, wie es jetzt aussieht.
Was ist das denn für eine Wohnung? War da noch so viel umzubauen?
Ja, ich habe tatsächlich eine zeitlang auf einer Baustelle gewohnt. Es musste eine Toilette, das ganze Bad reingebaut werden und Küche.
Und warum bist Du eigentlich umgezogen?
Weil mir die alte Wohnung zu teuer war. Und die neue Wohnung ist sehr günstig und weil da auch viele Freunde von mir wohnen, die auch Musiker sind und da wir in dem Haus alle Musik machen, kann man auch so laut machen wie man will.
Julia Hummer wohnt jetzt zwischen Schneider TM und einem Klavierstimmer. Da auch ein Techno-Produzent im Haus wohnt, hört man auf den neuen Heimaufnahmen von Julia Hummer auch diverse Beats zur Gitarre. Denn so dick sind die Wände dort nicht.
Du ziehst also gerne um?
Das war früher echt schlimm. Wenn ich nach drei Monaten nicht umgezogen bin, war ich kribbelig. Aber jetzt bin ich etwas ruhiger geworden. Ich hab ja auch ein Klavier. Wenn ich da alle drei Monate umziehen würde, dann wäre das bald schrott. Deswegen bin ich jetzt auch daran interessiert, mir ein Bett zu kaufen. So ein richtiges Bett, das voll schwer ist. Damit ich auch erst mal nicht mehr umziehen kann. Für mich ist das auch gerade so eine Zeit, wo ich mich nach der Tour darauf freue, mir meine Wohnung so richtig schön einzurichten. Mein Studio aufzurüsten…
…sesshaft zu werden?
Sesshaft geht nicht. Touren ist da ein Trostpflaster. Trotzdem: ich fang ich an zu denken: Ich hab Bock, mir meine Wohnung schön zu machen. So dass ich mich konzentrieren kann, dass ich arbeiten kann. Dass ich mir meinen eigenen Fixpunkt mache. Dass ich nicht mehr in irgendeiner Weise von irgendjemand abhängig bin. Es geht auch um Freiheit. Das ist für mich zu Hause. Freiheit.
Die Freiheit, machen zu können, was du möchtest?
Nee. Die Ruhe zu finden, wann und wie ich möchte. Das ist ja die größte Freiheit überhaupt, die man haben kann.
Dann ist zu Hause also auch eher situations- und personenabhängig und wird weniger vom Ort bestimmt?
Ja, und da sind wir wieder beim Abstrakten. Dass man sagt: Es ist eher ein Gefühl zu Hause zu sein
Hast Du Dir das damals bei Deinen Eltern frei gewählt, dass Du nicht so diesen Fixpunkt hattest und eher immer rumgereist bist?
Ich habe das frei gewählt.
Warum? Was war der Grund dafür?
Der Grund war einfach, dass ich mich nicht zu Hause gefühlt habe.
Was hat Dir gefehlt?
Wenn Du das Gefühl nicht kennst, merkst Du ja nicht, dass etwas fehlt. Das Fernweh setzt irgendwann ein und dann ist man auch schon los.
Jetzt kommt auch der Salat und damit ist Julia Hummer erst mal abgelenkt, denn sie hat schon die ganze Zeit Hunger. Vielleicht lässt sie sich aber auch ganz gerne ablenken, denn so philosophische Themen liegen ihr nicht. Und ich wollte jetzt eigentlich darüber sprechen, ob man sich sein zu Hause frei wählen kann. Also steigen wir dann doch besser mit der Tour wieder ein.
Es ist bestimmt ziemlich anstrengend, jeden Tag woanders aufzuwachen. Vermisst du nicht das Gefühl, in deinen eigenen vier Wänden aufzuwachen?
Nee. (lacht) Bei mir ist es auf Tour ehrlich gesagt eher immer so, dass ich aufwache und denke: Ach geil. Tour.
Verliert man nicht aber auch ein bisschen das Gefühl für Raum und Zeit, wenn man immer unterwegs ist?
Ach komm. Wir sind jetzt gerade mal zwölf Tage unterwegs. Wir wollen mal nicht übertreiben. Wir werden sehen, wenn wir länger auf Tour sind. Aber das weiß ich noch nicht. Ich bin ja eher noch ein totaler Anfänger. Keith Richards sagt wohl eher: Wart's mal ab. Irgendwann willst Du einfach nur noch nach Hause. Da willst Du auch nicht mehr mit Deinen Bandkollegen reden.
Soweit ist es bei Julia Hummer aber noch nicht. Sie trifft sich mit ihren Too Many Boys auch nach der Tour noch auf ein Bier. Vielleicht auch in ihrer neuen Wohnung, wenn die fertig ist. Eines findet man dort übrigens nicht: Ikea-Möbel. Denn Julia Hummer unterstützt lieber die kleinen Geschäfte. Und auch eine Eckbank, deren Polsterüberzug zum Schutz mit Klarsichtfolie überzogen ist, wird man vergeblich suchen. Julias Mutter hat das mit der Bank in der Küche gemacht und daran erinnert sich Julia mit Schrecken.
Kerstin Petermann
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