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Interview mit Die Sterne

„Man kann mit Kompromissen leben, aber da kommt keine gute Musik bei raus.“

Die Sterne sind auf Tour und machen Disko! JUSTmag hat sie in Wien getroffen und mit ihnen über ihren neuen Sound, über die nicht existente Hamburger Schule und über das Ausgehen gesprochen. Und über Mobys nackten Oberkörper.

Wie läuft die Tour bis jetzt?

F (Frank Spilker): Super! Wir sind jetzt gerade so an nem Punkt, wo wir super zusammen spielen, ohne dass wir zu abgefuckt und abgestumpft sind, dass man das so abspult, also ich finde es gerade einen tollen Zeitpunkt für die Tour.
Es ist aber auch anstrengend, wir waren jetzt zwei Tage nur unterwegs mit einem kurzen Zwischenstop in München, rund um die Uhr mit acht Leuten im Bus…

Was sind Eure persönlichen Highlights unterwegs, wofür lohnt es sich trotz der Anstrengung dann immer wieder doch, auf Tour zu gehen?

C (Christoph Leich): Ich mach tatsächlich gerne Musik! lacht.
Mit dem Ausgehen ist das halt so: bei solchen Touren kann man das nicht jeden Tag.
F: Das ändert sich auch mit dem Alter..

Darauf komme ich gleich noch zu sprechen..

F: Ich wollte da nicht vorgreifen…das Schöne ist: wir können ja auch beim nächsten Interview nach zwei Jahren noch über das Alter reden. (lacht).

Ihr wart vor kurzem erst in Wien beim FM4-Fest. Frank, du warst der einzige, der nur im Hemd aufgetreten ist! Wir sind da im Publikum vor Ehrfurcht und Kälte erstarrt.

F: Wir haben uns daran erinnert, dass wir vor zehn Jahren schon mal auf dem Fest gespielt haben und dass Moby da aufgetreten ist mit nacktem Oberkörper. Das war das Jahr, wo es genau so kalt war. Deswegen musste ich wenigstens nur im Hemd auftreten.

Du konntest ja auch tanzen, um nicht zu frieren..

F: Ja, das ist das Neue an unserem Programm, dass ich nicht mehr so an die Gitarre gefesselt bin.

Wie ist das eigentlich für dich, wenn du auf der Bühne tanzt? War das schon immer so, dass du dich damit so wohl gefühlt hast?

F: Ja, ich konnt's halt nicht! Deswegen hat das keiner gesehen, deswegen musste ich mich da nicht vor fürchten. Jetzt muss ich halt Kritiken lesen, die mich die tanzende Einbauschrankwand nennen. Tatsächlich finde ich diese Animositäten in bezug auf Tanz und Extase ein gesellschaftliches Problem.

Inwiefern?

F: Es ist überhaupt nicht schlimm, sich wie ein Idiot zu benehmen. Das ist immer noch amüsanter als in der Ecke rumzustehen.

Auf jeden Fall! … Als ich eure neue Platte gehört habe, dachte ich, jetzt hat der Keyboarder ohne Ende zu tun, aber er ist gar nicht mehr dabei, wie kommt das?

C: Das hätte er auch haben können…
Das liegt daran, dass es zwei Keyboarder waren. Unser Produzent hat auch noch Keyboards gespielt. Wir fanden zu einem Zeitpunkt der Produktion, dass Dinge noch nicht ausgereift waren, dass vielleicht hier noch ne Fläche fehlte und da noch ein Schnörkel, und genau an dem Punkt sind sich die beiden Keyboarder dann nicht einig geworden.

Und dann habt ihr sie beide gefeuert.

F: Dann haben wir sie beide gefeuert. Wobei: der Produzent ist ja nicht unser Keyboarder, der hat die Platte produziert und ein paar Ideen dazu beigetragen. Wir haben damit im Grunde einen lange schwelenden Konflikt gelöst, weil das mit Richard (v.d. Schulenburg, Anm.d.Red.) eigentlich bei jeder Produktion so war, dass wir irgendwann wirklich große Schwierigkeiten hatten, uns überhaupt mit ihm zu einigen und ich bin der Meinung, dass das eine Band ausmacht, dass man sich auf etwas einigen kann. Man kann zwar mit Kompromissen leben, aber da kommt keine gute Musik bei raus. Dann muss man das einfach einsehen, dass das nicht geht.
T (Thomas Wenzel): Bei dieser Platte wäre ein Kompromiss total doof gewesen, weil die muss einen Weg zu Ende gehen, auch im Sound, da muss man extrem sein, sonst macht das keinen Sinn, sonst merken wir das, aber niemand sonst und das macht wenig Sinn, wenn sich draußen nichts verändert.

Im Interview mit Balcony TV habt ihr gesagt, der Disko-Sound ist kein neues Gesicht, sondern nur eine neue Schminke. Die hat aber in unseren Köpfen einiges verändert. Als ich heute vor dem Kleiderschrank stand und überlegt habe, was ich zum Sterne-Konzert anziehen soll, habe ich statt nem T-Shirt dieses Glitzerteil genommen und da habe ich gemerkt: Da hat sich was verändert.

C: Super.

Habt ihr jetzt tatsächlich ein anderes Publikum oder kommen dann die selben Leute so wie ich mit nem anderen T-Shirt an?

C: Bei jeder Platte und auch mit dieser Veränderung bewegt man sich wo anders hin und dann gibt's eine andere Schnittmenge. Das hat aber auch viel mit uns selbst zu tun. Ich würde immer nur Musik machen wollen, die ich selber gerade angemessen und schön finde und ich finde, es gibt halt gerade sehr viel Gitarrenkram. Deswegen war das für uns keine Option.

Es gibt viele Bands, die nach einigen Jahren anfangen, Befindlichkeitsplatten über das Älterwerden zu schreiben. (Alle verziehen das Gesicht). Bei euch hat man das Gefühl, man hört ein Debut-Album einer jungen Band, es geht unter anderem ums Tanzen, ums Ausgehen…Seid ihr nach wie vor Disko-geher?

F: Disko bedeutet im Süden etwas anderes als im Norden. In Hamburg existiert zwar auch so ne Münchener Schicki-Disko, aber da geht ja niemand hin, oder nur ganz entfernte Kreise. In Hamburg gibt es viele kleine Orte, wo man tanzen kann, und das wären eher die Orte, die wir mit Disko meinen.

Aber das Wort Disko weckt schon die Assoziationen elektronisch, Glitzer, weg von der Gitarre.

F: Wir haben lange überlegt, ob wir das überhaupt verwenden. Man kommt sich auch irgendwann altmodisch vor, man denkt natürlich an die 70er Jahre und an Sachen wie Moroder, die eigentlich nicht passen. Bestimmte Disko-Produzenten passen nicht zu dem, was wir gemacht haben, aber es gibt halt eine Schnittmenge bei No Wave und frühen amerikanischen Punkbands, die die Gitarrenwände weggelassen haben und nur das Rhythmusgerüst und den Gesang übriggelassen haben. Darauf haben wir uns eher berufen als auf den Elektro-Pop mit dem Glitzer.
C: Vom Arrangement her sind wir jetzt schon mehr Clubszene geworden, weil man die Stücke besser auflegen kann, wenn nicht nach 2 Minuten 59 der Schluss sein muss.
F: Wir sind auch deutlich weg von dem Strophe-Refrain-Strophe-Refrain-Schema.

Passiert das schon, dass Leute euch remixen?

F: Es hat einen Remix gegeben, aber wir haben eigentlich jetzt auf diese bewusste Remix-Kultur und dass wir es veranlassen, dass man uns remixt, verzichtet, weil wir finden: die Platte ist ohnehin schon so ein halber Remix. Was wir aber zum Beispiel gemacht haben, ist, dass die Maxi „Der Riss“ bei Gomma rausgekommen ist, einem ausgesprochenen Dance-Label, und da gibt es die Tracks auch ohne Gesang in der Download-Version, was ja auch schon ein bisschen Remix ist oder zumindest Dancefloor-tauglicher.

Viele Bands distanzieren sich im Lauf der Zeit stark von Genre-Begriffen, in denen sie groß geworden sind. Wie geht es euch mit dem Stichwort Hamburger Schule: Fühlt ihr euch wohl, damit assoziiert zu werden oder sagt ihr, da sind wir schon lange raus?

C: Wir distanzieren und da nicht von, aber es gibt die halt nicht mehr. Dieser eine Klüngel, der miteinander redet und zu vorwärtstreibenden Ergebnissen kommt, dieses Ding, dass drei vier Bands sich andauernd in Kneipen treffen und über Musik oder Politik reden, existiert nicht mehr.
F: Das war ursprünglich mal gemeint mit Hamburger Schule. Es ist natürlich auch eine Art Gattungsbegriff. Die Band gibt es jetzt etwa 18 Jahre, eine normale Schulzeit ist nach 13 Jahren spätestens zu Ende. Danach hast du entweder dein Abi oder bist nicht mehr für die Schule qualifiziert. Man kann das irgendwann abhaken.

Wie arbeitet ihr an eurer Musik, wie entsteht ein Sterne-Lied?

F: Wir arbeiten als Band bis kurz vor dem Studio alleine und gehen dann auf jemanden zu, von dem wir uns vorstellen können, dass der von unserem Arrangement eine tolle Aufnahme machen kann. Die Basisarbeit als Band beginnt bei uns immer mit dem Rhythmus, mit Improvisation. Die harmonischen Wechsel kommen bei uns relativ spät. Also ich bin nicht so der Songwriter, der sich vorher die Harmonien ausdenkt. Wenn ich fertige Texte habe, dann lege ich sie zumindest an, aber meistens entsteht das gleichzeitig, dass ich quasi zu diesen Rhythmusentwürfen, die wir haben, Texte kombiniere oder aufschreibe, was mir beim Improvisieren schon einfällt. Dann kommt das irgendwann zu dem Punkt, wo man das Gefühl hat, das groovt zusammen, das ist ein Ansatz für ne längere Geschichte. Manchmal kommen sofort mehrere Ideen zu so ner Geschichte dazu und in dem Moment weiß ich immer, da wird jetzt ein Song draus, es sei denn, es geht noch was großes schief. Das ist doch meistens so: Man hat ganz schnell das Gefühl, auch wenns noch nicht fertig ist, das wird jetzt ein Song werden. Sachen wie sich noch nen B-Teil einfallen zu lassen oder eine Steigerung sind dann relativ leicht, wenn die Grundidee da ist.

Katharina Litschauer





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Kommentare



SelaDon schrieb am 11.05.2010 um 11:20 Uhr:

Ja, danke fürs schöne Interview — schade, daß ich nicht dabei war :(

Antwort von Katharina (Redaktion) am 11.05.2010 um 12:46 Uhr:

Ja, schade…aber nächstes Mal wieder! Hoffe Dir gehts besser:-)


daps schrieb am 29.04.2010 um 16:23 Uhr:

danke für das schöne interview


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