 „Bei der Bild sitzen auch ein paar kluge Köpfe.“
Seit knapp einem Jahr setzt sich Bildblog aufmerksam mit den Ungereimtheiten der Bildzeitung auseinander. Bis zu 30000 Besucher steuern die Seite mittlerweile täglich an, im Juni erhielt sie den Grimme Online Award. JUSTmag-Redakteur Sebastian Dalkowski sprach mit Christoph Schultheis, einem der vier Macher von Bildblog, über skeptische Leser, tendenziöse Berichterstattung und die erfolglosen Bemühungen, mit Kai Diekmann zu sprechen.
Wer geht zuerst: Die Bild oder der Bildblog?
Ich hoffe ja, dass es irgendwann eine Bild-Zeitung gibt, die so journalistisch sauber gemacht ist, dass es keinen BILDblog mehr braucht.
Ist das euer Ziel?
Das ist auf jeden Fall unser Wunsch! Insofern arbeiten wir kontinuierlich an unserer eigenen Abschaffung. Wir wollen ja nur darauf hinweisen, wenn die Bild unsauber arbeitet und wenn sie das nicht mehr tut, sind doch alle froh… und ich habe wieder mehr Freizeit. Unser Anliegen ist es, Argumente zu liefern, warum man mit einer Pro-Bild-Haltung nicht weit kommt.
Kann denn ein Massenblatt Massenblatt sein und zugleich journalistisch?
Ich persönlich glaube ja. Ich habe kein Faible für Boulevard-Journalismus, aber grundsätzlich nichts dagegen einzuwenden. Die Idee, komplizierte Sachverhalte einfach darzustellen, und das zeichnet ja den Boulevardjournalismus aus, ist eine Sache, die man unterstützen kann. Wenn aber die Vereinfachung der Sachverhalte zu einer Verkürzung und zu einer Manipulation führt, dann ist das ein Problem. Und das stellen wir bei Bild leider relativ häufig fest.
Aber gibt es Dinge, die ihr an der Bild mögt?
Das ist eine gute Frage [lacht laut]. Mir fällt tatsächlich gerade nichts ein, was mir an der Bild gefällt.
Aber bei der Bild sitzen ja keine Anfänger.
Richtig. Natürlich wäre es beruhigender, sich vorzustellen, dass die Fehler der Bild alle nur aus Versehen passieren und da nur eine Horde schlechter Journalisten herumsitzt. Aber da sitzen auch ein paar kluge Köpfe, und vor allem da liegt das Problem, weil daraus Kampagnen entstehen, die im Kern nichts Schlimmes sind. Jedes Medium verfolgt Themen über mehrere Tage. Wenn eine Kampagne aber mit dem Weglassen von Informationen arbeitet und total einseitig wird, also manipuliert wird, dann ist das journalistisch höchst problematisch. Aber es braucht dafür eben auch Leute, die das gut können.
Steckt also hinter jeder Boulevardzeitung ein kluger Kopf?
Es gibt auch ganz schlechte Boulevardzeitungen und ich möchte jetzt keine Namen nennen [lacht]. Um eine erfolgreiche Boulevardzeitung zu machen, braucht es einen klugen Kopf. Aber das gilt ja auch für jedes Unternehmen. Es ist keine leichte Sache, ein leicht lesbares Blatt zu machen.
Wenn die Bild geht, ist die Welt dann besser?
Ein Ende der Bild-Zeitung ist nicht abzusehen. Und eine Welt ohne Bild-Zeitung würde natürlich nicht sonderlich anders aussehen. Wenn die Bild aber journalistisch sauberer arbeiten würde, wäre die Welt auf jeden Fall besser.
Aber wollen manche Leute die Bild nicht so, wie sie jetzt ist?
Wer sollte das wollen — außer die Bild-Macher selbst? Ich kann mir nicht vorstellen, dass es Leser gibt, die gerne falsch informiert werden.
Wieviele Bild-Leser werden auf den ersten Blick denken, dass ihr ein Pro-Bildblog seid?
[lacht] Es gibt hier und da Mails, die Vorschläge machen, was man mal in der Bild machen sollte. Aber wenn man mal anfängt zu lesen, wird relativ klar, wie wir zu Bild stehen.
Konntet ihr denn schon Bild-Befürworter überzeugen? Ich könnte mir vorstellen, dass euch nur Leute ansteuern, die ohnehin schon feindlich gegenüber Bild eingestellt sind.
Anhand der Mails lässt sich auf jeden Fall erkennen, dass es einige Menschen gibt, die uns mit großer Skepsis verfolgen und uns vorwerfen, wir würden aufs Trittbrett der Popularität von Bild aufspringen und da eine vorgefasste Meinung hätten. Das widerlegen aber die Einträge selber. Es geht immer nur darum aufzuzeigen, wo und wie Bild mit unlauteren Mitteln arbeitet.
Aber glaubt ihr denn, dass ihr Bild-Leser erreicht?
Womöglich erreichen wir die wenigsten direkt. Die Bild-Zeitung hat täglich über 12 Millionen Leser, wie „nur“ 30.000. Aber wir wissen, dass unsere Leser gern die Konfrontation mit dem unreflektierten Bild-Leser suchen. Und an diesen Schnittstellen wäre es nicht schlecht, wenn der Bildblog da eine Rolle spielt.
Ihr habt mal einen Beitrag über einen Artikel des Bildredakteurs Hauke Brost gebracht und seine Homepage verlinkt. Kurze Zeit später war sein Gästebuch voll mit üblen Beschimpfungen.
Damit hatten wir natürlich nicht gerechnet und fanden das schlimm und haben darum gebeten, mit den Beschimpfungen aufzuhören. Was das aber gezeigt hat, ist, dass da ein Reflex ausgelöst wurde. Da wurde uns klar, dass es eine Menge Leute gibt, die mit einem ständigen Widerwillen die Bild angucken. Ich finde das beängstigend, dass die Bild so eine vehemente Gegnerschaft hat.
Ich finde es eher beängstigend, wie die Leute reagiert haben. Darf man mit Bild-Methoden die Bild-Zeitung angreifen? In diesem Fall sind die Bildblog-Leser auch nicht besser als die Bild-Leser.
Kann ich nachvollziehen, deinen Gedanken. Aber was soll man sagen? Wir haben uns umgehend davon distanziert und dazu aufgefordert, von weiteren Beschimpfungen abzusehen. Mehr konnten wir nicht tun. Der Satz „Man kann sich seine Leser nicht aussuchen“ ist banal, aber wir haben ja tatsächlich keinen Einfluss darauf.
Was genau macht die Bild eigentlich falsch und warum?
Bei Wissenschaftsartikeln sind die Redakteure beispielsweise beständig schlecht informiert. Da sieht die Berichterstattung für mich so aus, dass die Leute nicht so viel von dem Thema verstehen, wie es vielleicht wünschenswert wäre. Das findet man immer wieder, dass sich viele nicht richtig in Themen einarbeiten, um nachher darüber schreiben zu können. Das andere ist, dass man schon das Gefühl hat, dass die Bild-Leute kein Interesse an ihrem Thema haben und den Bericht auf die Schlagzeile hin schreiben, und das ist journalistisch natürlich katastrophal. Oder sie haben ein persönliches oder politisches Interesse an einer sinnentstellenden Berichterstattung, das ist das Schlimmste.
Was sind die gefährlichen Fehler, die Leuten wirklich schaden?
Ein Beispiel war die angebliche Amigo-Affäre von Claudia Roth. Das wurde von der Bild groß aufgemacht, obwohl die Kerninformation nicht stimmte. Es gab keine Amigo-Affäre, aber das hat die Bild gar nicht erst versucht herauszukriegen.
Warum macht die Bild das?
In diesem Fall war es politisch motiviert, die Bild ist ja auch ein konservatives Blatt. Die gesuchte Nähe zur katholischen Kirche in den letzten Monaten ist ein gutes Beispiel dafür. Oder Merkel bekommt eine freundliche Serie, während rot-grüne Politiker ins sogenannte „Bild-Verhör“ genommen werden.
Ist die Bild also gefährlich?
Trotz sinkender Auflage prägt sie noch immer politische Meinungsbildung mit. Insofern ist das gefährlich, weil teilweise Dinge massenwirksam verbreiten werden, die so nicht stimmen. Das andere ist, worüber Bild berichtet. Da ist sie tatsächlich gefährlich, weil sie Leute in Bedrängnis bringt. Da finde ich die Bild oft verantwortungslos.
Die Leute, die die politischen Entscheidungen treffen, bevorzugen ja vermutlich andere Zeitungen. Wäre es deshalb nicht auch wichtig, die seriösen Tageszeitungen zu untersuchen?
Also insgesamt funktioniert Medienkontrolle in Deutschland ganz gut. Natürlich sollte man sich alles kritisch angucken und natürlich wäre es auch eine interessante Sache, einen Spiegelblog zu machen.
Warum habt ihr dann die Bild gewählt?
Wir haben einfach mit dem augenfälligsten angefangen. Wir haben ja während unserer normalen Arbeit auch die Bild gelesen und sind immer wieder auf Ungereimtheiten gestoßen, denen man genauer nachgehen sollte.
Also geht es mit der Bild am einfachsten?
Da ist es eben am auffälligsten.
Der Bildblog ist ja auch nicht unumstritten. Welche Vorwürfe kommen immer wieder?
Zum einen eben, dass man uns Trittbrettfahrerei vorwirft, was aber einfach nicht sein kann, weil wir schließlich auf die Fehler in der Bild hinweisen. Das andere ist eine ganz profane Sache, dass sich viele Leser gerne eine Kommentatorfunktion wünschen würden. Wir hatten das ganz am Anfang, aber haben das relativ schnell abgeschaltet, weil es da schon endlos viele Einträge gab. Wir können den Bildblog nicht so anbieten, dass jeder reinschreiben kann, was er will.
Wie viele E-Mails bekommt ihr pro Tag?
Schwer zu sagen. 50 bis 100 dürften es schon sein, viele davon „sachdienliche Hinweise“, die uns unsere Arbeit erleichtern.
Sind euch auch schon Fehler unterlaufen?
Einen Eintrag mussten wir mal komplett durchstreichen, weil es danach neue wissenschaftliche Erkenntnisse gab, die einen Bild-Artikel dann doch gerechtfertigt haben. Das ist meines Wissens der einzige Fall.
Aber neigt man nicht dazu, wenn man sich mit der Bildzeitung beschäftigt, dass man anfängt unsauber zu arbeiten…
Nein, weil wir wissen, dass wir uns mit dem Axel-Springer-Verlag anlegen, und der hat eine große Rechtsabteilung. Unsere einzige Chance, nicht mit einem Prozess bedroht zu werden, ist die, sorgfältig zu arbeiten. Das muss man sich immer wieder klar machen.
Hattet ihr schon Kontakt mit der Bildzeitung?
Wenn wir Redakteure namentlich erwähnen, gibt es schon mal direkte Rückmeldungen. Ansonsten natürlich, wenn wir bei Bild direkt nachfragen. Da bekommen wir aber leider nicht immer eine Antwort.
Bis wohin kommt ihr denn, wenn ihr nachfragt?
Im Grunde ist das Herr Fröhlich aus der Pressestelle. Mit dem haben wir öfter zu tun. Das Verhältnis ist professionell und kollegial, aber mehr als das auch nicht.
Habt ihr schon mal versucht, mit Kai Diekmann zu sprechen?
Es gibt immer wieder Anfragen von uns, die wir lieber vom Bild-Chef selbst beantwortet bekämen. Aber daraus wurde bislang nichts.
Mit welcher Begründung?
Im Zweifelsfalle hat er „keine Zeit“.
Lesen Bild-Redakteure den Bildblog?
Daran gibt es gar keinen Zweifel. Wir wissen es erstens direkt aus der Redaktion, weil wir da Leute kennen. Zweitens können wir die Zugriffe auf unsere Seite sehen und da kommt eine große Anzahl vom Axel-Springer-Server. Die Behauptung von Bild, dass sie uns nicht wahrnimmt, ist also gelogen.
Kauft ihr die Bild jeden Tag selbst?
Ja.
Mit welchem Gefühl?
Beruhigend, dass es auch noch andere Zeitungen gibt…
Sebastian Dalkowski
Kommentare
| BildblogLeser schrieb am 19.03.2006 um 09:24 Uhr: |
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Schönes Interview. Ich finde bildblog auch wichtig, es ist die Praktische auslegung der Pressefreiheit. Ausserdem verdient es Respekt, wenn es menschen gibt, die unentgeltlich so etwas leisten!
Weiter so, Bildblog!
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| Maik Rottmann schrieb am 20.08.2005 um 22:06 Uhr: |
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Schönes Interview!
Was wäre das Internet bloss ohne den Bildblog? Ich bin echt froh, dass es diesen gibt, es vergeht praktisch kein Tag, wo ich die Seite nicht ansurfe. Und dadurch zeigt sich auch, wozu das Internet in der Lage ist, denn ohne jenes, würde so eine Aktion praktisch unmöglich.
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