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Interview mit Benedict Wells

Es ist alles Stoff für eine Geschichte.

Benedict Wells hat vor kurzem seinen ersten Roman, „Becks letzter Sommer“ beim Diogenes-Verlag veröffentlicht. Im Interview mit JUSTmag-Redakteurin Katharina erzählt er über Pop-Literatur und Musik, große Erfolge und schlechte Kritiken, und über das aufregendste Telefonat seines Lebens.

Du hasst den Begriff Popliteratur…Warum hast du dann einen Roman geschrieben, den alle genau da einordnen werden?

Ich mag den Begriff Popliteratur deshalb nicht so gerne, weil man damit eine gewisse Oberflächlichkeit assoziiert und ich möchte versuchen, alles zu sein, aber nicht oberflächlich. Literatur hat eine gewisse Tiefe und Beständigkeit gegenüber einem schnellen Popsong.

Und du meinst, dass Popliteratur-Bücher wie z.B. die von Nick Hornby das nicht haben?

Nick Hornby würde ich nie als klassische Popliteratur bezeichnen, obwohl paradoxerweise er wahrscheinlich als Aushängeschild davon gilt. In seinen Büchern steckt sehr viel Wahrheit drin. Es gibt halt viele Bücher, die auf dieser Welle mitgeschwommen sind und die sind ganz nett, aber nicht mehr. Und Popmusik… gerade wenn man die Charts-Musik anschaut, da kriegt man das Grauen. Ich versuche etwas zu schreiben, worüber die Leute nachdenken, also weniger „Deutschland sucht den Superstar“ zu sein.

Gibt es für dich in dem Buch einen Satz, der die Quintessenz, die zentrale Aussage zusammenfasst?

Ja, definitiv: „Rauli ist ein Genie“, meinte Beck jetzt. „Ich bin nur Durchschnitt und irgendwann bin ich tot. Kannst du mir sagen, was für einen Sinn so ein jämmerliches Leben hat? Man hat alle Zeit und alle Möglichkeiten, man ist aber nicht begabt genug, um irgendwas davon zu nutzen…“

Du hast genau das gemacht, alles auf eine Karte gesetzt und was davon genutzt. Wie ist das?

Es war am Anfang sehr anstrengend, weil es so lange ging, weil ich so jung war und weil mich niemand ernst genommen hat. Und weil ich am Anfang auch extrem schlecht war. Es lief alles mies. Ich habe mich gefragt: Wieso bin ich eigentlich nicht mal ansatzweise depressiv geworden? Bis ich irgendwann mal drauf kam: weil es so unfassbar befriedigend ist, das zu tun, was man möchte.

Wie extrem war die Zeit wirklich?

Der Autor zeigt mir Fotos von einer nicht sehr einladenden Wohnung, wo alles auseinander zu fallen scheint, und nicht viel Platz ist. Dort hat er zwei Jahre gewohnt.

Komischerweise habe ich dieses Drecksloch im Nachhinein geliebt auf eine abartige Weise, wohingegen meine jetzige Wohnung durchschnittlich und langweilig ist. Diese Dreckswohnung war wie die großartige Liebe zu einem Junkie, während ich jetzt mit einer langweiligen Normalo-Frau zusammen bin.

Zwei Jahre später kam der alles entscheidende Anruf von Daniel Keel, dem Gründer des Diogenes-Verlags, der dich unter Vertrag nahm. Woher kanntest du ihn?

Ich kannte ihn überhaupt nicht, nur aus einem Spiegel-Interview. Als ich das gelesen habe, dachte ich mir: achja, weit entfernte Welten…und zehn Minuten später hat er mich angerufen.

Und dann, erstmal Panik?

Ja, totale Panik. Mir wurde kurz vorher gesagt, dass er mich gleich anruft und diese Minuten werde ich nie vergessen, da war ich in unfassbarer Panik.

Was hast du gemacht in diesen Minuten?

Ich bin wild im Kreis gelaufen und konnte gar nichts denken. Wenn man hört, Gott ruft gleich an, kann man schon mal nervös werden.

Ist dein jetziger Erfolg für dich ein Triumph gegenüber denen, die immer gesagt haben, „Ach komm, mach doch mal was vernünftiges“?

Ganz ehrlich?

Ja.

Ja, klar. Soll ich jetzt lügen, den Bescheidenen spielen?

Naja, es könnte ja auch einfach nicht wichtig sein…

Es ist mir wichtig. Natürlich. Nicht wie eine Rache, aber natürlich freut man sich. Und es freut mich auch, dass man sieht, dass es funktionieren kann. Ich habe mir alles erarbeiten müssen, weil ich scheiße war am Anfang und nicht das große Talent. Und dass es dann trotzdem funktioniert, wenn du jahrelang an dir arbeitest, ist wichtig zu sehen. Wenn ich es schaffen kann, kann es wirklich jeder schaffen, weil es Leute gibt, die garantiert talentierter sind als ich.

Warum lockt dich gerade das Schreiben so?

Lesen ist was ganz Tolles. Ich lese nicht so viel, aber wenn ich mal etwas wirklich gerne gelesen habe, hat es mich auch immer beeinflusst. Geschichten erzählt zu bekommen hat in mir den Wunsch geweckt, auch selber Geschichten zu erzählen. Ich habe als Kind immer anderen vorgelesen, Pünktchen und Anton und so etwas, auch mit verstellten Stimmen. Selber etwas zu schaffen, das man vorlesen kann, war auch immer ein Ziel.

Was sind die negativen Seiten an deinem Erfolg?

Ich mag nicht, dass alles, was mit meiner Person zusammenhängt, jetzt auch an die Öffentlichkeit kommt. Ich dachte vorher, das könnte mir vielleicht gefallen, viele Interviews machen und so weiter, aber das stimmt nicht. Mir ist klar geworden, dass man aufpassen muss, sich nicht selber zu prostituieren. Wichtig ist, dass man das Buch in den Mittelpunkt stellt. Man muss die Geschichte verkaufen und nicht sich selbst.

Wie geht's dir, wenn du solche Dinge liest wie die Kritik in der Welt online wo steht, du wärst nur ein gutaussehendes Aushängeschild für Diogenes?

Da muss ich ganz ehrlich sagen, da habe ich wirklich gelacht. Da wird mir ja alles vorgeworfen. Erstmal heiß ich Dominik Wells, dann bin ich sowieso nur wegen dem Aussehen da und eigentlich hätte auch die Lektorin das ganze Buch gemacht und ich nur die Danksagung. So machen sie's ja auch immer bei Diogenes: Paulo Coelho darf auch nur seine Danksagungen schreiben und die Lektoren sind die wahren Genies. Lacht
Jeder Schriftsteller braucht die Hilfe eines Lektors, aber natürlich habe ich das selber geschrieben. Ich glaube, mich würde ein sehr guter Verriss von einem Menschen, den ich bewundere und der dann auch Wahres spricht, treffen. Aber so was, das ist Komik.

Hast du Angst vor dem 2.Album-Effekt, wenn dein nächstes Buch erscheint?

Nee, eigentlich überhaupt nicht. Ich habe parallel zwei Bücher geschrieben. Das nächste, das erscheint, ist eine verrückte Woche in Berlin zwischen Träumen und Realität, mit jungen Leuten als Hauptfiguren. Der Klassiker. Da werde ich auch wahrscheinlich eine aufs Maul kriegen, so im Sinne von „Oh jetzt ein Rückschritt, jetzt schreibt er über sich selber“. Das dritte Buch, das ich jetzt schreibe, erzählt die wahre Geschichte der „Samenbank der Genies“ und wie jemand ein Genie werden sollte, aber ein Loser wurde. Mich nach dem zweiten Buch zu beurteilen wäre also unfair, weil ich ja jetzt erst das Gelernte umsetzen kann.

Ein bisschen autobiografisch zu sein ist ja auch an sich nichts Schlechtes. Du hast einen Teil deiner Schulzeit im Internat verbracht…

Ja, die Zeit war großartig. Es ist toll, wenn du dauernd Freunde um dich rum hast, das ist viel intensiver auf dem Internat, als wenn du immer nach der Schule nach Hause gehst. Du siehst die nicht nur mal am Abend kurz und das war's, sondern du hängst mit denen immer rum.

Das gibt sicher auch Stoff für ne Geschichte.

Es ist alles Stoff für eine Geschichte.

In „Becks letzter Sommer“ spielt Musik eine große Rolle. Du sagtest einmal, Musik sei für dich fast alles. Warum interviewe ich dich dann hier als Autor und nicht, weil deine Band das erste Album rausgebracht hat

Ich habe zwar eine Band, aber die anderen sind viel begabter als ich, was schwierig ist. Ich singe nicht gut, das reicht für Garagenniveau. Ich schreibe halt sehr gerne Songs, nie Gedichte, sondern eigentlich immer Songs. Aber ich bin lieber Schriftsteller als Musiker. Musik hat was Verführerisches, weil es so schnell und unmittelbar ist. Literatur ist beständiger. Aber das hat schon Spaß gemacht, für das Buch die Songs zu schreiben, die so Dylan-like sind.

Robert Beck, die Hauptfigur in deinem Roman, kann Bob Dylan nicht leiden…Wie ist das mit dir?

Ich bin ein Riesen Dylan-Fan. Beck kann ihn nicht leiden, klar, aber Dylan hat den besten Auftritt von allen in der Geschichte.

Gibt's die Songs aus dem Buch wirklich?

Natürlich gibt es die.

Auch die Musik?

Nee, Musik kann ich nicht schreiben. Ich kann mir keine Musik ausdenken, das ist vielleicht das Schlimmste.

Katharina Litschauer


Kommentare



Ronya, die Rasende Reporterin schrieb am 08.05.2010 um 12:10 Uhr:

Liebe Katharina,

erstens bin ich dir unendlich dankbar, dass du mir dieses Buch geliehen hast. Zweitens, bin ich dir auch sehr dankbar für diese sympatische Interview mit Benedict Wells, das mir diesen ungeheuerlichen Autor etwas näher bringt.

Wenn ich ein Buch lese, interessiere ich mich zunächst nicht so sehr für den Autor. Wenn es von Dir als Empfehlung kommt ist es meistens gut. Ich schaute mir von 'Becks letzter Sommer' also nur den schriftlichen Lockruf auf dem Buchrücken an, war gleich inspiriert und begann zu lesen.

Auf den ersten Seiten war ich sofort gefangen. Mein Inhalt der folgenden Tage sollte dieses Buch werden. Schon um 10 Uhr ging ich ins Bett, um mehr Zeit zum Lesen zu haben. Das Buch war irgendwie irvingisch. Der letzte John Irving, den ich gelesen hatte war zwar schön unbehaglich aufwühlend, aber dieses Buch war einfach nur scharf. Ach ja, wer war eigentlich der Autor? WAS! Ein 24 jähriger Deutscher?? Unfassbar.

Als 'Becks letzter Sommer' mein Paralleluniversum* darstellte, war ich permanent aufgewühlt. Ich las ein Buch, das großartig war und von einem gewissen Herrn Wells geschrieben wurde. Ich dagegen schrieb 'ganz nette' Blogs. Ich war Beck und Herr Wells war Rauli.

Komisch, aber diese Erkenntnis hat mich extrem motiviert weiterzuschreiben.

Benedict, ich freue mich schon auf die nächsten zwei Bücher von Dir!

Ronya

* Parallelwelt in die ich eintauche, wenn ich ein gutes Buch lese.

eMail: ronya@vorsicht-scharf.de | Homepage: www.ronyadierasen.de

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