 Keine Macht den FKK-Nazis.
| Autor |
Michel Houellebecq |
| Titel |
Die Möglichkeit einer Insel |
| Verlag |
DuMont |
| Seiten |
442 |
| Bewertung |
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Was macht ein Berufszyniker in der Midlifecrisis? Er schreibt ein Buch über einen Berufszyniker in der Midlifecrisis, der einen Bentley fährt und eine 22-jährige Schauspielerin zur Freundin nimmt, „die instinktiv all die kleinen Gesten und Bewegungen [beherrschte], die das Bild einer geilen Frau hervorriefen“. Da ist Daniel1, der mit Sketchen („Am liebsten Gruppensex mit Palästinenserinnen“ ) Millionen verdient und keine Frau findet, die auf Dauer bei ihm bleiben möchte. Da ist Daniel25, der Klon von Daniel1, der in einer nicht allzu weit entfernten Zukunft versucht, die Sexualität seines Vorgängers zu verstehen. Und da ist Michel, die vulgär-universitäre Version Michael Crichton, der sich für ein Thema begeistert (in diesem Fall: Eine Zivilisation misst sich daran, wie sie mit den Alten und Schwachen umgeht) und zu diesem Thema viele verzichtbare, einige aufregende Gedanken entwickelt, um die er eine holprige Geschichte spinnt. Wie die Affen in der unendlichen Geschichte wahllos Buchstaben in Schreibmaschinen tippen, um zufällig einen Hamlet zu schaffen, reiht Michel Tabubruch an These, um so keinen Roman im eigentlichen (oder guten) Sinne zu schreiben, sondern einen Abgesang auf die Jetztzeit, eine Kritik am endgültigen Sieg des Jugendwahns und einen merkwürdig sentimentalen Rückblick auf eine Ära, in der sich Erotik noch danach beurteilte, wie lang ein Mann über Vierzig seine Erektion halten konnte. Ein klassischer Houellebecq also.
Im Grund genommen ist Die Möglichkeit einer Insel ein zutiefst humanistisches Manifest. Und weiß ist schwarz und Teeniemagazine heißen hier Lolita und FKK- Neonnazis tragen Shirts der Black Eyed Peas. Wie alles (Liebe, Brutalität, Gesellschaftskritik) dient Houellebecqs Ethik hauptsächlich dazu, den Protagonisten Monologe über seine schwindende Libido halten zu lassen, ein wichtiges Thema in der Literatur, welches selten so lieblos beschrieben wurde wie hier. Die Moral, die dunkel in einigen Abschnitten schimmert, ist ein, nicht das Zentrum seiner Sicht auf die Welt, Element, mit dem Houellebecq spielt, genauso bedeutungslos und interessant wie Diskussionen darüber, was Larry Clark von Michael Haneke unterscheidet. Alles ist Fassade und dahinter kitschiges Jammern darüber, dass die heutige Jugend nicht zu verstehen sei, ein Jammern, welches nur selten zu pointierter Gesellschaftskritik findet, die dem Franzosen offensichtlich wichtig ist.
Stattdessen kapitellanger SF-Schmu, eine Art Intellektuellenadaption von Michael Bays Die Insel und klischeehafte Beschreibungen von Sekten. „Sich der Brutalität der Welt stellen … und mit noch größerer Brutalität zu antworten“ schreibt Houellebecq an einer Stelle. Ein Nullspiel und das ist, auch wenn Houellebecqs (affektierte) Provokation manchmal Gedanken freisetzt, letztlich ein gescheiterer Versuch, Ekel mit Ekel zu bekämpfen.
Fazit: Jeder provoziert auf seine Weise. Der eine gibt einen Punkt, wo teilweise Acht angebracht wären, der andere reizt routiniert, um teilweise Notwendiges und Erhellendes aufzuschreiben. Ein glänzend verpfuschtes Requiem auf den Mensch und im besonderen auf den Mann.
Stefan Petermann
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