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Platte des Monats in Ausgabe 07/2008
Herrenmagazin - Atzelgift

Das Tier stirbt langsam! Trotzdem Hoffnung!

Band Herrenmagazin
Album Atzelgift
Plattenfirma Motor
Bewertung 7 von 9 Punkten

Da war mal ein Gefühl. Riesengroß und gewaltig, dass einem fast die Luft nahm. Eine eigene Welt, in der man selbst Mittelpunkt war. Ein Basslauf, zwei gezupfte Töne auf der Gitarre, dazu genau die Worte, die man immer im Kopf hatte, die aber auf dem Weg nach außen verloren gingen. Ein Gefühl. War mal. Leben kam dazwischen und dort ist kein Platz mehr dafür, denn auf xing haben nur die Eintragungen im Menüpunkt „Berufserfahrung“ Relevanz und die Inflation erreicht auch den Bäcker um die Ecke. Gedanken über Singlekrüstchen und die eigene Identität wird mit der Neon und den Followern bei Twitter abgeglichen. Ein ganz normales Leben also. Und dann kommen Herrenmagazin.

Dabei macht die Band erst mal alles falsch. Gibt sich einen unsympathischen Namen, benennt ihr Debüt kryptisch, aber wenig originell nach einem Ort, druckt aufs Cover das Bild von kaffeekränzchenabhaltenden Senioren, kommt irgendwie aus dem Intro / Kettcar / Hamburgumfeld, was die Vermutung nahe legen könnte: Klüngel statt Können. Dann aber: ein Basslauf, zwei gezupfte Töne, die Worte, die schon immer zu sagen waren: ein selbstgeschnitztes Leben / aus einem Block morschem Holz / es bricht bei jedem Schlag dagegen / ein Stück davon heraus.

„Der langsame Tod eines sehr großen Tieres“ heißt dieses Lied und klar: es geht um die Zeit. Und was in ihr verloren geht. Ideale zum Beispiele, Vorstellungen, Ziele. Kompromisse machen und am Ende den aufrechten Gang verlieren. Sich hinten anstellen, weil man für vorne doch zu langsam war. Trotzdem weitermachen müssen, ein ganzes Leben lang. Dieses sehr große Tier bin ich und bist du und deine zehn Topfreunde auch. Jeder von uns. Das ist Pathos und könnte in den Händen von BAP zum Beispiel oder Klee Musik werden, aus denen Lebensweisen tropfen, zu denen man nicht im Takt kotzen möchte. Herrenmagazin hingegen glaubt man. Die Attitüde, die keine ist. Die Pose, die ich von meinem Spiegel bin in den wenigen Momenten, in denen ich mir einen Blick auf mich selbst gestatte.

„Früher war ich meistens traurig“ singen sie und es klingt nicht so, als ob die Gegenwart besser wäre. Reflexion, Erkenntnis, Gewöhnung, das eigene Zentrum als deplaziert erkennen und dennoch keinen Zentimeter abdrücken können. Die eigene Untätigkeit verdammen, dabei gleichzeitig auf unendlich viele Vollidioten blicken, sich abgrenzen und sich gleichzeitig über diese Abgrenzung lustig machen. Das können nicht viele deutsche Bands mit Würde. Mit den richtigen Songs. Über Selbstmitleid zu singen, ohne den Beat vor der Tür vergessen. Irgendwann zwischendurch trotzig feststellen: gerade jetzt gefällt mir das Leben.

Da ist es wieder dieses Gefühl, atemnehmend, welterschaffend, vertraut und gleichzeitig wie das Echo aus einer Zeit, die eigentlich gar nicht mal so weit entfernt liegen kann. Was mir passiert ist / wird mir nie irgendjemand glauben singen Herrenmagazin in „Kein bisschen aufgeregt“. Doch. Es ist ja auch uns passiert.

Fazit: Klar ist soviel: Atzelgift zielt auf die Seele eines Landes, in der die Topnachricht der aktuelle Preis von Benzin ist.

Stefan Petermann


Kommentare



Strenner schrieb am 26.07.2008 um 15:13 Uhr:

Gründe eine Band und schreib bessere Texte.
Ansonsten halt die Fresse.


Anderer Meinung schrieb am 25.07.2008 um 11:43 Uhr:

Unglaublich was für ein Müll teilweise abgefeiert wird — besonders schlimm ist z. B. die Zeile: „ist das Wasser oder Regen“ — da klappen sich einem doch die Fußnägel hoch!

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