 Die Vermessung der Erde.
Ein Gruss an die Datenkrake Google.
Die Erde ist der Planet, auf dem wir leben. Außerdem ist die Erde ein wesentlicher Bestandteil von Google Earth, einer Software, die eine interaktive Landkarte der Welt aus Satellitenbildern erstellt. Landkarten waren schon immer mehr als nur die einfache Abbildung der Welt; eine solche Karte erzählte viel von ihrer Epoche. In der Antike wurde die Meeresenge von Gibraltar als die Säulen des Herakles in die damaligen Karten aufgenommen. Später waren Wolken und Meeresungeheuer an die unerforschten Stellen gezeichnet.
Heute gibt es Google Earth. Ein für jedermann zugängliches Werkzeug, das die Welt lückenlos und scheinbar objektiv abbildet. Wie in einem gigantischen Computerspiel fliegt der Benutzer über Meere und Länder und zoomt sich pixelgenau an die Freiheitsstatue oder eigene Wohnung heran. Bernd Hopfengärtner, Student aus Weimar, meint, dass man sich mit Google Earth die Welt gottgleich aneignet. Im letzten Jahr kam ihm deshalb die Idee zu einer Aktion, die er Anfang Mai umsetzte. In ein 170x170 Meter großes Winterweizenfeld mähte er einen Code, der entziffert „Hello, World“ ergab. Das sind üblicherweise die ersten Wörter, die in einer neuen Programmiersprache auf dem Bildschirm ausgegeben werden. In diesem Fall war der Bildschirm Google Earth. Hopfengärtner hatte seine Botschaft in einem Semacode geschrieben. Ein Semacode ist ein Bild aus hellen und dunklen Quadraten, welches von Kameras gelesen und dechiffriert werden kann. Eine komplizierte Sache, die sich in der öffentlichen Wahrnehmung auf „Gärtner-Grüße über Google-Earth“ reduzierte.
Die Aktion erregte Aufsehen. Im RTL-Nachtjournal war der Student, auf spiegel-online wurden seine Bilder gezeigt, in der Blogsphäre kommentiert und gefordert, „der Kerl soll mal studieren … solche Menschen sind der Grund, warum Studiengebühren eingeführt werden“. Hopfengärtner fühlte sich missverstanden. Sein Anliegen war, durch die Aktion auf eine bewusste Auseinandersetzung mit Technik hinzuweisen. „Gerade Google erscheint als Zaubermaschine, deren Mechanismen vom Gewohnheitsnutzer nicht in Frage gestellt werden. Der Suchbegriff wird eingetippt und Google liefert das entsprechende Ergebnis. Dabei ist es wichtig, zu fragen, wie das eigentlich funktioniert.“ Im Fall von Google Earth heißt das: Wie kommen die Satellitenbilder in die Datenbank? Wer wählt sie aus, zu welchem Zeitpunkt werden sie aufgenommen, wann aus welchem Grund ausgetauscht? Werden die Bilder retuschiert? Diese Fragen, sagt Hopfengärtner, müssen gestellt sein, bevor man sich in den virtuellen Raum von Google Earth begibt.
Fragen wurden an Google in letzter Zeit häufig gerichtet. Die einen werfen Google Earth vor, einen unkontrollierten Zugang zu sensiblen Informationen zu ermöglichen. So beschwerte sich das indische Militär über präzise Aufnahmen „strategischer Bereiche“. Terroristen wären so ohne größeren Aufwand in der Lage, an Daten für mögliche Angriffsziele zu gelangen. Auch die Koordinaten der 12 deutschen WM-Stadien lassen sich dank Google Earth exakt bestimmen und könnten die Grundlage für einen Angriff mit Kurzstreckenraketen bilden. Während diese Gedankengänge noch hypothetischen Charakter haben, werden andere Vorwürfe längst diskutiert. Im Februar zensierte die chinesische Ausgabe der Suchmaschine regierungskritische Inhalte über Falun Gong oder das Massaker auf dem Platz des himmlischen Friedens. Googles Maildienst sorgte für datenrechtliche Bedenken, weil die Auswertung der Nachrichten zum Erstellen von Benutzerprofilen genutzt werden können. Französische Verleger erwogen eine Klage gegen das Einscannen von 15 Millionen Büchern. Auch wenn der firmeneigene Slogan „Don't be evil“ lautet, führt Googles Machtfülle mittlerweile dazu, dass der Konzern wenig schmeichelhaft als „Datenkrake“ bezeichnet wird.
„Hello, World“ soll nicht werten. Die Aktion soll in die aktuelle Diskussion einsteigen. Vielleicht nutzt die mediale Aufmerksamkeit in der nächsten Phase. Das Bild der Botschaft soll in den Datenbestand von Google Earth integriert werden. Die Luftaufnahmen Deutschlands wurden größtenteils von der Firma GeoContent Anfang des Jahres aktualisiert. Für die nächste Zeit ist kein Update geplant, weshalb Hopfengärtner Kontakt zu Google Earth herstellen muss. Dabei hat nicht die erfolgreiche Aufnahme seines Grußes Priorität für den Studenten. Er möchte herausfinden, ob und auf welchen Wegen Bilder in Google Earth verändert werden können. In seinem Blog schreibt er: „Denn es ist eine Frage von Machtverhältnissen, wer entscheidet, was von der Welt zu sehen ist und was nicht.“
Links zu diesem Thema: „Hello, World“ — Blog Google Kritik mehr Google Kritik
Stefan Petermann
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