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Haldern Pop Festival (05.08.2005)

Wer ist eigentlich dieser Regen?

Festival Haldern Pop Festival
Ort Rees-Haldern
Datum 05.08.2005 - 06.08.2005

Wir hätten zum diesjährigen Haldern Open Air ausschließlich über Menschen in Gummistiefeln schreiben können. Über Mülltüten, die zu Regenjacken wurden, und über Autos, die sich durch den Schlamm wühlten. Der Regen als Headliner und so weiter. Aber nicht mal Berichte über Woodstock handeln lediglich von den Widrigkeiten der Witterung. Also her mit den kleinen und denkwürdigen Geschichten über das Festival im tiefsten Niederrhein.

Der dreckigste Ort des Universums
Die Geschichte der Rockfestivals ist auch eine Geschichte des Wetters. Zum ersten Mal seit Jahren erwischte auch das Haldern Open Air ergiebige Regenschauer. Folge: Der Reitplatz wurde zur Schlammgrube, die paar Sägespane und der Rindenmulch halfen da kaum. Am Samstag fing die Pampe noch an zu stinken. Die Vermutungen einiger Festivalbesucher, das sei die Pferdekacke der vergangenen Jahrzehnte, die jetzt hoch komme, konnten bisher nicht bestätigt werden…

Das beste Hochdeutsch…
… kam in diesem Jahr mal wieder nicht vom Publikum, sondern von Nick McCarthy, Gitarrist von Franz Ferdinand. Mühelos übersetzte er die Ansagen von Sänger Alexander Kapranos und das ohne jeglichen Akzent. Für die Gage im höheren fünfstelligen Bereich darf der Zuschauer diesen Service allerdings auch erwarten…

Der religiöseste Auftritt
Die meisten Fans sind längst abgezogen (nach dem Auftritt von Mando Diao), als The Polyphonic Spree als letzte Band des Festivals auftreten. Geschätzte 500 Musiker in schicken Roben auf der Bühne und 1000 Zuschauer, die zuerst grinsen und dann mit den Texanern eine Messfeier zelebrieren, für die sie sich normalerweise in Grund und Boden schämen würden. Wer dabei war, hat zudem vermutlich das erste und letzte Harfensolo seines Lebens gesehen.

Die haarigste Band…
…waren definitiv die Magic Numbers, deren Auftritt — nachdem sie ihren Flieger in England verpasst hatten — ins viel trockenere Spiegelzelt verlegt wurde. Dort spielten die beiden Geschwisterpaare ihren fabelhaften Scheunen-Pop, der demnächst auch bei uns erscheint, 'drüben auf der Insel' aber schon längst mit einer begehrten Mercury Prize-Nominierung geadelt wurde. Waren vielleicht auch die gerührteste Band des gesamten Festivals, so warm wie das Quartett wurde nämlich längst nicht jede Band zum ersten Mal auf deutschem Boden empfangen.

Die schlechteste Coverband
Diesen Titel heimsten dieses Jahr Millionaire ein, denen man es deutlich anhört, dass sie in letzter Zeit zu oft mit den Queens Of The Stoneage rumgehangen haben. Sänger Tim Vanhamel klang streckenweise wie Josh Homme für Arme und dass, obwohl die Belgier sonst für ihre druckvollen Konzerte berüchtigt sind. So knüpfte man auf jeden Fall nicht an den legendären Festival-Auftritt von 2002 an. Das enttäuschendste Konzert des gesamten Open Airs.

Die rüdeste Ansage…
…kam dieses Jahr von der gar nicht so zartbesaiteten Halbisländerin Emiliana Torrini, die einen fordernden Zuschauerzuruf („Sprich lauter!“) mit einem beherzten „Halt's Maul!“ quittierte. Ansonsten ging der erwartet sparsam instrumentierte Auftritt recht reibungslos über die kleine Bühne des vollgestopften Spiegelzelts, das sich nur allzu gerne von den amüsanten Anekdoten der gut aufgelegten Sängerin unterhalten ließ. Traumhaft.

Den überraschendste Auftritt…
…lieferten die Sportfreunde Stiller ab. Die nutzten die Nähe zum Niederrhein aus und spielten sich am Freitagnachmittag im Spiegelzelt spontan für ihr später am Abend stattfindendes Sport & Freund-Festival in Gelsenkirchen warm.

Der unpassendste Zwischenkommentar…
… ereignete sich während der Zugabe des absolut fantastischen Auftritts von Zita Swoon. Ein Zuschauer ließ es sich nicht nehmen, seinen Unmut dem andächtig lauschenden Publikum laut mitzuteilen („Langweilig!“) und platzte damit ausgerechnet in den Song, den Stef Camil 20 Sekunden zuvor dem verstorbenen Jeff Buckley widmete… Das Konzert selbst war ein Traum und gehört — dem Spiegelzelt sei Dank — mit Sicherheit zu den Höhepunkten des diesjährigen Festivals.

Die unpatriotischste Band…
… waren zweilfelsohne die neuerdings komplett in schwarz gekleideten Jungs von Tocotronic mit Ansagen wie „Deutschland halt's Maul“ und der unzweideutigen Anmoderation vor Aber hier leben, nein danke: „Der nächste Song ist ein Cover und heißt Heimatlied.“ Zum Glück waren die Sportfreunde zu diesem Zeitpunkt schon über alle Berge…

Der Musiker mit der deplaziertesten Frisur
Schön, dass Nada Surf nach Jahren der Abstinenz mal wieder ein Konzert in Deutschland spielen. Wäre doch eigentlich Anlass genug, dass sich der Bassist mal seine verfilzte Rasta-Mähne abmäht. Fand der allerdings nicht. Dafür zeigte sich bei Nada Surf zum ersten Mal die Sonne. Da hätte man dem Bassisten auch einen Vokuhila verziehen.

Der Ort mit der höchsten Menschendichte
Jeder Besucher des Haldern Pop Festivals dürfte wissen, dass die Festivalmacher nach Intimität streben. Konzerte sollen das Gefühl geben, die Band spiele nicht für 100000, sondern nur für einen selbst. Doch ab wann untergräbt die Sehnsucht nach dem kleinen Kreise das Recht des Festivalbesuchers die Künstler zu sehen, die er auch sehen möchte? Sprich: Müssen Emiliana Torrini oder Zita Swoon vor 600 Leuten im Spiegelzelt spielen, während draußen eine lange Schlange auf den Einlass wartet? Das Zelt ist vor allem ein Geschenk der Veranstalter an sich selbst, jedoch keines an den Besucher.

Der eleganteste Tänzer…
… kam in diesem Jahr eindeutig aus Bayern. Der Sänger von The Robocop Kraus tänzelte leichtfüßig wie ein Weltmeister im Fliegengewicht über die Bühne. Er und seine Band sorgten mit ihren Songs für unvergessliche Bilder von abgehenden Menschen im Schlamm. Welcher Schlamm überhaupt?

Der merkwürdigste Zwischenfall
Ein Rollstuhlfahrer darf mit seinem Anschieber in den Sicherheitsgraben vor der Bühne. Ein Mädchen aus der ersten Reihe drückt dem Letztgenannten ihre Kamera in die Hand. Als der ein Foto von Phoenix machen will, wirft sich ein Security-Mann quasi in die Schussbahn. London liegt schließlich noch nicht lange zurück. Der Anschieber verwickelt den Anti-Terror-Beamten in eine Diskussion, während er mit der linken Hand ein Foto schießt. Rolli und Kumpel stehen fortan unter persönlicher Bewachung eines ernst guckenden Mannes in einer gelben Regenjacke, der ihnen immer wieder verächtliche Blicke zuwirft und sich vermutlich wie blöd ärgert, dass er die beiden nicht einfach rauswerfen kann.

Das überflüssigste Konzert
House Of Love sollen angeblich mal heiß gewesen sein. Das muss sehr sehr lange zurückliegen. So circa zweihundert Jahre. Ihr Konzert wirkt eher wie das zufällige Aufeinandertreffen dreier Musiker, die irgendwo noch ein bisschen Restbock haben, um ein paar Songs zusammenzukloppen und sie vor Publikum darzubringen.

Sebastian Dalkowski und Katja Peglow





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Kommentare



Fredi Fröhn schrieb am 16.08.2005 um 16:24 Uhr:

ziemlich eindimensionale unterstellung, dass sich irgendwer für die polyphonische „messe“ schämen würde. irgendwas wird da missverstanden bzw. viel zu ernst genommen. polyphonic spree waren eins der absoluten highlights des an höhepunkten reichen festivals. lediglich mando diao (und z.T. deren recht proligen Fans) hätte es nicht gebraucht.


Masta schrieb am 08.08.2005 um 12:14 Uhr:

Herzerfischend.investigativ(selbst wenn es diesen anspruch zu haben nicht zu stellen scheint).Subtil.

Über Geschmäcker und Ansichten lässt sich streiten-nicht aber über Wortwitz und eine gehörige Portion Sarkasmus/Ironie/Zynismus (unzutreffendes bitte streichen!).
Das Haldern war durchwachsen-teilweise Downlights wie schlechter Sound bei FF & MD,beschissener Gestank des Untergrundes etc. und teilweise Highlights:der sänger von virginia jetzt! als ganz relaxter privatgast in haldern,nette neue leute (ungleich lärmende nervige prolls beim campen) und ein grandioser auftritt der kaiser chiefs (findet hier keine erwähnung?!),die ab sofort wohl „out for fame“ sein werden-schade,dass der hype jetzt guten tag sagen kommt.trotzdme geile show!kaizers ochestra als the-hives-persiflage vom bühnengelaber,oder was?!???ach ja und eins der highlights (MD) wird sich viell. tragisch weiterentwickeln:wer steigt auf die wette ein,dass MADNO DIAO an ihrer unendlich großen arroganz irgendwann zugrunde gehen werden und in ca drei bis vier jahren nicht mal mehr die live music hall in köln füllen werden können????take a look at my addy für die quoten!
aber letztlich summiere ich in der Tatsache,dass IMO bei Polyphonic Spree nichts gescheites rauskommen kann,wenn solch kranke hirne in texas, respektive die heimat der blödbacken und öl-geier,aufachsen/musizieren,meine Eindrücke des schlechten.man konnte ja auch ins nasse zelt zurückgehen-alles halb so wild ;-)

so long,

Masta.

eMail: mastaplayer@web.de | Homepage: www.realmadrid.com


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