Das Spiel ist aus.
Warum Gesellschaftsspiele einsam machen.
Jetzt ist es also bald wieder soweit. Und die Rede ist nicht einmal von Weihnachten, obwohl man bei der Supermarktkette Plus jetzt schon Christmas-Shopping-Trips nach New York für nur 639 Euro (inklusive Linienflug!) buchen kann. Doch es lässt sich nicht leugnen. Jetzt, wenn die gefühlte Außentemperatur beständig zu sinken beginnt, die Semesterferien immer kürzer und die Gesichter der Menschen in der U-Bahn immer länger werden, schlägt die Unbarmherzigkeit der wechselnden Jahreszeit erneut zu. Der Herbst klopft sanft an die Tür und es liegt an uns, ob wir ihn freudestrahlend herein lassen oder ihm nicht doch lieber die kalte Schulter zeigen und die Tür versperren.
Spiel mal wieder!
Für mich kündigt sich der Herbst mit folgendem Telefongespräch an: Ich: Ja? Sie: Hast du dieses Wochenende schon was vor? Ich: Ich weiß noch nicht… [vorsichtig] Vielleicht. Sie: Also weißt du, da es jetzt immer kühler wird, haben wir uns überlegt mal was anderes zu machen. Nicht immerzu nur Party und so. So ein gemütlicher Spieleabend wär doch mal wieder was Feines oder? Ich: [betretenes Schweigen] Sie: Ach komm schoooon. Gib dir einen Ruck! Das wird bestimmt lustig!
Machtspiele
There's no way out. Denn Gesellschaftsspiele werden im Herbst leider schneller aus ihren Verstecken herausgekramt, als ich meine alten Wollpullis aus der Mottenkiste ans Tageslicht befördern kann. Ich schlucke meine Zweifel herunter. So schlimm wie beim letzten Mal wird es schon nicht werden (ob Steffi und Kathi mittlerweile wohl wieder miteinander reden?).
Der Spieleabend. Früher geliebt, heute gehasst. Es sprechen aber auch einfach keine vernünftigen Gründe dafür, sich solch einem möchtegern-zwanglosen Beisammensein auszusetzen, es sei denn man steckt selbst noch in den Kinderschuhen. Früher mag es psychologisch durchaus Sinn gemacht haben, als Kind wenigstens im Spiel einmal seine Eltern oder ältere Geschwister besiegt zu haben, aber heute? Sieht es in den meisten Fällen leider noch genauso aus. Bedauerlicherweise.
Da schlafen Pärchen hinterher in getrennten Betten, weil der Partner beim Begrifferaten nicht genug Auf Zack war. Werden Freundschaften aufs Äußerste strapaziert, weil der mitgebrachte Freund auch nach dem dritten Versuch noch immer nicht die Regeln des komplizierten Kartenspiels verstanden hat. Werden aus sanftmütigen Sozialpädagogikstudentinnen Despoten, weil der Gegenüber beim Tabu vergessen hat, die Sanduhr umzudrehen. Wird der beste Freund zum unerträglichen Pedanten („Das zählt nicht, der Würfel war auf kipp“) und die beste Freundin gleich aus der Wohnung geworfen, wenn die noch einmal auf ihren unfassbar hohen und leider auch uneinholbaren Punktestand so unerträglich triumphierend verweisen muss. Verfällt man auf einmal selbst wie von Zauberhand in die Rolle des sabotierenden Mitspielers, der sich über die Niederlagen seiner Konkurrenten (natürlich hinter vorgehaltener Hand) diebisch freut und im Falle eines Siegs so sinnentleerte Sätze wie „Alles nur Glückssache“ von sich gibt und dabei krankhaft versucht ein möglichst ausdrucksloses Gesicht zu wahren.
Mensch, ärger dich nicht!
Wer spielt, braucht starke Nerven. Denn es gibt kaum ein gesellschaftliches Parkett, auf dem es sich leichter ausrutschen lässt als auf ach so geselligen Spieleabenden. Das kann schon bei der Auswahl seiner Mitspieler für Teamspiele anfangen. Auch die Auswahl des Spiels an sich ist heikel. Jeder-gegen-jeden-Spiele besitzen naturgemäß den Nachteil nur einen Sieger und viele schlechte Verlierer hervorzubringen. Teamspiele sind theoretisch zwar die bessere Wahl, bergen in der Praxis aber das Risiko, dass man den Unmut seiner Mitspieler leicht auf sich ziehen kann, wenn man das schwächste Glied in der Gruppe ist. Am wichtigsten bleibt aber immer noch die sorgfältige Selektion der Mitmenschen, mit denen man dieses gesellige Beisammensein bestreiten will. Vielleicht sollte man Gesellschaftsspiele aber auch einfach komplett abschaffen oder im fortgeschrittenen Alter verbieten lassen. Für alle, die doch nicht davon ablassen können, sei hiermit noch eine Kaufempfehlung wärmstens ans Herz gelegt: Sympathie! Das Spiel bei dem es keine Verlierer, sondern nur Gewinner gibt und bei dem es darum geht, seine Mitmenschen besonders gut kennenzulernen. Für die Hippies unter uns und garantiert stressfrei.
The Day After Tomorrow
Das Telefon klingelt. Ich weiß noch nicht, wie ich den Abend verbringen werde. Ich ziehe den Stecker raus. Ich lächle.
Katja Peglow
Kommentare
| Florian Neymeyer schrieb am 31.10.2005 um 15:06 Uhr: |
|
|
Hallohalli Katja
Feiner Artikel. — Ich mag Gesellschaftsspiele dennoch, auch wenn manchmal etwas Wahres des im Artikel geschilderten „dran“ ist. — Wenn ich mich zum Beispiel an die ein oder andere Runde (zuviel) „Die Siedler von Catan“ im Jahre 1998 erinner: Immer wurde „weich“ gespielt: Räuber nur auf schwache Zahlen, immer Handeln (Freundschaftstausch) und so weiter. — Sonst wäre Dank meiner Mutter der Haussegen schief gehangen ;-).
Aber ich bin Kind genug Freude am Spielen zu haben und „erwachsen“ genug, das ganze auch als Spiel zu erkennen. :-)
Wer nicht gern spielt, spielt nicht gern (Ach!). — Wobei es so viele verschiedene Spielmöglichkeiten gibt, dass eine Generalabsage nur schwer vorstellbar ist… Trotzdem (oder gerade wegen öfterer Spieleabende) habe ich auch schon ähnliche Erfahrungen miterlebt, vor allem bei längeren Spielen wie Diplomacy, Junta oder Ähnlichen…
Wie dem auch sei. — Ich bevorzuge Spieleabende vor so mancher anderen Party. — Aber das ist ein anderes Thema. :-P
So, jetzt einen symbolischen Freundschaftsdrunk an der Streit-Bar und viele Grüße aus Chicago, Flo
|
| Martin schrieb am 15.10.2005 um 15:57 Uhr: |
|
|
Vielleicht sollte man einfach mit anderen Leuten spielen… aber meistens merkt man erst, daß es die falschen Mitspieler waren, wenn zunächst noch mutige, vom Pioniergeist beseelte „Siedler von Catan“-Spieler wegen einer nicht vorhandenen Schaf-Karte anfangen zu heulen :-/
|
|