 Als Gott Coca-Cola purpur färbte.
Über Alternativen, die scheiterten.
Schon 1843 konnten Zeichnungen elektrisch übertragen werden. Aber erst in den 70er Jahren setzte sich das Faxgerät gegenüber dem Fernschreiber in Japan durch, weil das Fax im Gegensatz zum damals gebrauchten Fernschreiber japanische Schriftzeichen übertragen konnte. Auch die Mikrowelle brauchte viele Jahre und noch mehr Singlehaushalte, um sich einen dauerhaften Platz in der Küche als Ersatz zum Herd zu erobern. Doch viele als Alternative gedachte Erfindungen scheiterten oder fristen ein Dasein im Schatten der überlegenen Konkurrenz. Die Gründe für das Scheitern sind vielfältig. Oftmals wird das Alternativprodukt zum falschen Zeitpunkt eingeführt und weist zu viele Mängel auf. Manchmal überfordert die Neuartigkeit des Produktes die Menschen. Oder es fehlt schlicht das notwendige Geld, um die Alternative dauerhaft im Massenbewusstsein zu etablieren.
Einige Beispiele gescheiteter Alternativen:
Seit 1886 wurde Coca Cola nach einem nur geringfügig geänderten Rezept hergestellt. Nach 99 Jahren sollte sich das ändern. Die New Coke wurde auf dem amerikanischen Markt eingeführt. Die Reaktionen waren eindeutig: „Coke zu ändern ist das Gleiche, als wenn Gott das Gras purpur färben würde“. Oder „Wenn Sie bei uns in der Einfahrt die Flagge verbrennen würden, könnte mich das keinen Deut stärker aufregen.“ Die Business Week erklärte die New Coke zum „Marketingschnitzer des Jahrhunderts“. Keine Frage, dass der Konzern zum ursprünglichen Rezept zurückkehrte.
Der Zeppelin, vom gleichnamigen Grafen entworfen, war ein Starrluftschiff, das mit Gas betrieben wurde. Im Ersten Weltkrieg wurde die Entwicklung der Zeppeline vor allem in Deutschland vorangetrieben, um militärische Alternativen zu Flugzeugen zu schaffen. In den 20er Jahren wurden Zeppeline in der zivilen Luftfahrt eingesetzt. Die Ära der Luftschiffe endete 1937 mit dem spektakulären Absturz der Hindenburg in Lakehurst. Ein Versuch der Cargolifter AG, die Zeppelintechnik in die Neuzeit zu überführen, scheiterte 2002 mit der Insolvenz des Unternehmens.
Die MiniDisc sollte nach den Plänen von Sony Anfang der 90er Jahre die Kassette ablösen. Grundsätzlich ein sinnvolles Produkt, das, robuster konstruiert, bessere Qualität zu der längst überholten Compact Cassette bot. Doch bevor die MD den Einzug in den Massenmarkt finden konnte, kamen MP3s und die entsprechenden Player. Sony versuchte mit zusätzlichen Varianten wie der NetMD die MiniDisc hochwertiger zu machen.
1993 startete die Wochenzeitschrift Die Woche als Konkurrenz zur Zeit. Deutlich linksorientierter und mit mehr Bildern und Illustrationen versehen, versuchte sich der Initiator und Chefredakteur Manfred Bissinger an einer journalistische Kritik: „Die Zeit war zu umständlich, zu schwerwiegend, zu langatmig.“ Nach neun Jahren wurde Die Woche eingestellt. Und Die Zeit feierte 2006 ihren 60. Geburtstag.
Grüner Ketchup ist kein wirkliches Beispiel für einen Misserfolg, sondern wie sprühbare Pommes Frites oder durchsichtige Cola das Musterbild eines Abfallprodukts der Erlebnisgesellschaft. Grüner Ketchup wird nicht aus unreifen Tomaten hergestellt, sondern erhält seine Färbung durch die zusätzlichen Farbstoffe E-104 (Chinolingelb) und E-131 (Patentblau). Das kann lecker sein, klingt aber nicht so und sieht eben auch nicht so aus.
Vor zehn Jahren versuchte Sat1, den Beginn des Abendprogramms auf 20:00 Uhr vorzuverlegen. Nullzeit hieß die vom damaligen Sat1-Chef Fred Kogel groß angekündigte und massive beworbene Aktion. Ziel war es, die Gewohnheit der Deutschen zu unterlaufen, deren Fernsehabende traditionell um acht mit der Tagesschau begannen. Kabel1 und Pro7 beteiligten sich an der Aktion, die anderen Privatsender warteten den Ausgangs des Experiments ab. Bis zu einer Millionen Zuschauer verloren die früher gestarteten Sendungen. Kabel1 und Pro7 kehrten nach wenigen Wochen zum Termin um 20:15 zurück, Sat1 hielt bis zum Abbruch etwas länger aus. NDR-Intendant Jobst Plog kommentierte schließlich voller Häme: „Als Tiger gestartet und als Bettvorleger gelandet.“
Manchmal setzt sich die schlechtere Variante durch. Die VHS-Kassette zum Beispiel. Im Vergleich zum Betamax hatte das von der Firma JVC entwickelte Format die mindere Qualität, eroberte jedoch den Heimelektronikmarkt durch die längere Laufzeit, die eine Aufnahme eines kompletten Spielfilms gewährleistete. Das gelang, indem das VHS-Magnetband in eine größere Kassette eingebaut wurde. Als Betamax nachzog, standen in den Videotheken längst nur noch VHS-Kassetten. Heute kommt die Betakassette in weiterentwickeltem Formaten im professionellen Bereich zur Anwendung und die VHS-Kassette ist endlich selbst ein Relikt der Vergangenheit.
Lipsi ist der lateinische Name für Leipzig und außerdem die Bezeichnung für einen Tanz, der in den 60er Jahren die Welt erobern sollte. Aber letztlich in Leipzig blieb. „Es genügt nicht, die kapitalistische Dekadenz in Worten zu verurteilen, gegen die 'Hotmusik' und die ekstatischen Gesänge eines Presley zu sprechen. Wir müssen etwas Besseres bieten“, sagte damals Walter Ulbricht. Das Bessere war ein Tanz im 6/8 Takt, mit dem vom Kulturministerium gemeinsam mit der FDJ, Rundfunk und Fernsehen der Rock'N'Roll an die Jugendlichen der DDR herangetragen wurde. Helga Brauer sang dazu „Heute tanzen alle jungen Leute im Lipsi-Schritt“ und die DDR meldete ein Patent auf den Lipsi an.
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Stefan Petermann
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