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Von Graduate zu Garden State. Zuhause

Von Graduate zu Garden State.

Über Filme, die nach Hause kommen.

Vielleicht heißt er Benjamin Largeman. Benjamin Largeman, Mitte Zwanzig, verlässt den Flughafen und kehrt an den Ort zurück, der vor langer Zeit sein Zuhause gewesen sein muss. Die Kamera erfasst ihn nur ausschnittsweise, drängt ihn ästhetisch an den Bildrand. Largeman steht außerhalb des Lebens, seines Lebens. Er ist weißes Papier, das beschrieben sein müsste. Doch da ist nichts in ihm, nur passive Willens- und Ziellosigkeit. Er hat seine Firma in den Ruin getrieben. Er hat Angst vor einer Heirat. Er kommt direkt vom College und hat keine Ahnung, was mit ihm passieren sollte. Er sagt: I want my future to be … different. Wie dieses different aussehen könnte, sagt er nicht.

Benjamin Largeman ist Zach Braff in Garden State ist Dustin Hoffman in Die Reifeprüfung ist Orlando Bloom in Elizabethtown ist Timothy Hutton in Beautiful Girls ist nicht Vincent Gallo in Buffalo 66. Er ist die Summe aller sinnsuchenden männlichen Charaktere, die zurück zu ihrem Zuhause kommen und dort etwas wiederfinden werden. Benjamin muss mit seiner Vergangenheit klarkommen lernen, sich, sie begreifen, ihr vergeben, von ihr Abschied nehmen, um sich eine Zukunft zu ermöglichen. Er muss die Isolation, in der er sich befindet, aufbrechen, er muss die Beziehung zu seinen Eltern klären, er muss sich selbst finden und dazu muss er seinem früheren Leben nachspüren.

Zach Braff, Autor, Hauptdarsteller, Regisseur von Garden State: „Als ich Anfang 20 war, hatte ich plötzlich Heimweh. Heimweh nach einem Ort, den es noch nicht gibt. Genau in dieser Situation ist auch Large, die Hauptperson in dem Film.“ Im Film klingt das so: „Maybe that's all family really is. A group of people who miss the same imaginary place.“ Seitdem Benjamin Largeman sein Zuhause verlassen hat, ist nichts mit ihm geschehen. Die große Stadt, in der er lebte, die Jobs, die ihm Geld brachten, die Menschen, die er traf, sie haben ihn nicht verändert. Er ist losgegangen, aber nirgendwo angekommen. Largeman ist Melancholiker, natürlich, er sagt nicht viel, er senkt lieber den Kopf, saugt auf, anstatt etwas zu geben. Das Kino feiert den Heimatlosen, das Grundgefühl trübsinniger Sehnsucht ist eines seiner Treibstoffe, es wird nicht müde, in Anektoden erzählen, Bilder zu splitten, es zeigt Largeman in einem mit dem Tapetenmuster identischen Hemd, er verschwindet, die Welt verschwindet, wenn Benjamins Eltern ihn in den Pool stoßen, keine Geräusche mehr, vierzig Jahre später bleibt Zach Braff in der identischen Szene am Beckenrand stehen, kann nicht springen, weil ihn nicht niemand vorwärts schubsen kann außer er sich selbst.

Benjamin Largeman geht auf eine Beerdigung. Sein Vater, zu dem er keinen Kontakt hatte, seine Mutter, für deren Behinderung er sich verantwortlich fühlt, ist gestorben. Die Familie gibt es nicht mehr, die Orte, an denen sie gewesen war, sind verödet, weiße Raufasertapete hauptsächlich. Weinen kann Benjamin nicht. Natalie Portman wird ihm in einer Badewanne sitzend eine einzige Träne abringen und es wird ein Sieg über die Teilnahmslosigkeit für beide sein. Später trifft er seine Freunde. An die alten Begrüßungsrituale erinnert er sich, auch an die Gründe, weshalb sie in früheren Zeiten befreundet waren. Die Freunde nehmen ihn, den Fremden, wie selbstverständlich mit auf ihre Feiern. Singen in der Bar ihr altes Lied, trinken, drehen Flaschen. In Zeitlupe hockt Benjamin Largeman zwischen den Freunden und manchmal kann er sich amüsieren, dann läuft der Film in der richtigen Geschwindigkeit, dann küsst er fremde Mädchen oder beginnt vorsichtig zu tanzen. Doch im Grunde seines Herzens weiß Largeman, dass er nicht mehr auf diese Feiern gehört, dass dieses ständige Abrufen alter Verhaltensweisen Teil dessen ist, mit dem er abschließen muss, um weiterzukommen. Die Freunde verstehen dass, es wird in seinem Film nicht gezeigt, wenn er später geläutert den Ort verlässt, bleiben sie zurück, als Polizisten, mit ihrer unvollständigen Desert Storm Kartensammlung.

Benjamin Largeman trifft ein Mädchen. Vielleicht sieht es wie Natalie Portman aus oder Kirsten Dunst oder Katharine Ross. Dieses Mädchen dürfte es gar nicht geben. Leicht verrückte Dinge macht es, liebenswert verschrobene Abnormalitäten, das einzige begehrenswerte Individuum in der nahen Umgebung. Es besitzt einen Tierfriedhof, führt stundenlange Telefongespräche, tanzt auf dem Eis im Krokodilskostüm. Die Kamera, die Geschichte, der Hauptdarsteller liebt dieses Mädchen. Weil es ihm Stichworte gibt, an denen er sich, sein altes/neues Leben abarbeiten kann. Es hilft ihm, aus seiner selbstverschuldeten Lethargie auszubrechen. Es ist notwendiger Bestandteil der Geschichte und der Zuschauer wird sich auch in dieses Mädchen verlieben müssen, wenn er ein Drehbuch schreiben würde, könnte es genau so sein. Das Mädchen hört unter überdimensionalen Lautsprechern die richtige Musik, The Shins zum Beispiel oder Simon and Garfunkel. Es nimmt für Benjamin das perfekte Mixtape auf, dass ihn minuziös auf einer Reise durch Amerika begleitet. Über das Mädchen steht als Regieanweisung im Drehbuch: „süß“. Natalie Portman erzählt das im Audiokommentar von Garden State und Zach Braff kann nichts anderes tun, als dann verlegen zu bejahen. Natalie Portman ist in Beautiful Girls deutlich jünger als der ziellose Protagonist. Es fragt ihn: „Hast du das Hamletding am laufen?“ und dann lacht es ihn ein bisschen aus, für dieses altmodische Gefühl, während es weiter auf dem Eis tanzt. Das ideale Mädchen bringt Benjamin dazu, sich zu verlieben und Verlieben ist eine Entscheidung und eine Entscheidung ist ein weiterer Schritt zurück ins Leben. Das unideale Mädchen ist deutlich älter als Benjamin. Es heißt Mrs. Robinson und als einziger weiblicher Charakter im Film weiß es, was es will. Es fordert Konsequenzen von Benjamin ein. Und wird dafür bestraft, Mrs. Robinson ist die große Verliererin in Benjamins Geschichte, ihr wird die Flucht aus der Isolation nicht gestattet werden.

Benjamin Largeman ist nicht Vincent Gallo. Vincent Gallo, Buffalo 66 ist die filmische Antithese zu Garden State, zu Cameron Crowe. Auch wenn Gallo über eine Rückkehr erzählt, auch wenn er als Autor selbstverliebt den Antihelden in den Mittelpunkt seiner Welt rückt, ist das Weiß seiner Bilder hoffnungslos. Ist Trübsinn Schwermut und unheilbar. Keine Katharsis, keine Illusion, kein Zurückkehren ins Leben. Das ideale Mädchen wird gekidnappt, wird mit Gewalt gezwungen, ideal zu sein, um den Eltern ein erfolgreiches Mädchen vorzuspielen. Christina Ricci wird keinen Willen haben, es wird nicht mal begehrt, nur von Gallos Vater, Gallo selbst zu nichts, als dass er Aussicht auf Gefühle hätte. Gallo sagt zu Ricci: „Komm schon, wie Mann und Frau. Wir fassen uns nicht an und überbrücken die Zeit. Wie man Mann und Frau, überbrücken die Zeit.“

Zeit überbrücken. Während Largemans Heimkehr ein Erweckungserlebnis ist, weicht in Buffalo 66 niemals das Gefühl von Verlorenheit. „Der Schmerz des Suchenden liegt eben darin, daß Heimat nicht existiert und doch ständig Teil der eigenen Geschichte ist: als zukünftige Sehnsucht und als machtvolle Erinnerung an die Kindheit“, schreibt epd Film. Largeman möchte keine Zeit überbrücken. Er möchte mit ihr abschließen und so möchte es auch der Zuschauer. Am Ende der Geschichte steigt Benjamin Largeman von der Kinoleinwand. Er setzt sich neben den ergriffenen Zuschauer, sie schauen gemeinsam auf den Abspann und Largeman sagt: „Wenn du Mitte Zwanzig bist, dann bist du ein bisschen wie ich.“ Largemen weiß, dass es keine Antwort geben kann, welche so einfach scheint. Einer Geschichte kein wirkliches Ende zu gönnen. Das ideale, semiverschrobene Mädchen, die geläuterte Elternbeziehung, das Friedenmachen mit den Freunden — wie könnte Leben jemals so einfach sein? Wie könnte ein Zuhause wirklich existieren außer in der Vorstellung?

Benjamin Largemann denkt an die letzten Sekunden der Reifeprüfung. An die Gesichter von Dustin Hoffman, von Katharine Ross, nachdem sie gerade von einer Hochzeit geflohen sind. Langsam weicht die Begeisterung über ihre Spontaneität der Erkenntnis über die Ungewissheit über die Zukunft. Über die Herausforderung, nun ein neues Zuhause schaffen zu müssen. Aber das ist eine andere Herausforderung, eine andere Geschichte, ein anderer Film, denkt Largeman. Vielleicht das Schmerzhafte. Vielleicht das Leben, welches wirklich exisitiert.


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Stefan Petermann


Kommentare



maik schrieb am 04.12.2005 um 01:08 Uhr:

ja, garden tsate ist ein sehr gute film…

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