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Ich bin viele.

Ich bin viele.

Wann ist ein Mensch viele Persönlichkeiten?

Aus der Serie Fünf Fragen zu...:

Gehen Schizophrene tatsächlich plötzlich mit dem Messer auf einem los?

Schizophrene sind nicht zwingend aggressiv. Zumindest ist Aggressivität kein Symptom einer Schizophrenie. Ein schizophrener Patient kann aber aggressiv werden, wenn er die eigentlichen Symptome nicht einordnen kann. Dies ist meistens der Fall, wenn er positive Symptome hat, beziehungsweise die normale Wahrnehmung übersteigert ist. Solche Symptome sind zum Beispiel Wahnvorstellungen oder Halluzinationen, bei denen der Patient Dinge anders wahrnimmt als sie sind oder er Dinge wahrnimmt, die nicht existieren. Dies ist besonders bei der paranoiden Schizophrenie der Fall.

Problematischer sind jedoch oft die negativen Symptome. Damit ist eine eingeschränkte Wahrnehmung gemeint; der Patient benutzt einen eingeschränkten Wortschatz, hat eine eingeschränkte Mimik und Gestik oder er kann komplexe Gedanken und Zusammenhänge nicht mehr richtig erfassen. Die negativen Symptome treten vor allem bei der hebephrenen Schizophrenie auf. Vor allem die negativen Symptome führen zur Isolation des Patienten und sie lassen sich wesentlich schwieriger behandeln als positive Symptome. Aufgrund dieser unterschiedlichen Symptome und Ausprägungen gibt es auch nicht DIE eine Schizophrenie. Schizophrenie ist vielmehr eine Krankheit, die sehr vielfältig ist und sehr unterschiedlich verlaufen kann.

Wie wird Schizophrenie dann diagnostiziert?

Es müssen mehrere Symptome zusammen auftreten, damit der Psychiater Schizophrenie diagnostiziert. Er unterscheidet dabei Symptome unterschiedlicher Gruppen:

  1. Ich-Störungen. Der Patient erlebt sich als fremd. Er hat das Gefühl, Gedanken und Gefühle werden von außen gesteuert oder können von Anderen gelesen werden.
  2. Halluzinationen. Der Patient nimmt Sinnesreize wahr, für die es keine äußeren Reize gibt. Am häufigsten und bekanntesten ist das Stimmen-Hören.
  3. Wahnvorstellungen. Dabei beurteilt der Patient die Realität falsch. Er hat zum Beispiel das Gefühl, verfolgt zu werden.
  4. Denkstörungen. Die Gedanken des Patienten sind nicht mehr immer zusammenhängend und logisch oder sprunghaft oder er wird von einer Flut von Gedanken überwältigt. Oft äußert sich das in der Sprache des Patienten. Er spricht zusammenhanglos und sprunghaft, wiederholt Wörter oder erfindet neue Wörter und Wortverbindungen.
  5. Gefühlsstörungen. Dazu zählen auffällige und unangemessene Stimmungsschwankungen des Patienten wie übermäßige Heiterkeit oder Albernheit oder starke Niedergeschlagenheit.

Eine andere Einteilung der Symptome ist die in Negativ- und Positivsymptome wie in der Frage 1. Entsprechend der Symptome muss der Psychiater den Untertyp der Schizophrenie bestimmen und die Krankheit entsprechend der ICD-Klassifizierung bestimmen. Die Diagnose kann sich im Verlauf der Krankheit ändern, da sich Phasen mit negativen Symptomen abwechseln mit Phasen mit positiven Symptomen (akute Phase). Oft kündigt sich die Krankheit durch eine Vorphase an. In dieser treten noch keine akuten (positiven) Symptome auf. Der Patient hat dann oft Schlafstörungen oder ist unruhig. Da die Schizophrenie sehr unterschiedlich verlaufen kann, kann auch diese Vorphase bei unterschiedlichen Patienten unterschiedlich verlaufen.

Wie wird Schizophrenie behandelt?

In der Therapie müssen auf jeden Fall die Symptome der Schizophrenie behandelt werden. Dies geschieht mit Neuroleptika, also Medikamenten. Diese wirken im Vergleich zu anderen Medikamenten sehr langsam, da sich ein Konzentrationsspiegel aufbauen muss, der auch lange erhalten bleibt, nachdem das Neuroleptikum abgesetzt wurde. In der Regel wird das Neuroleptikum aber nicht abgesetzt, da ansonsten der Patient mit hoher Wahrscheinlichkeit (80 Prozent) rückfällig wird.

Die Neuroleptika lindern vor allem die positiven Symptome. Die negativen Symptome lassen sich nur schwer behandeln. Häufig werden dafür die Psychotherapie und die Soziotherapie eingesetzt. Gerade bei der Soziotherapie können Familie und Freunde des Patienten die Sozialtherapeuten unterstützen. Viel Einfühlungsvermögen, Geduld und Verständnis ist notwendig, um den Patienten aus seiner Isolation heraus zu holen. Entscheidend ist dabei auch die Psychoedukation, also die Aufklärung über die Krankheit. Sowohl der Patient aber auch die Familie und Freunde müssen die Krankheit verstehen und die Symptome einschätzen können, um mit der Krankheit umgehen zu können. Oft kann der Patient nur aufgeklärt werden, wenn er sich in einer psychisch stabilen Phase befindet, also nicht in der akuten Phase. Vor allem in der akuten Phase erkennen Patienten oft nicht, dass sie krank sind. Besonders deutlich und authentisch zeigt der Film Das weiße Rauschen Symptome und Behandlung von Schizophrenie.

Wie viele Personen haben in einem Körper Platz?

Entgegen der landläufigen Meinung hat Schizophrenie nichts mit gespaltener Persönlichkeit beziehungsweise dissoziativer Identitätsstörung (DIS) zu tun. Sie treten nur häufig zusammen auf. Bei der DIS werden psychische Funktionen wie Angst, Kontrolle und Schutz oft getrennt und im Extremfall auf eigenständige Persönlichkeiten übertragen. So kann ein Mensch eine Persönlichkeit ausbilden, die Kontrolle ausüben will, eine, die beschützen möchte und eine, die die Alltagsarbeiten verrichtet. Das führt häufig dazu, dass die Persönlichkeiten sehr gegensätzlich sind. Die Anzahl der Persönlichkeiten ist nahezu unbegrenzt, da jede „Persönlichkeit“ eine bestimmte psychologische Funktion übernimmt und damit ein Teil der Gesamtpersönlichkeit ist. Oft sind es aber zwei bis drei Persönlichkeiten und selten mehr als zehn.

Die Trennung der Funktionen lässt sich oft auf ein Trauma zurückführen, wie Krieg, Gewalt oder Missbrauch. In der Kindheit durchlebt jeder Mensch eine gewisse Trennung von psychologischen Funktionen. Normalerweise werden sie aber letztendlich zu einem Ich zusammengeführt. Bei der DIS können die einzelnen Persönlichkeiten voneinander wissen oder auch nicht. Es kann auch vorkommen, dass die Außenwelt die unterschiedlichen Persönlichkeiten nicht wahrnimmt, weil diese sich nur im Inneren des Patienten abspielen und nicht mit der Außenwelt agieren. Mit bildgebenden Verfahren kann gezeigt werden, dass in manchen Fällen jede Persönlichkeit eigene Nervenbahnen im Gehirn verwendet. Dadurch kann nachgewiesen werden, dass ein Mensch an DIS erkrankt ist. In dem Film Fight Club ist sehr eindrucksvoll beschrieben, wie zwei sehr verschiedene Persönlichkeiten sich in einem Menschen herausbilden können.

Ist Schizophrenie vererbbar / ansteckend?

Weder Schizophrenie noch DIS ist vererbbar. Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit höher, an Schizophrenie zu erkranken, wenn ein Elternteil Schizophrenie hat. Zudem steigt nach Finn Rasmussen die Wahrscheinlichkeit für das Kind, an Schizophrenie zu erkranken, je älter der Vater bei der Zeugung ist. Es scheint also ein Zusammenhang zu bestehen. Die genetische Veranlagung ist jedoch einer von mehreren Faktoren, die dazu führen können, dass ein Mensch an Schizophrenie erkrankt. Andere Faktoren sind Viren oder Bakterien oder Drogen. Vor allem Cannabis erhöht die Anfälligkeit für Schizophrenie; Grund dafür ist der Wirkstoff THC im Cannabis.

Ist durch diese Faktoren die Anfälligkeit für Schizophrenie erhöht, kann sie durch Stresssituationen zum Ausbruch kommen. Generell leiden Männer und Frauen gleich oft an Schizophrenie. Frauen erkranken jedoch häufig etwas später an ihr (zwischen dem 25. und 30. Lebensjahr) als Männer (zwischen dem 20. und 25. Lebensjahr).



Links

Schizophrenie:

Dissoziative Identitätsstörung

Literatur

  • Anstadt, Sera: „Alle meine Freunde sind verrückt“, Piper, 1992
  • Röhricht, Frank: „Körpererleben in der Schizophrenie“, Hogrefe, 1998
  • Joan Frances Casey: „Ich bin Viele“, Rowohlt, 1992

Kerstin Petermann


Kommentare



Christian schrieb am 13.01.2011 um 01:54 Uhr:

Wir leben in einer Gesellschaft, die dieses Krankheitsbild befördert. Ich bin nicht der Meinung, dass die Ausprägung multipler Persönlichkeiten heute noch ein Krankheitsbild darstellt (in dem Sinne, das Krankheit eine Abweichung von der Norm ist), denn es ist gang und gebe, dass wir uns je nach Alltagssituation in unterschiedlichen Rollen befinden. Ein vom Leben und den unzähligen Rollen, die ihm es abverlangte, gezeichneter Mensch ließ einmal seine Vergangenheit Revue passieren und stellte melancholisch fest:

Man ist so vieles, aber wer man ist, dass weiß man nicht.


Andrea schrieb am 15.10.2009 um 12:17 Uhr:

Sind wir nicht alle ein bisschen Schizophren?

Sehr interessanter und lesenswerter Artikel, mach weiter so!

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