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Die Tat ist der Lohn.

Die Tat ist der Lohn.

Was heimliche Freundschaftsdienste erhaben macht.

"Ob ihr mir's nun glaubt oder nicht: ich beneide Pünktchen. Nicht oft hat man eine solche Gelegenheit wie sie hier, dem Freund nützlich zu sein. Und wie selten kann man seinen Freundschaftsdienst so heimlich tun!
Anton wird erst staunen, dann wird er sich freuen, und Pünktchen wird sich heimlich die Hände reiben.
Aber Anton erfährt es nicht. Pünktchen braucht keinen Dank. Die Tat selber ist der Lohn. Alles andere würde die Freude eher verkleinern als vergrößern.
Ich wünsche jedem von euch einen guten Freund. Und ich wünsche jedem von euch die Gelegenheit zu Freundschaftsdiensten, die er jenem ohne sein Wissen erweist."
(Erich Kästner, Pünktchen und Anton)

Erich Kästner bezieht klar Stellung: Heimliche Freundschaftsdienste sind die besten. Sie verpflichten den Freund nicht zu Dankbarkeit, sie bringen niemanden in die Verlegenheit, sich der Angewiesenheit auf Hilfe bewusst zu sein, sie verletzen niemandes Stolz. Jemandem zu helfen, ohne dass der davon erfährt, verleiht ein heldenhaftes Gefühl. Man kommt sich schon ritterlich vor, wenn ein geplanter Freundschaftsdienst klappt und man dabei in geheimer Mission unterwegs war.
Warum jedoch die Heimlichtuerei? In vielen Fällen geht es nur darum, den Stolz des Freundes nicht zu verletzen. Aus welchem Grund auch immer können oder wollen Menschen manchmal keine Hilfe annehmen. In diesen Situationen sind Argumente wie „das ist doch nicht peinlich“ oder „das braucht jeder mal“ meistens sinnlos; Da sind Phantasie und Fingerspitzengefühl gefragt.

Eine klassische Situation ist das Verkuppeln von guten Freunden, das nur dann funktionieren kann, wenn es heimlich passiert. Hier ist also die Geheimhaltung Voraussetzung dafür, dass der Freundschaftsdienst überhaupt Sinn macht. Dafür kann man es später dann irgendwann erzählen. Das funktioniert in anderen Fällen nicht, zum Beispiel, wenn man jemanden gewinnen lässt. Da kommt zur Schweigepflicht sogar die Notwendigkeit einer Lüge. Macht das Sinn, Freunde zu belügen? In manchen Situationen schon: Menschen gewinnen zu lassen kann deren Selbstvertrauen stärken, und beim nächsten Mal schaffen sie es vielleicht von alleine. Das funktioniert natürlich nur, wenn sie auch ohne Hilfe eine reelle Chance auf Erfolg haben: Man erinnere sich beispielsweise an die Friends-Folge „Der letzte Abend“, in der Chandler vergeblich versucht, Joey beim Spielen 1500 Dollar gewinnen zu lassen. Der begreift zwar nicht, dass das spontan erfundene Spiel „Becher“ keine Regeln hat, außer der, ihm zum Sieg zu verhelfen, aber er verspielt das gewonnene Geld sogleich gegen einen uneingeweihten Gegner, und Chandler muss sich etwas Neues einfallen lassen. Was im Fernsehen zu höchst unterhaltsamen Szenen führt, kann im echten Leben ganz schön anstrengend sein, und die wenigsten Freunde sind so schwer von Begriff wie Joey. Es bedarf großen Geschicks, das Gewinnenlassen unentdeckt zu halten.

"The Blue Team represented a human ideal, a tight-knit association of tolerant and sympathetic individuals, the dream of a perfect society.
A Blue Team member would give you the shirt off his back if he saw you were in need, but he would much rather slip a ten-dollar bill into your pocket when you weren't looking."
„What you're describing is a good person.“
(Paul Auster, Oracle Night)

Auch bei Auster steht hier das heimliche Helfen ganz klar über dem offenen Freundschaftsdienst. Worin besteht nun diese Erhabenheit wirklich? Geht es nur darum, jemandes Stolz zu respektieren? Reicht es nicht, Freunde mit einem Gefallen nicht zu sehr in Verlegenheit zu bringen, nicht zu große Dankbarkeit zu erwarten? Man muss ja zum Beispiel nicht erwähnen, dass man für die kleine Besorgung in zehn Läden war, und dafür den halben Nachmittag gebraucht hat. So erspart man dem Freund ein schlechtes Gewissen.
Für manche ist aber genau das der Grund, jemandem zu helfen: Menschen, bei denen man etwas gut hat, können nützlich sein. Vielleicht liegt das positive Image des geheimen Freundschaftsdienstes eben genau an jenen, die den Sinn eines Gefallen erst in der Inszenierung von heroischen Taten und der Verpflichtung zu Dankbarkeit sehen. So verkommt der Freundschaftsdienst zum Geschäft. Für jede Gefälligkeit wird ein Lohn, eine Gegenleistung erwartet, wenn nicht ausgesprochen, dann doch heimlich, oder zwischen den Zeilen erkennbar.
Natürlich gibt es auch Menschen, die etwas für Freunde tun, ohne zu überlegen, ob und wann sie dafür etwas zurückbekommen, doch das kann selbst in gut funktionierenden Freundschaften schwer sein für den, der es annimmt. Es entsteht ein Ungleichgewicht, womöglich ein belastendes Schuldgefühl. „Womit habe ich das verdient?“ fragen sich viele und wenn ihnen nichts konkretes einfällt, fühlen sie sich verpflichtet, irgendetwas zurückzuzahlen. Dabei ist der das schönste Womit das „damit, dass du so bist, wie du bist“. Zu wissen, dass jemand bereit ist, für einen dazusein, auch wenn es vielleicht gerade keinen Spaß macht, ist meistens schon genug. Abgesehen davon kann erwiesener Gefallen es Freunden leichter machen, selbst um etwas zu bitten.

Mumintroll findet einen Drachen. Den letzten und den schönsten auf der ganzen Welt. Er möchte ihn schrecklich gerne behalten und lieb haben, doch der Drache ignoriert ihn und lässt nur Mumrik, Mumintrolls besten Freund in seine Nähe, der sich in keiner Weise um das Tier bemüht hat. Schweren Herzens lässt Mumintroll den Drachen zu Mumrik fliegen.
Der Mumrik betrachtete besorgt das kleine, glitzernde Geschöpf, das sich vor ihm spreizte, sosehr es nur vermochte. „Natürlich bist du hübsch“, sagte er. „Natürlich wäre es fein, dich zu besitzen, aber sieh mal, Mumintroll…“
Mumrik schickt den Drachen fort. Am Abend kommt Mumintroll vorbei und fragt nach ihm.
„Ist er nicht zu dir gekommen?“ „Nei-ein, der nicht“, sagte Mumrik und zündete sich die Pfeife an. „Solch kleine Drachen tun, was ihnen gerade einfällt. Einmal so und ein anderes Mal so, und sehen sie eine fette Fliege, vergessen sie alles, was sie früher dachten oder fühlten…So ist das mit den Drachen, weißt du. Auf die ist kein Verlaß!“
(Tove Jansson, Die Geschichte von dem letzten Drachen der Welt)

Janssons Mumintroll weiß nichts von Mumriks Verzicht und glaubt an die Gerechtigkeit. Nicht, dass er seinem Freund den Drachen nicht gegönnt hätte, doch es tut weh, etwas Geliebtes an jemand anderen zu verlieren, ganz besonders, wenn der andere ein Freund ist. Mumrik erfindet eine Lüge, um Mumintroll vor diesem Leid zu schützen.
So kann man einem Freund ein schlechtes Gewissen ersparen: Wer freut sich schon gerne im Bewusstsein, dass jemand anderer dafür bezahlen musste? Mit einem Freundschaftsdienst dieser Art kann man Menschen das schöne Gefühl schenken, dass ihnen das Leben etwas Gutes getan hat, über das sie sich unbeschwert freuen können. Doch manchmal wäre die Freude noch größer, die man empfindet, wenn man von einem großen Freundschaftsdienst erfährt. Er ist schließlich ein schönes Zeichen von Zuneigung und Vertrauen, und ist das nicht eines der schönsten Geschenke überhaupt, wenn einem das Leben solch einen Freund beschert?

Es bleibt also immer eine Frage der richtigen Einschätzung der Situation, zu beurteilen, womit dem Freund am meisten gedient ist. Dafür muss man sich viele Gedanken machen, viel Einfühlungsvermögen zeigen, und nicht nur an sich selbst denken. Und das ist vielleicht ohnehin das Wichtigste, das man Freunden schenken kann, ganz gleich, ob sie von Freundschaftsdiensten erfahren oder nicht.

Katharina Litschauer



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