Nicht alt werden auf Festivals.
Wenn Fremdschweiß seinen Reiz verliert.
Die meisten schriftlichen Berichte über Festivals haben ja weniger Konzerte zum Thema als die eigene Befindlichkeit. Die Anzahl der bezwungenen Bierkästen, die netten Zeltnachbarn, die weniger netten Zeltnachbarn, das Wetter im Bezug auf die persönliche Situation, wer wann wie groß im Konzert vor einem gestanden hat, die sexistischsten T-Shirt-Sprüche, die langen Wege, Dixi. Dennoch lautet das Fazit meist: „Hat sich aber trotz der Unannehmlichkeiten gelohnt.“ Was aber, wenn es sich eines Tages nicht mehr lohnt? Wenn das gefühlte Unbehagen größer ist als der Gewinn? Wenn all die allgemeingültigen Widrigkeiten von Festivals, die bisher schmunzeln machten, die Erinnerung noch Wochen danach bestimmen? Ist man dann alt? Ist man fehl an diesen Plätzen und sollte das Feld denen überlassen, die für ein Wochenende Musik, Blut, Schweiß und Tränen in Kauf nehmen, ohne großartig darüber nachzudenken?
Die Erkenntnis, dass sich etwas geändert hat, kommt nur langsam. Nachdem man auf den ersten Open Airs die sich ständig wiederholenden Rituale staunend zur Kenntnis genommen hat, erträgt man sie in Phase Zwei gleichgültig. Ein Festival gibt viel, fordert jedoch gleichzeitig Kompromissbereitschaft ein. Es lehrt einen wichtige Dinge über das Zusammenleben mit Menschen. Viel zu schnell lernt man, dass es zwei Arten von Fremdschweiß gibt. Den süffig-satten, der trieft und T-Shirts fest an Rücken klatscht. Den kalten Fremdschweiß, jener, der nicht sichtbar ist, an dem man widerstandslos abgleitet, der sich wie eine Schutzschicht um den fremden Körper des Vordermanns legt und der sich nach Krankheit anfühlt, wenn man gegen ihn pogt. Dixitoiletten zeigen eindrucksvoll, wie sinnvoll es ist, die Angst vor den Exkrementen anderer abzulegen; eine Erfahrung, die jeder machen sollte. Doch irgendwann hat man genug junge Menschen mit Toilettenpapierrollen und hängenden Schultern vor den Dixireihen stehen sehen.
Problematisch wird es, wenn Gewaltphantasien, die innerhalb größerer Menschenmassen zwangsläufig auftreten, eines Tages Wirklichkeit werden. Wenn während des Konzerts größere Gruppen unsanft den eigenen Körper zur Seite drängen und das wieder und wieder geschieht, dann ist man irgendwann bereit, die Gewalt anzuwenden, über die man bisher nur gedankenverloren phantasiert hat. Dann wird die Musik auf der Bühne unwichtig und die eigene Wahrnehmung wird nur auf die Menschen in unmittelbarer Umgebung beschränkt. Ein Ellenbogen schlägt in den Bauch eines Dränglers, ein Absatz tritt schmerzhaft auf andere Fußzehen, der DummesZeugschwätzende Typ wird solange unauffällig gekniffen, bis er sich endlich verzieht. Dann gibt es kein Glücksgefühl mehr für den Moment, dann gibt es nur Wut über sich, die Menschen, die Extremsituation. Weil man sich selber kennt, weil man selbst schon unzählige Male durch Menschenmassen drängte, weil man weiß, dass nur eiskalte Rücksichtslosigkeit in die erste Reihe führt. Man kennt den Tunnelblick der Drängler viel zu gut und man hasst Festivals dafür, dass sie Menschen zum Austicken bringen.
Mit dem Rücken steht man zur Bühne, damit Crowdsurfer keine Stahlkappen ins eigene Gesicht schlagen. Und hat man das oft genug gemacht, dann greift man eines Tages nicht mehr nach einem Bein, um die Surfer zu halten. Sie stürzen ab, die Menschen weichen zurück und dann liegen sie im Schlamm, die Ché-Shirts tragenden Surfer. Und man hat auch kein Mitleid mehr mit denen, die die Security hart angeht. Man möchte sie sogar nach anfeuern, wenn sie Fotografen nach drei Liedern unsanft aus dem Bühnengraben drängen.
Spätestens dann weiß man, dass man auf der falsche Seite steht. Als der alte Sack, der man nie sein wollte und dennoch ist, starrt man auf die Videoleinwand und denkt: „Sauberer Bildschnitt, schöne Perspektiven“ und vergisst dabei, dass noch Bühne exisitiert, auf die man auch schauen könnte. Den Preis für äthopisches Sojaschnitzel zahlt man plötzlich ohne mit den Wimpern zu zucken. Es ist okay, wenn das Ohropax die Ohren schützt, aber jede Energie von der Musik nimmt, weil es auf lange Sicht vernünftiger scheint, über ein funktionierendes Gehör verfügen zu können. Denn irgendwann sind Kompromisse untragbar. Einen dreistelligen Geldbetrag auszugeben, um die Köpfe einer Band zucken zu sehen, während gleichzeitig Brackwasser durch die um die Stoffturnschuhe gewickelten Müllsäcke dringt, ist keine Alternative. Es ist nicht mehr akzeptabel, von nackten Festivalbesuchern, die sich Schlamm wälzen, mit Schlammbrocken beworfen zu werden. Es ist nicht in Ordnung, während des besten Lieds der besten Band des Festivals von lustigen Gruppen mit Bier überschüttet zu werden und als Spaßbremse bezeichnet zu werden, weil man nicht mitlacht.
Grundsätzlich ist es ein trauriger Gedanke, ein alter Sack zu sein. Von nun an muss man so denken und kann nur mehr mit Bitterkeit über Musik schreiben. Man geht sowieso viel lieber auf Konzerte, die maximal 300 Besucher pro Millionenstadt interessieren.
Stefan Petermann
Kommentare
| arek schrieb am 13.11.2007 um 16:55 Uhr: |
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fuck wie traurig.
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