 Photoshopping die Wirklichkeit.
Die gefälschte Wirklichkeit von Bildern.
Zwei Fotos, ein Bildbearbeitungsprogramm und eine Idee — es sind weniger als fünf Arbeitsschritte, bis Thees Ulmann, Sänger der Hamburger Band Tomte, eine hundert Kilogramm schwere Katze in den Händen hält. Köpfe auf fremde Körper setzen zählt zu den beliebtesten Bildfälschungsmethoden: Ob es Kate Winslet ist, deren Gesicht für einen Magazintitel auf den Körper eines schlanken Models montiert wird (siehe unten, Abb.1) oder ob Stéphanie von Monaco vor der Geburt ihres Kinds ein fremdes Baby unter den Arm geklebt wird (Abb.2) — Fotomanipulation ist schon lange Alltag.
Das Foto
Für André Bazin ist Fotografie eine „Übertragung der Realität des Objektes auf seine Reproduktion“. Anders gesagt: Ein Foto verspricht Wahrheit. Dabei kann ein Foto nicht mehr als ein nur zufälliger Blick sein, der schon durch das nächste Bild widerlegt werden kann. Ein Foto zeigt die Welt — in einem Ausschnitt. Der Fotograf bestimmt diesen Ausschnitt durch seinen Standort, die Tiefenschärfe, die Farben, den Zeitpunkt des Auslösens. Die allgemeine Annahme, dass ein Bild Wahrheit in sich trägt, weckt den Wunsch nach einer Manipulation, um somit Macht über diese Wahrheit zu erhalten. Wurden anfangs Veränderungen im Bild mit Schere, Retuschepinsel und ineinanderkopierten Lichtplatten vorgenommen, haben sich die Arbeitsweisen aufgrund der digitalen Fotografie stark verändert. Einige oft verwandte Möglichkeiten der Bildmanipulation sind Dodging & Burning (Bildaufhellung), Cloning (Kopieren und Neuzusammensetzung des Bilds), Cropping (Verändern des Bildausschnitts), Fotomontage (ein Bild wird aus verschiedenen Negativen neu gestaltet), Hinzufügen von Details und schließlich Veränderung der Bildaussage durch einen entsprechenden Text.
Die vorsätzliche Manipulation eines Bilds beginnt jedoch schon im Inszenieren des Bildmotivs. So wurden für Fotoaufnahmen während des amerikanischen Bürgerkriegs Soldatenleichen auf verschiedenen Schlachtfeldern arrangiert, um so eine dramatischere Wirkung zu erreichen. Die angeblich echte Aufnahme des Ungeheuers von Loch Ness ist eine Fälschung. Nessie ist ein 30 Zentimeter großes Model, welches auf ein Spielzeug-U-Boot montiert wurde. (Abb.3)
Der Krieg
Grundsätzlich ist Fotos, die in Zusammenhang mit Kriegsgeschehnissen stehen, nie zu trauen. Während des dritten Golfkriegs kursierte im Internet ein Bild (Abb.4), auf dem ein amerikanischer Soldat neben einem irakischen Jungen steht, der ein Schild in die Kamera hält: „Lcpl Boudreaux killed my Dad, then he knocked up my sister!“ Kurze Zeit später tauchte das gleiche Bild auf, nur das diesmal auf dem Schild stand: „Lcpl Boudreaux saved my dad then he rescued my sister.'“ Es wurde vermutet, dass das zweite Bild das Original war. Doch als schließlich ein drittes Bild auftauchte, auf dem das Pappschild leer blieb, war die Verwirrung groß. Jede Seite konnte das Bild nun für seine eigene Möglichkeit der Interpretation nutzen. Als Ergebnis einer monatelangen Untersuchung soll ursprünglich auf dem Schild unverfänglich „Welcome Marines“ gestanden haben.
Berühmt geworden ob seiner Amateurhaftigkeit ist das angebliche Entführungsfoto eines GIs, welches auf einer islamischen Webseite veröffentlicht wurde. (Abb.5) Schnell wurde klar, dass der Soldat nur die Actionspielzeugfigur Cody war. Auch das Bild vom Sturz der Saddamstatue, das es immerhin auf den Titel des Spiegels schaffte, gibt bei genauerer Betrachtung nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit wieder. (Abb.6) Auf Fotos, die aus weiterer Entfernung zu sehen sind, zeigt sich, dass, entgegen der Symbolik des Fotos, nur eine vergleichsweise geringe Menschenmasse an den Jubelfeiern beteiligt war. Amerikanische Panzer bewachen die Menge. Ein Propangandabild in der Tradition des berühmten Fotos von 1945, auf dem ein russischer Soldat auf dem zerstörten Reichstag die sowjetische Flagge hisst. (Abb.7) Auf diesem Bild wurden die beiden Armbanduhren, die der Soldat trug, vom Fotografen entfernt, da die Uhren vermutlich von Plünderungen stammten und Plünderungen nicht zum offiziellen Bild der Sowjetarmee paßten.
Bildmanipulationen finden sich in allen politischen Lagern wiedern. So zeigt ein angeblich echtes Bild einen deutschen Soldaten, der das Gewehr auf eine wehrlose Mutter mit Kind anlegt. (Abb.8) Darunter steht „Deutsche Täter sind keine Opfer“. Auch dieses Bild ist eine Montage, schon allein deshalb weil der Soldat kein deutscher Soldat ist, sondern ein Angehöriger der kroatischen Sicherheitsdivision. Außerdem legen Schusswinkel und die Entfernung zum Ziel den Verdacht nah, dass es sich um bei dem Bild um eine Montage handelt.
Der Pressekodex
Der Schweizer Presserat unterscheidet drei Stufen der Bildbearbeitung: eine rein gestalterische (z.B. Veränderung von Helligkeit), eine Bearbeitung, die den Inhalt des Bildes, jedoch nicht dessen Aussage verändert und schließlich Montagen, die den Bildinhalt ändern und auch als solche kenntlich gemacht werden müssen.
Kein Artikel über Manipulation ohne die BILD Zeitung. Im Zuge der durch die „Wir sind Papst“ Schlagzeile initiierten Gegenbewegung „Eye said it before“ übernahm die BILD ungefragt Bilder aus einem entsprechenden Weblog, nicht ohne jedoch eigene (gefälschte) hinzuzufügen. Auf einer Brücke waren die Worte „Wir sind Papst“ gesprayt. (Abb.9) Diese Worte waren jedoch, entgegen der Behauptung in der Bildunterschrift, durch die Software Letter James hergestellt, mit der Texte auf digitalen Bildern dargestellt werden können. Auf einem anderen Foto mit Jürgen Trittin fragt BILD „Was macht Minister Trittin auf dieser Gewaltdemo?“ (Abb.10) Um die Gewalt zu verdeutlichen, werden gewisse Gegenstände deutlich gemacht: so mutiert ein Seil zu einem Schlagstock und unterstreicht den angeblich gewalttätigen Aspekt der Demonstration. Im Folgenden rügte der Presserat die BILD-Zeitung, weil sie mit dieser wissentlichen Manipulation gegen Ziffer 2 des Pressekodex verstoßen hatte, wonach Nachrichten und Informationen in Wort und Bild „mit der nach den Umständen gebotenen Sorgfalt auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen seien.“ Daraufhin entschuldigte sich BILD öffentlich für „handwerkliche Fehler.“
Als der Bayrische Rundfunk im Juli auf seiner Homepage ein Bild veröffentlichte, auf dem Angela Merkels Schweißflecken retuschiert waren und SpOn dies öffentlich macht, nahm der DJV-Vorsitzende Michael Konken dies zum Anlaß, darauf hinzuweisen, dass es der Glaubwürdigkeit der Medien schade, wenn „ein und dasselbe Foto in zwei verschiedenen Versionen in den deutschen Medien veröffentlicht“ wird.
Das Internet
In der Zeit der digitalen Fotografie wird Manipulation zum Volkssport. Gerade durch das Internet ist eine rasche Verbreitung von gefälschten Bildern möglich. Solche im Internet entstandenen Gerüchte werden Hoax genannt. Meist sind es sind private Scherzbilder, die vom Urheber an Freunde gemailt werden und sich dann virus-artig weiterverbreiten. So geschehen beim obigen Bild mit der Riesenkatze, welches es schließlich bis in die The Tonight Show With Jay Leno brachte. Der berühmteste Hoax war ohne Zweifel der Tourist Guy (Abb.11); das Foto eines Touristen auf dem Dach des WTC, während im Hintergrund eine Boeing in das Gebäude rast. Die Fälschung konnte schnell entlarvt werden (falscher Flugzeugtyp, falsche Himmelsrichtung), dennoch entwickelte sich der Tourist Guy schnell zum Symbol für Fotomanipulationen im allgemeinen und ganze Bilderserien wurden mit ihm entwickelt. Weitere Hoaxes sind die bekannten Bonsaikitten, also Fotos von Katzen, die angeblich in Glasbehältern gezwängt werden und dann die Form des Behälters annehmen. (Abb.12) Auch manipulierte Fotos von abgemagerten Models (Abb.13) und der seit Jahrzehnten währende Streit um die Echtheit der Mondlandung und die daraus resultierenden gefälschten Fotofälschungen sind moderne Formen der Zeitungsente.
Als das weltweite Bushbashing seinen Höhepunkt erreichte, machte ein Foto des amerikanischen Präsidenten die Runde, auf dem er ein Kinderbuch verkehrt herum hielt. (Abb.14) Dieses Bild war eine Fälschung, die jedoch rasche Verbreitung auf den entsprechenden Seiten fand. Dramatischer waren die Folgen der Fotomontage, die während des letzten amerikanischen Wahlkampfs auftauchte. Auf dem angeblich historischen Foto ist Präsidentschaftskandidaten John Kerry auf einer Antivietnamkundgebung gemeinsam mit Jane Fonda zu sehen. (Abb.15) Fonda gilt als entschiedene Vietnamkriegsgegnerin. Indem Fonda mit Kerry in Zusammenhang gebracht wurde, wurde Kerrys in Amerika so wichtige Vietnamkriegsposition untergraben. Und auch wenn diese Fälschung noch während des Wahlkampfs aufgedeckt wurde, schaffte sie es falsch kommentiert auf die Titel vieler Zeitschriften und prägte so das öffentliche Bild Kerrys.
Das Perfekte
Eine perfekte Fälschung gibt es nicht. Digitale Bilder besitzen Eigenheiten, die Fälschungen überführen können. So ist der Farbsaum eine Art Fingerabdruck des Objektivs. Die Kanten innerhalb eines Bilds sollten, je nach Kameraart, die gleichen Säume aufweisen. Ist dies nicht der Fall, so können Manipulationen schnell erkannt werden. Gerät das Fake jedoch in die Öffentlichkeit, ist das Ziel jeder Fotomanipulation erreicht: Dem Betrachter die vom Manipulator eigene Wahrheit zu präsentieren. Nachträgliche Aufklärung ändert daran wenig: Am Ende bleibt das Gelogene im Kopf.
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Stefan Petermann
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