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Jonathan Safran Foer  - Extrem laut und unglaublich nah

Immer noch: Erleuchtung.

Autor Jonathan Safran Foer
Titel Extrem laut und unglaublich nah
Verlag Fischer (Tb)
Seiten 436
Bewertung 9 von 9 Punkten

Dieses Buch überraschte mich wirklich und zwar, weil es mich einer meiner Eitelkeiten überführte. Ich hatte am Regal gedacht, dass ich bereits wüsste, was es auf sich hätte, mit so einem Buch (Verkaufsschlager, Amerika, hip, humorvoll, leicht), so wie man an der Straße denkt: so-welche-wie-dich-kenne-ich-doch-Alter, erzähl mich nichts, ich weiß es schon. Bekanntes und altes Phänomen: Vorurteile verkleiden sich als Wissen und verarschen den Beobachter — mich.

Extrem laut und unglaublich nah ist — das sage ich so aus dem Bauch und meine es — sehr, sehr schön. Es berührt und es schnürt ein. Für die visuellen Typen sind sogar Bilder drin. Es macht, dass man sich für Dummheit, Voreiligkeit und Grobheit schämt und — ganz wichtig — es macht mitfühlend. Mich persönlich beeindruckte diese seltsame Dynamik, die es vermag, einen in den Sessel zu pressen, weil ich natürlich nicht genau weiß, wie das funktioniert, wie man die inneren Organe eines Anderen packt. Wie geht Ergriffenheit?.

Foer, sehr jung und hochgelobt, debütierte 2005 mit dem inzwischen verfilmten Roman Alles ist erleuchtet und wurde an einigen Stellen für seinen literarischen Mut gelobt. Warum das jetzt mutig genannt wird, weiß ich nicht. Aber, bevor ich das vergesse, kann ich ja erwähnen, worum es in Extrem laut und unglaublich nah geht. Der Titel verrät nichts. Es geht um einen achtjährigen Jungen, dessen Vater beim Angriff auf das World Trade Center ums Leben kommt. Der Junge, Oskar Schell, ist der Erzähler und entsprechend seines Alters ist die Sprache direkt, leicht und eindringlich. Man begleitet ihn dabei, wie er trauert, wie ihn der Verlust des Vaters schmerzt, wie er versucht, angesichts dieser Zerrüttungen weiterzumachen. Leichtigkeit erhält diese Figur durch ihre Quirligkeit, Warmherzigkeit und ihren erfrischenden Ideenreichtum. Oskar hält sich für einen Erfinder, schreibt Briefe an Stephen Hawking, hat tausende Hobbys, für die er die Bezeichnung Hobby ablehnt, denn er spielt ja nicht und er schäumt über vor unterhaltsamen Einfällen („Eine super Idee wäre auch, meinem Hintern beizubringen, beim Furzen zu sprechen. Ganz besonders komisch wäre es, ihm beizubringen, dass er jedesmal “Das war ich nicht!„ sagt, wenn ich einen unglaublich fiesen Furz lasse.“) Als Oskar einen Schlüssel seines toten Vaters findet, nimmt er sich vor, das passende Schloss zu finden und besucht dazu fremde Menschen. Was ihm begegnet, ist Einsamkeit und die Tatsache, dass in jedem Einzelnen Dramen wohnen. Das ist es auch, was das Buch so schön macht, dass es mit Sorgfalt und Vorsicht, unzynisch und ohne kitschig oder moralisierend zu sein, darauf aufmerksam macht, wie wichtig Gutherzigkeit ist, weil wir so verletzlich sind. Ein zweiter Erzählstrang verfolgt über ein briefliches Bekenntnis die Lebensgeschichte von Oskars Oma, die den stummen Freund ihrer toten Schwester heiratete. Die Oma ist die zweitliebste Person in Oskars Leben (nach seinem Vater).

Man kann Foer vorwerfen, dass er das Maß an persönlichen Dramen etwas überstrapaziert, dass die Masse an Schicksalen den Roman in Richtung Kitsch steuern lässt. Stilistisch aber ist alles in Butter, da ist nichts schmalzig oder überzogen, das hat er echt gut gemacht. Und vielleicht ist es das, was man mit mutig meint (zum Beispiel die Brigitte, in der steht, dass Extrem laut gewagt ist), dass sich jemand so nah an die Dokumentation von Verletzlichkeit und Gefühlen wagt, wie es normal nur vom Kitsch, von schlechten Schicksalsberichten vollzogen wird. Das braucht wohl aber weniger Mut, als eher ein feines Gespür für die Dosierung von Echtheit und Nähe.

Fazit: Extrem schön und unglaublich hinreißend.

Susanne Krüger



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