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Das unmöglichste Glück.

Das unmöglichste Glück.

Finn-Ole Heinrich liest wenig und schreibt viel.

Aus der Serie Junge Schriftsteller:

Kurzgeschichte als MP3 am Ende des Textes

Die Sache mit Finn-Ole Heinrich ist die: Er könnte es darauf angelegt haben. Wie er da sitzt. Vorne, auf dem orangenfarbenen Plastiksessel. Mit den dunkelblonden Haaren, die hinten zusammengebunden sind zu etwas, das nicht zu einem Pferdeschwanz reicht. Mit der winzigen Narbe auf seiner Nase. Den dünnen Lederhalsbändern. Und dem grau-schwarz gestreiften T-Shirt. Mit seinen 24 Jahren. Wie er da vorliest, so gnadenlos perfekt, aus Die Taschen voll Wasser, seinem Erzählband, und 50 junge Menschen erstarren. In diesem Raum, der so voll ist wie eine Germanistikvorlesung. Ein Radiosender hat Finn-Ole Heinrich in seine wöchentliche Literatursendung eingeladen. Die Moderatorin neben ihm sagt, dass es sicher nichts besonderes mehr für ihn sei, so eine Lesung. Er sagt: „Doch schon.“ Natürlich. In der NEON lassen sich jeden Monat Menschen in Umhängetaschen fotografieren und antworten auf eine alltägliche Frage. Könnte Finn-Ole Heinrich nicht der sein, der die Bücher für ihre Umhängetaschen schreibt?

Dann aber erzählt er im Interview am nächsten Tag Dinge, die einige Vermutungen ziemlich blöd aussehen lassen. Er tut das in ruhigen Sätzen, die er manchmal abbricht und neu beginnt. Das Vorlesen zum Beispiel, das hat er einfach gelernt. Seinen Zivildienst hat er damit verbracht, einem Mann die Tageszeitung vorzulesen. Jede Zeile des Hamburger Abendblattes. Weil der nur noch seine Augen bewegen konnte. Amyotrophe Lateralsklerose (ALS), eine Nervenkrankheit, an der auch der Physiker Stephen Hawking leidet. Eines Tages hatte der Mann bemerkt, dass er keinen Stift mehr halten konnte. Drei Monate später saß er im Rollstuhl. Weitere drei Monate später wurde er bereits künstlich beatmet und künstlich ernährt. Und Heinrich lernte vorzulesen. „Ich wollte ihm etwas bieten“, sagt er. Zu Beginn dachte er, dass doch so niemand leben wolle wie dieser Mann. Später dachte er das nicht mehr. „Ich glaube, wenn man das so akzeptiert, gibt es Momente, die auch Genuss bedeuten können. Der hing total an seinem Leben.“

Es war eine wichtige Zeit für Heinrich. Er schickte Bewerbungen an Unis raus, zog wegen des Zivildiensts von zuhause weg. Von Cuxhaven nach Hamburg. Ein Verlag wurde bei einer Lesung auf ihn aufmerksam. Und er verfasste die Erzählung „Schwarze Schafe“, die 2005 in Die Taschen voll Wasser erscheinen sollte. In der Erzählung geht es um drei Freunde aus Kattowitz, die unbedingt nach Berlin wollen. Also sammeln sie Kohle, die von den Zügen fällt, und verkaufen sie. Es sind drei Freunde, die an ihrem Leben hängen.
Nach dem Zivildienst zog Heinrich nach Hannover und begann ein Filmstudium. „Weil ich einige Dinge besser in Bildern als in Worten erzählen kann.“ Er ist bis heute dabeigeblieben.

Heinrich hat seinem Schreiben nur eine Chance gegeben. Mit siebzehn schickte er den Anfang eines Romans zum Literaturlabor Wolfenbüttel und erhielt ein Stipendium. Da erkannte er: Das kann er wohl. „Ich bin mir sicher, dass ich nicht weiter geschrieben hätte, wenn ich das Stipendium nicht gekriegt hätte.“ Mit vierzehn hatte er angefangen, Briefe zu schreiben, aus einem der Gründe, weshalb er später Geschichten schrieb: um über Dinge nachzudenken. Mit sechzehn versuchte er sich an einem Roman. Über einen Jungen, der sich mit dem Tod seiner Großeltern auseinandersetzt. Nach fünfzig Seiten hörte er auf. „Ich fand's scheiße. Es kam mir total pubertär vor.“ Es blieb das Gefühl, dass er etwas mitzuteilen hatte. „Schreiben war das einzige Verfügbare.“
Nach einem Schüleraustausch in Frankreich geriet er in eine Krise, ein enger Freund nahm sich das Leben. In dieser Situation merkte er, dass ihm das Schreiben half. Das Stipendium bestätigte ihn. Er schrieb seine erste Kurzgeschichte, „Die Welt ist kurzbeinig“. Auch die sollte später in seinem ersten Buch auftauchen. Er erzählt, wie der Protagonist als Kind mit seiner Mutter über die Autobahn fährt und sich die Biografien für die Menschen ausdenkt, die an ihnen vorbeifahren. Heinrich kennt das. Früher vertrieb er sich die Langweile damit, sich Biografien von Leuten auszudenken. Und er beobachtete Leute. Sehr genau. Hatte immer einen Block in der Hand. Schrieb alles mit. Eines Tages besuchte er seine Mutter im Krankenhaus und fing an, sich über die Bettnachbarin Notizen zu machen. „Da habe ich gedacht: Du hast doch einen an der Klatsche. Du nimmst doch gar nicht mehr am Leben teil.“ Seitdem baut er seine Geschichten lieber im Kopf zusammen. Meist weit weg von sich selbst. Er nutze sein eigenes Leid nur für Geschichten aus, wenn es nicht anders gehe.

Heinrich zehrt von dieser Zeit, in der er sich Lebensläufe ausgedacht und Menschen beobachtet hat. Seine Formulierungen sind präzise, können mit sehr wenig sehr viel sagen: „An Lucy habe ich die Dinge, von denen man immer redet, schließlich verstanden. Mit Fingern essen. Ja, das tun auch andere, aber bei ihr habe ich verstanden, worum es geht. Um das Gefühl, ums Sich-Nicht-Hinhalten-Lassen, um einfach machen, um Kuchen in den Fingern kneten und mehr fühlen als alle, die mit Gabeln essen.“
Seine Figuren wirken zunächst unscheinbar und sind dann doch extrem. „Zu aufrüttelnder Fiktion verdichtete Realität“, schrieb die taz. Und doch sagt Heinrich: „Alles, worüber ich schreibe, ist möglich und denkbar. Das ist das eigentlich Erschreckende.“ Ihn interessieren Abgründe. Das Kranke im Menschen. „Die Krankheit ist ein Spiegelbild der Umwelt. Ich muss die Umstände nicht benennen, sondern beschreibe die Symptome.“ Niemand ist also kranker als die Menschen, die ihn umgeben. Eine Frau, die an Bulimie leidet, zerstört das Leben ihrer besten Freundin, um ihr den Freund auszuspannen. Ein Mann wohnt noch immer bei seiner Mutter, die ihn unterdrückt. Als sie stirbt, unterdrückt er ihren Hund. Ein Mann jenseits der fünfzig arbeitet als Weihnachtsmann im Kaufhaus und masturbiert in den Pausen auf der Toilette. Er ist noch Jungfrau und von Selbsthass zerfressen. „Ich habe immer ein Thema, das mich interessiert. Dann verschiebe ich die Themen an einen Ort, wo es problematisch wird, und spiele die Möglichkeiten durch.“

Das wirkt bisweilen, als wolle der Autor selbst die Abgründe ästhetisieren, sogar den Alltag von den drei Jungen in Kattowitz. An einige Stellen ist es so dicht, dass es mühsam wird. Jeder Satz, jedes Wort scheint durchdacht. „Ne, gar nicht“, sagt er. „Mittlerweile fetz' ich eine Geschichte sogar so in drei, vier Stunden weg.“ Aber so eine gewisse Verdichtung habe natürlich etwas Schützendes, weil es kodiere. Mittlerweile hat sich das geändert. Zwar schreibe er immer noch dicht, aber „jetzt verstehe ich, das in einer leicht gängigen Handlung aufzulösen.“ So wie in seinem Roman, an dem er gerade schreibt.

Doch trotz aller Kodierungen lösen die Geschichten etwas aus. Vielleicht, weil Heinrich sich wenig an anderen orientiert. Er liest kaum und das langsam. Seine Sätze treffen eine Stelle, die lange niemand mehr berührt hat. Oft fühlt sich das traurig an, weil viele Protagonisten scheitern. Manchmal fühlt sich das gut an. In der Erzählung „Was es heißt“ schläft ein Mädchen mit dem besten Freund ihres Freundes. Während die beiden Jungen versuchen, das untereinander klarzukriegen, aber weit davon entfernt sind, findet das Mädchen eine Haltung, die sie Glück spüren lässt: „Was zählt, ist dieses schmale Wunder. Es bräuchte sich nur die Temperatur zu ändern, das Wasser verschwinden, die Luft verdünnen. Es wäre alles aus. Keine Gefühle in den Gebirgsspalten, keine klugen Worte, keine laute Musik (…) Was es heißt, in dieser Nische zu wohnen.“

Die Sache mit Finn-Ole Heinrich ist die: Er könnte es darauf angelegt haben. An das Glück in den unmöglichsten Situationen zu glauben. Einem, der das konnte, las er mal das Hamburger Abendblatt vor. Heinrich hat versucht, ihn in einer Geschichte auftauchen zu lassen. Er hat es nie geschafft.


Kurzgeschichte Die Welt ist kurzbeinig als MP3

Sebastian Dalkowski



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