Zwischen Schweißfüßen und Schuhwichse.
Nicht jede Frau findet Schuhe kaufen toll.
Manchmal reicht schon eine Zugfahrt mit einer alten Bekannten, um sich wie ein Mädchen zu fühlen, das vielleicht ein bisschen anders ist als andere. Wir verließen gerade unseren Bahnhof, da hatte meine Bekannte in der Vogue schon das Objekt ihrer Begierde entdeckt. „Will ich!“ rief sie wie ein Kind vorm Bonbonregal und zeigte auf etwas Seltsames, das man anscheinend an den Füßen tragen sollte. Ich wusste bisher nicht, dass es solche Schuhe gab und ich wusste auch nicht, dass man für so was 850 Euro ausgeben konnte. In fast erotischer Verzückung strich sie über die Seiten des Magazins und ich dachte darüber nach, warum ich ihre Begeisterung nicht teilen konnte.
Ich konnte einen solchen Schuh-Fetischismus noch nie nachvollziehen. Im Gegenteil, Schuhe kaufen war mir schon immer ein Gräuel. Es war langweilig und lästig. Sofort stieg mir der muffige Geruch nach Schweißfüßen und Schuhwichse wieder in die Nase, der mir früher im Schuhhaus Hanneken entgegenschlug. Dieses Schuhgeschäft war eines der wenigen in unserer Gegend, und bis wir Kinder einen Führerschein hatten und in die Stadt fahren konnten, mussten wir uns unsere Schuhe eben dort aussuchen. Der alte Schuster kam dann fast jedes Mal von hinten aus der Werkstatt zu uns und wechselte ein paar Worte mit unserer Mutter. Ich fürchtete mich ein bisschen vor ihm, denn er sah nicht besonders freundlich aus und hielt immer einen Hammer in der Hand. Unangenehm auch die Momente, in denen ich als Kind auf dem Hocker saß und die Schuhverkäuferin sich vor mir niederkniete, um mir die neuen Schuhe zuzubinden. Ich war peinlich berührt, schließlich konnte ich das auch selbst machen. Aber das gehörte in ihren Augen wohl zum Service dazu und sie duldete keinen Widerspruch. Dann musste ich im Laden auf und ab gehen und bekam Sätze zu hören wie: „Ist normal, dass die drücken. Die laufen sich noch ein.“ Und zuhause stellte man dann fest, dass die Schuhe eine Nummer zu klein waren.
Als es dann so weit war und sich für mich die Pforten zur großen weiten Welt (Cloppenburg, Oldenburg, Vechta) öffneten, lernte ich das andere Extrem kennen. Billige, moderne Schuhcenter, die mich mit ihren Farben, Formen und synthetischen Gerüchen völlig reizüberfluteten. Überall wuselten Leute herum, die Verkäuferinnen standen teilnahmslos an der Kasse und jeder musste sich selbst bedienen. Dementsprechend herrschte ziemliches Chaos. Die engen Gänge lagen voller Schuhhaufen. Man musste sich seine Größe aus einem Stapel neongelber Schuhkartons heraussuchen und nicht selten kam es vor, dass der ganze Kram wie beim Turmbau zu Babel zusammenbrach. Setzte ich mich zum Anprobieren auf einen Hocker, standen sofort zwei 15-jährige Moonboot-Trägerinnen hinter mir und schauten demonstrativ auf die Uhr, weil sie zusätzlich zu ihren rosafarbenen Moonboots auch noch himmelblaue entdeckt hatten und diese anprobieren wollten. Hatte ich dann endlich ein Paar Schuhe gefunden, mit denen ich halbwegs zufrieden war (oder mich zufrieden gab, um endlich aus der Hölle zu fliehen), fühlte ich mich einfach nur erschöpft. Und das Schlimme war: In drei Monaten würde ich wieder hier stehen, denn spätestens dann waren die Dinger kaputt.
Deshalb werde ich immer leicht aggressiv, wenn ich Sprüche höre, in denen Worte wie „Schuhtick“ oder „Typisch Frau“ vorkommen. Auf der anderen Seite beneide ich meine Schwester, die man in der größten Krise mit einem einzigen Satz aufmuntern kann: „Komm mit ins Kaufhaus, wir gehen Schuhe und Taschen angucken!“
Linda Wilken
Kommentare
| Krisse schrieb am 14.03.2006 um 22:31 Uhr: |
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Klamottenkaufen kann genauso schlimm sein. Am besten zu unmöglichen Zeiten versuchen. Dann lässt es sich leichter aushalten…
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| Löre schrieb am 09.02.2006 um 23:41 Uhr: |
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Das Thema Schuhe nervt schon, wenn man welche kaufen muss…warum schreibt ihr dann noch über so was? finde ich echt irgendwie ein doofes Thema für die sonst so gute Justmag…aber Der Artikel ist abgesehen vom Thema nett,…
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| Daps schrieb am 03.02.2006 um 15:26 Uhr: |
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verdammte Schuhcenter
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