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Und immer lächeln.

Und immer lächeln.

Warum ich mich nach einem Konzert am liebsten weit weg beamen möchte.

Die halbe Nation zwischen 15 und 30 prostituiert sich dieser Tage vor der Kamera und zweifelhaften Juroren, um ins Rampenlicht zu kommen. Was für ein Traum, vor einem jubelnden Publikum zu stehen, sich im Scheinwerferlicht zu verbeugen und zu lächeln, während der Applaus tost. Ich kenne das Gefühl. Ich bin weder Superstar noch Topmodel und die wenigsten meiner Auftritte sind glamourös, doch ich stehe regelmäßig vor begeistert klatschendem Publikum. Nach vielen Stunden des Probens, Aufbauens, Sound-Checkens und Musik Machens ist das fixer Bestandteil fast jeden Konzertes, das ich spiele. Für mich ist es das, worauf ich am liebsten verzichten würde.

Am schwersten fällt es mir nach einem Set mit eigenen Liedern. Da habe ich Sekunden vorher mein Innerstes preisgegeben, mich von meiner verletzlichsten Seite gezeigt und die Zuhörer in meine Seele blicken lassen. Nach solch einem Seelenstrip bin ich nackter, als wenn ich nur meine Kleider ausgezogen hätte. Und so soll ich mich nun lächelnd vor die Leute hinstellen? Wenn ich mich auf die melancholischen Stücke, die ich singe, wirklich eingelassen habe, brauche ich auch erstmal eine Weile, um zu der leichten Fröhlichkeit zurückzufinden, die den Zuhörern als Reaktion auf ihren Applaus wahrscheinlich gefallen würde. Also ist mein Lächeln gespielt, und da ich keine gute Schauspielerin bin, komme ich mir dabei ganz schön blöd vor. Ich bin nicht nur nackt, sondern trage auch noch eine Maske, die mir nicht passt.

Bei den meisten meiner Auftritte begleite ich andere Sänger. Da kommt zum Spielen eine Menge an Aufgaben hinzu: Ich koordiniere Einsätze, reagiere in Sekundenbruchteilen auf Fehler, wechsle zwischen unterschiedlichen Stilrichtungen und Stimmungen, gebe bei Nervosität Rückendeckung und souffliere, wenn die Solisten mal wieder ihre Texte nicht wissen. Nicht selten habe ich zuvor den Tag mit hektischen Vorbereitungen in letzter Minute verbracht, für die die Sänger gerade keine Nerven hatten, und dabei die größtmögliche Ruhe ausgestrahlt. Das bedeutet nicht nur 150-prozentige Konzentration, sondern verlangt mir Unmengen an Energie ab. Am Ende eines solchen Programmes sinkt die Kurve meiner Aufnahmefähigkeit weit unter null. Es ist also der denkbar schlechteste Moment, um etwas anzunehmen von Menschen, die mir fremd sind.

Sich nicht zu verbeugen wäre unhöflich, also verlasse ich gezwungenermaßen den geschützten Platz hinter dem Klavier und begebe mich in die Bühnenmitte. Während ich darauf achte, über keine Kabel zu stolpern, versuche ich, zu lächeln. Es fällt mir schwer genug, die Augen richtig offen zu halten, denn Scheinwerferlicht sieht zwar aus der Zuschauerperspektive toll aus, hat aber auf der Bühne vor allem zwei Effekte: Es ist heiß und es blendet.

Ein begeisterter Applaus ist ein wunderschönes Kompliment, er bedeutet, dass ich das Publikum mit meiner Musik erreicht habe. Ich speichere das auch irgendwo ab und freue mich später darüber. Während ich aber da oben stehe, spüre ich fast nichts. All meine Emotionen sind in die Musik geflossen, ich bin leer und ich bin müde. Der Beifall, von dem so viele träumen, ist nicht immer ein Genuss, er kann auch einfach nur anstrengend sein. Ich verbeuge mich lächelnd vor den klatschenden Menschen und denke nur eines: Ich will weg hier.

Katharina Litschauer



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