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Aufstand der Zwerge.

Aufstand der Zwerge.

Warum ich dank Liechtenstein in Peking Gold gewinne.

Aus der Serie Fight Club:

Neulich schien es mir sehr klug, in einen Zwergstaat zu ziehen. Diese Tintenkleckse der Geschichte, die still und heimlich vor sich hin existieren, wenn die deutsche Nationalmannschaft sie nicht gerade aus dem Stadion jagt. Ich dachte: Ich muss an den Olympischen Spielen in Peking teilnehmen, aber ich bin nicht schnell und nicht stark und schwimmen kann ich nur soviel, dass ich nicht ertrinke. Mein Plan: Ich muss für ein Land antreten, in dem die Konkurrenz überschaubar ist. Ein Land, in der jeder Einwohner sich vor den Olympischen Spielen spontan entscheiden konnte, ob er im Bogenschießen oder Kunstspringen antreten wollte. Doch für meinen Einsatz sollte mir das Land auch was bieten.

Meinen ersten Brief schickte ich an Tuvalu, einen Inselstaat im pazifischen Ozean. Die Antwort war enttäuschend: „Wir freuen uns über Ihr Interesse, müssen Ihnen aber leider mitteilen, dass es unser Land dank Klimaerwärmung bald nicht mehr gibt. Keine unserer Inseln liegt mehr als fünf Meter über dem Meeresspiegel.“
Nächster Versuch. Der Botschafter von Nauru, ebenfalls Pazifik, war schwer begeistert. Nauru hatte viele Jahre richtig Geld gemacht, weil sich die Vogelscheiße auf der Insel in Phosphat verwandelt hatte. Leider investierten die Einwohner viel von ihrem Gewinn in Essen, so dass Nauru heute den weltweit höchsten Anteil an Diabetes-Kranken hat und dünn waren die Leute da auch nicht gerade. Da sollte die landesinterne Qualifikation kein Problem für mich sein. Doch war das auch das einzig positive an Nauru. Das Phosphat war knapp geworden, das Land stand kurz vor der Zahlungsunfähigkeit. Nun finanzierte es sich unter anderem dadurch, dass Australien dort pakistanische, afghanische und irakische Flüchtlinge lagerte. Außerdem war es als Standort für australischen Atommüll im Gespräch. Ich sagte allerdings erst ab, als ich erfuhr, dass es nur ein Kino gab.

Die Bonzen aus Monaco machten sich nicht mal die Mühe, mir zu antworten. Der Staat mit der höchsten Einwohnerdichte der Welt hatte andere Sorgen als Medaillen zu gewinnen. Andorra lockte mich mit dem Angebot, dass die Post im Inland Briefe gratis beförderte. Der Botschafter verschwieg mir allerdings, dass die Höchstgeschwindigkeit 90 war und sich ein spanischer Bischof und der französische Präsident das Amt des Staatsoberhauptes teilten — und die Staatsbürgerschaft gab es erst nach 25 Jahren Aufenthalt. So lange hatten mein Körper und ich nicht mehr Zeit. Frustriert rief ich den Vatikanstaat an. Herr Benedikt pries sein Königreich. Staatsbürger zahlten weder Strom- noch Telefonrechnungen, alle Einwohner konnten schreiben, alle Einwohner waren katholisch und die Geld-Automaten hatten auch eine lateinische Anzeige. Mein Herz hüpfte. Bis ich erfuhr, dass der Papst nur die halbe Wahrheit gesagt hatte. Es gab keinen Friseur, dafür die höchste Kriminalitätsrate der Welt im Verhältnis zur Einwohnerzahl (Handtaschendiebstähle etc.), eine halbe Stunde vor Mitternacht wurde das Land geschlossen und die Verfassung war autoritärer als die iranische und die nordkoreanische zusammen. Artikel 1 lautete: „Der Papst besitzt als Oberhaupt des Vatikanstaates die Fülle der gesetzgebenden, ausführenden und richterlichen Gewalt.“ Das war auch mir, der sein Panini-Sammelalbum „Kaiser Wilhelm II.“ stets gepflegt hatte, etwas zuviel.

Dann war es plötzlich wie Musik in meinen Ohren. Erbprinz Alois von und zu Liechtenstein führte die Staatsgeschäfte in nun ja Liechtenstein. Erbprinz Alois von und zu Liechtenstein! Kein Vergleich zu „Bundeskanzlerin Angela Merkel“. Die Menschen dort schrieben deutsch, die Zeitungen auch und erst ab 0,8 Promille hinterm Steuer gab es Probleme mit der Polizei. Das allerbeste: In der inoffiziellen Statistik „Olympische Medaillen pro Einwohner“ war Liechtenstein die erfolgreichste Nation. Ich schwanke noch zwischen Modernem Fünfkampf und Luftgewehrschießen. Eine Tageszeitung habe ich bereits abonniert, das Liechtensteiner Vaterland, die größte in Liechtenstein. Auflage: mächtige 10500.

Sebastian Dalkowski



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